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Geschockt und hilflos

Winnenden sucht nach Erklärungen

VON JOACHIM WILLE

Dunkle Wolken ziehen durch, aber die Sonne lässt sich immer wieder blicken. Eine schwäbische Bausparkassen-Idylle, eigentlich. Eine schöne historische Altstadt mit gut erhaltenem Fachwerk, gelegen auf einer Anhöhe, auch stattliche Bürgerhäuser, ringsum Einfamilienhausland. Keine rechte Szene, kein Drogenschwerpunkt, auch sonst keine überdurchschnittliche Kriminalität. Winnenden ist eine schwäbische Kleinstadt, mit rund 27.000 Einwohnern, 20 Kilometer sind es bis Stuttgart.

Der Schock hat die Marktstraße leergefegt. Wo sonst Einkaufstrubel herrscht und man in den Cafés sitzt, sind nur wenige unterwegs. Die Volkhochschule, die am zentralen Platz in der Altstadt liegt, hat heute geschlossen. "Alle Veranstaltungen abgesagt", steht unten am Eingang - neben der Ankündigung des Vortragsabends "Ermutigend erziehen und leben - wie finde ich Zugang zum Herzen meines Kindes?". Der ist für den 24. März geplant. Es soll ein "langer Abend" werden.

Ein Amoklauf ausgerechnet in dieser Stadt im Speckgürtel nordöstlich von Stuttgart? Wo die Arbeitslosigkeit trotz Krise noch niedrig ist, wo viele "beim Daimler" in der Landeshauptstadt schaffen, wo der weltbekannte Reinigungsgeräte-Hersteller Kärcher seinen Sitz hat und wo zwei Kliniken viele Jobs bieten?

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Proper sieht es hier aus. Eine Wohngegend für Gutsituierte, viele Einfamilienhäuser mit schönen Gärten, keine Problemviertel wie man sie aus anderen Städten kennt. Die Stadt ist kaum verschuldet, eine neue große Klinik soll gebaut werden, die Innenstadt wird weiter verkehrsberuhigt, weil die neue B 14 eine Umfahrung erlaubt. "In unserer Stadt geht es gerade aufwärts", sagt die Leiterin der Volkshochschule Christel Ludwig. Und nun das.

Schock, Fassungslosigkeit, Unverständnis, überall, wo man fragt. Serkan Guga ist mit seiner Familie vorletztes Jahr aus der Landeshauptstadt hierher gezogen. Der Obsthändler steht vor seinem Geschäft, er schüttelt den Kopf. Sein Laden geht gut, denn hier haben die Leute noch das Geld, im Fachgeschäft zu kaufen, statt nur beim Discounter.

Am Morgen hat eine Schülerin der Albertville-Realschule, die bei ihm nachmittags aushilft, angerufen und kurz erzählt, was passiert war. Am Morgen hörte Guga im Radio von dem Amoklauf im US-Bundsstaat Alabama. "Ich hätte gedacht, wenn bei uns so etwas geschieht, dann doch eher in Stuttgart", sagt er. Es sei in Winnenden besser als in der Großstadt - "besonders für die Kinder".

Dieser Tag, meint Guga, der sei gelaufen. Wer kann an so einem Tag noch Obst anpreisen, dem Tag, an dem Winnenden zum Menetekel wurde. Die Stadt steht nun in einer Reihe mit Erfurt und Emsdetten, die in den letzten Jahren von jugendlichen Amokläufern heimgesucht wurden. Guga macht für heute seinen Laden zu.

Im Café an der Marktstraße läuft NTV. Die Bilder des Grauens am Fließband. Marianne W. (Name geändert, Red.), eine von nur zwei Gästen, kann nicht vom Bildschirm wegsehen. Ihr steckt die Angst noch in den Knochen. Sie war am Morgen zur Physiotherapie im Krankenhaus, als draußen der Amokläufer vorbeikam. "Alles wurde verrammelt, man durfte nicht raus", erzählt sie.

Und dann spricht die ältere, doch resolute Frau über ihre Sorgen, die Gesellschaft betreffend, besonders die Jugendlichen. Schlechte Erfahrungen habe sie gemacht. Junge Leute, die sonntags die Kirchentür aufrissen, um den Gottesdienst zu stören, andere, die sie einmal in der S-Bahn attackiert hätten.

Aber das sei nicht das Schlimmste. "So Sachen hat es früher auch schon gegeben", meint W.. Schlimm sei, so macht sie sich ihren Reim auf das Unfassbare, dass die Jugend kaum noch richtig erzogen werde. "Die Eltern arbeiten beide", sagt sie, "keiner hat noch Zeit." Und das eben nicht nur im Ruhrgebiet oder im Osten, wo es den Leuten schlechter gehe, sondern auch hier - im goldenen Südwesten. Der Amokläufer, der sich nach seiner Bluttat selbst erschoss, kam aus einer Unternehmerfamilie. "Geld schützt nicht vor Wahnsinn", sagt W..

Man versucht, sich einen Reim zu machen. Einen Reim, der sich nicht reimt. Die Jugendlichen, die jungen Erwachsenen sind hier wie anderswo. Es gibt schon mal Gewalt vor Discos, man kämpft gegen das "Komatrinken", das in den letzten Jahren öfter vorkommt, andernorts genau wie hier.

Der Chef des Polizeireviers von Winnenden, Ralf Böskens, hatte den Kampf gegen zu viel Alkohol letztes Jahr zum Ziel erhoben. Eine zentral gelegene Tankstelle in der Stadt hatte sich zur Quelle für Hochprozentiges entwickelt, die jungen Leute soffen, krakeelten und randalierten. Auch die "Schulabschlussfeiern" im Stadtgarten, wo sich die Kids mit dem Zeugnis in der Tasche maßlos betrinken, sind den Stadtoberen und Polizisten ein Dorn im Auge. "Das soll 2009 ausdrücklich nicht mehr gestattet werden", heißt es.

Aber das waren die Themen, die vor dem 11. März 2009 wichtig waren. VHS-Chefin Ludwig ist ratlos, wie alle. "Bei uns wird so viel getan, um Eltern und Jugendlichen zu helfen", sagt sie, aber vermutet: "An die, für die es wichtig wäre, kommt man wohl gar nicht heran."
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Dokument erstellt am 11.03.2009 um 17:52:01 Uhr
Letzte Änderung am 12.03.2009 um 12:42:52 Uhr
Erscheinungsdatum 12.03.2009
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