Deutschland hat eine neue Lieblingssportart. Wir sind alle Wasserspringer. Nach den Bronzemedaillengewinnerinnen Ditte Kotzian und Heike Fischer waren es gestern die Turmspringer Sascha Klein und Patrick Hausding, die die Sportnation am dritten Wettkampftag vor dem Versinken im Niemandsland des Medaillenspiegels bewahrten. Die Silbermedaille im Synchronspringen reicht gerade für Platz 19, einen Rang vor Österreich.
So viel Erfolg ist schweißtreibend. Walter Alt nennt sich Fachspartenvorsitzender Springen im Deutschen Schwimm-Verband. Gott sei Dank sind die Sportler um ein Vielfaches geschmeidiger als der etwas sperrige Funktionärstitel. Der Frankfurter gewinnt mit jedem Absaufen der sonst so übermächtigen deutschen Schwimmer an Bedeutung. Noch ein, zwei Medaillen, dann kann er übers Wasser laufen. Jetzt schwitzt er vor Freude, vor Stolz und natürlich weil es warm ist im Bauch des Aqua-Würfels.
Der Frankfurter deutet auf seine Edelmetalltaucher: "Schisser sind das keine." Das glaubt gerne, wer einmal auf dem zehn Meter hohe Turm gestanden hat. Auch nach 12 000 bis 16 000 Sprüngen proJahr, nicht alle aus schwindelerregender Höhe, ist so ein Satz in die Tiefe selbst für die Profis nicht ganz ungefährlich.
Patrick Hausding zählt zwischen zärtlichem Streicheln seiner vor der Brust baumelnden Olympia-Beute mal eben ein paar seiner schwereren Blessuren auf: Daumen- und Handbrüche, Sehnen- und Muskelrisse und zwischendurch mal die Schulter ausgekugelt. "Eine gewisse Härte gehört dazu", sagt Cheftrainer Lutz Buschkow, ein leutseliger Berliner, der im Training aber schon mal die Peitsche auspacken kann.
Jetzt spricht er von ordentlichen, jungen Burschen, die in einem spannenden Wettbewerb Nervenstärke bewiesen hätten. Nach einem Patzer im vierten Sprung musste der Ruhepol des Duos, Sascha Klein, seinen Sprungkameraden erst mal wieder auf die Plattform runterholen. Der Aachener und der Berliner waren zwischenzeitlich vom Podest heruntergerutscht. Im letzten Sprung, einem sehr schwierigen kaum zu beschreibenden zweieinhalbfachen Rückwärtssalto mit zweieinhalb Schrauben und einem größeren Luftzwischenfall bei den russischen Bronzemedaillengewinnern Gleb Galperin/Dimitri Dobroskok rückten sie gar den beiden chinesischen Teenagern Lin Yue/Huo Liang auf die Goldpelle.
"Der Wahnsinn", der sich im Pekinger Sprungbecken ausbreitete, soll nach den Worten von Sascha Klein bei Olympia in London mit der Goldmedaille noch eine Krönung erfahren. Der Aachener Sportsoldat ist beim kundigen chinesischen Publikum bereits ein Held. Im Frühjahr gewann er hier einen Weltcup, seither weiß er, dass Wasserspringen im Reich der Mitte ungefähr so populär ist wie Fußball in Europa.
Einen ähnlichen Status genießt der erst 14-jährige Tom Daley. Das schmächtige Bürschchen landete mit seinem Partner Blake Aldridge zwar nur auf Platz acht, die Kinderattraktion aus Großbritannien sorgte aber ebenfalls bereits beim Weltcup im Lande der Artistik für Furore.
Die Wege der beiden deutschen Sportpartner auf Zeit trennen sich nun wieder. Anders als gedacht, hüpfen Synchronspringer nicht ständig gemeinsam vom Turm. Nur alle drei bis vier Wochen wird zusammen trainiert. "Wichtiger ist, dass jeder das Programm beherrscht", erklärt Buschkow. Patrick Hausding kann Olympia ganz ohne Druck genießen. Sascha Klein fiebert jetzt schon dem vorletzten Tag der Spiele entgegen. Dann wird beim Finale vom Zehn-Meter-Turm ganz großer chinesischer Zirkus geboten, mit vielleicht einer ganz großen Nummer aus der alten deutschen Kaiserstadt. Schiss hat er davor "kein bisschen". Ins Schwitzen kommt dann bestimmt wieder Walter Alt, der Vorsitzende der Fachsparte Medaillensammeln.



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