Wir haben unsere Flughöhe verlassen und befinden uns im Sinkflug. 7950 Meter, 7500 Meter, 6000 Meter. Ein grüngelber Fleck inmitten einer weißen Fläche materialisiert sich auf dem Bildschirm. Noch sind keine Einzelheiten zu erkennen. Tiefer, tiefer! 5000 Meter, 4580 Meter. Die Umrisse erster Gebäude tauchen auf: Tempel, Säulenreihen, die Ovale von Arenen, kaum größer als ein Daumennagel. Dazwischen ackerbraune Brachfläche.
2650 Meter. 2600 Meter. Wir sehen Brücken, die über einen Fluss führen, und setzen an zum Sturzflug: 700 Meter. Das Kolosseum wird erkennbar, ein mehrstöckiges, intaktes Rund - die Realität sieht anders aus als vor 1689 Jahren. Im Jahr 2009 ist das Amphitheater nur noch bis zum dritten Rang erhalten, das übrige Baumaterial wurde schon vor Jahrhunderten abgetragen.
Links davon, im Südwesten, steht der Konstantinbogen, im Osten der Ludus Magnus, die Gladiatorenkaserne. Tiefer, tiefer, die aufgerollten Sonnensegel des Kolosseums kommen in Sicht. Wir sehen streichholzklein die Holzpfeiler, an denen sie befestigt sind, die Schnüre, mit denen sie gehalten werden. Blicken hinunter auf rote Dächer und gekachelte Innenhöfe.
Zur Person
Hansgerd Hellenkemper, geboren 1945, ist einer der besten Kenner der römischen Antike. Am Römisch- Germanischen Museum in Köln war er zunächst stellvertretender Direktor und ist seit 1980 Direktor des Hauses. Die Archäologische Bodendenkmalpflege der Stadt Köln leitet Hellenkemper seit 1994.
An der Kölner Universität hat er eine Honorarprofessur für Byzantinische Archäologie inne. In Mainz wurde Hellenkemper jetzt zum Vorsitzenden des Verwaltungsrates des Römisch-Germanischen Zentralmuseums gewählt.
Neu bei Google Earth ist "Das antike Rom in 3D", eine Anwendung, die aus dem Projekt "Reborn Rome" der US-amerikanischen University of Virginia hervorgegangen ist. Mit ihr kann der User virtuell über Rom im Jahr 320 n. Chr. fliegen oder durch die Straßen bummeln.
An der Kölner Universität hat er eine Honorarprofessur für Byzantinische Archäologie inne. In Mainz wurde Hellenkemper jetzt zum Vorsitzenden des Verwaltungsrates des Römisch-Germanischen Zentralmuseums gewählt.
Neu bei Google Earth ist "Das antike Rom in 3D", eine Anwendung, die aus dem Projekt "Reborn Rome" der US-amerikanischen University of Virginia hervorgegangen ist. Mit ihr kann der User virtuell über Rom im Jahr 320 n. Chr. fliegen oder durch die Straßen bummeln.
Wir befinden uns im Jahr 320 nach Christi Geburt. Vier Jahre später wird Konstantin der Große alleiniger Herrscher über das mächtige römische Weltreich sein. Rom hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine rund 300-jährige Stadtgeschichte auf dem Buckel und platzt aus allen Nähten. Eine Tatsache, von der wir jetzt profitieren: Das Rom dieser Epoche ist wissenschaftlich so gut aufgearbeitet wie keine andere antike Stadt. Und so war es vor allem jahrelange Fleißarbeit, die die University of Virginia in ihr Projekt "Rome Reborn" investieren musste. Heraus kam nichts weniger als die virtuelle Rekonstruktion des nachchristlichen Rom, im Internet abrufbar für jedermann. Google Earth macht es möglich unter dem Stichwort "Das antike Rom in 3D".
"Wir biegen vom Kolosseum ab zum Tempel der Venus und gehen hoch zum Forum Romanum", gibt Hellenkemper die Route unserer Zeitreise vor. So kann nur einer reden, dem die Roma Antica so vertraut ist, als sei er vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden am Ufer des Tiber aufgewachsen. Ein Navigator in der rechten Bildschirmhälfte dient uns als "Steuerrad", mittels eines Kompasses lässt sich die Himmelsrichtung verändern. Schnell erweist sich eine Flughöhe von 100 Metern als ideal, um Details zu betrachten - die unterschiedliche Schichtung der Ziegeldächer, die Marmorierung von Tempelstufen, die steinernen Gitter vor den Fenstern. Selbst Inschriften und Kapitelle sind zu erkennen. Wer hingegen den Überblick übers antike Straßennetz behalten will, der sollte auf mindestens 300 Meter hochsteigen. Doch Vorsicht: Das Navigieren will gelernt sein. Zudem sind Grundkenntnisse des antiken Rom dringend vonnöten, damit man nicht unversehens außerhalb der Stadtmauern landet!
Das Kolosseum liegt hinter uns. Es geht weiter zur Basilika, die zunächst nach Maxentius, dann nach Konstantin benannt wurde. Es ist eine der detailreichsten Animationen des visualisierten Rom. Maxentius ließ das mächtige Bauwerk zu Beginn des 4. Jahrhunderts errichten. Seine Fertigstellung erlebte der glücklose Herrscher nicht mehr. Heute steht - nach einem Erdbeben im 14.Jahrhundert - von dem Gemäuer, das seinen Namen trägt, nur noch das rechte Seitenschiff.
Video-Präsentation von Google
Wie die Basilika einst ausgesehen hat, zeigt sich nun auf dem Bildschirm: ein weißes Gebäude mit einer raffinierten Decke und Säulen aus dunkelrotem Marmor. Ist das realitätsnah? "So roten Marmor haben wir nicht in dieser Struktur", kritisiert Hellenkemper. "Aber man ist damit auf dem richtigen Weg." Respekt nötigen ihm die detailliert gestalteten Fenster aus grünem Glas ab: "Sehr gut gemacht" - und umso beachtlicher, als Glasfunde aus der Antike extrem selten sind. Von den Marmorstatuen im Inneren des Gebäudes, das man als eines der wenigen virtuell betreten kann, ist heute wohl keine mehr erhalten, doch das Vorhandensein von Wandnischen lasse keinen Zweifel daran, dass es sie gegeben habe.
Der Fantasie, so viel steht schnell fest, war wenig Spielraum gegönnt bei der Entwicklung des virtuellen Rom. Was auf dem Bildschirm zu sehen ist, darf als gesichert gelten. Details, über die sich die Archäologen bis heute im Unklaren sind, werden ausgespart - für Hellenkemper ein begrüßenswerter Mut zur Lücke. Ihre guten Kenntnisse der alten Bausubstanz verdanken die Macher von "Rome Reborn" nicht zuletzt Italiens Diktator Benito Mussolini. Der "Duce" inszenierte im Jahr 1938 eine Ausstellung über das antike Rom, um die Herrschaft von Kaiser Augustus zu feiern. Kernstück der Ausstellung war ein riesiges Modell der alten Stadt, das den Wissenschaftlern der amerikanischen Universität eine Fülle wichtiger Erkenntnisse lieferte. Vergliche man das, was man etwa über das antike Köln weiß, mit dem Wissen über Rom, verhielte sich das in einem Verhältnis von eins zu 100, sagt Hellenkemper.


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