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Amoklauf in Winnenden

Eine Spur des Grauens

VON GABRIELE RENZ

Winnenden, 9.15 Uhr: Ein junger Mann im schwarzen Kampfanzug betritt einen schmucklosen Beton-Flachbau aus den 70er Jahren: die Albertville-Realschule. Er läuft zu den Räumen der neunten und zehnten Klassen. Tim K. kennt sich aus, er hat 2008 hier seinen Realschulabschluss abgelegt. Warum er mit einer Pistole in der Hand zurückgekehrt ist, weiß bislang niemand.

In drei oder vier Klassenräumen schießt Tim K. um sich. "Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt ,Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", erzählt ein geschockter Schüler dem Radiosender Hit-Radio Antenne 1. Schüler springen aus dem Fenster, rennen schreiend um ihr Leben.

Trotz der Panik versuchen die Lehrer, den Alarmplan umzusetzen, der seit dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt vor knapp sieben Jahren an allen deutschen Schulen trainiert wird: einschließen in den Klassenzimmern, die Schule auf keinen Fall verlassen, um dem Täter keine weiteren Ziel zu bieten. "Wir waren im Computerraum", erzählt eine Schülerin der Klasse 9c, "auf einmal haben wir dann so Schläge gehört, und dann ist unsere Lehrerin rausgegangen, hat nachgeschaut und hat einfach die Türe zugemacht." Wer im Computerraum war, hatte Glück. In den Klassen erschießt Tim K. acht Schülerinnen und einen Schüler, alle 14 und 15 Jahre alt, und drei Lehrerinnen.

Tim K. aus dem Leutenbacher Stadtteil Weiler zum Stein sei "ein ruhiger, netter Junge", sagt Frank Seiler, "vielleicht etwas in sich gekehrt". Sein Sohn Steffen hat als als einer der ersten die Kraft gefunden, nach dem Massaker im Klassenzimmer sein Handy herauszunehmen, die Nummer der Polizei zu wählen. Steffen kannte Tim, auch er kommt aus Weiler zum Stein, war nur ein gutes Jahr älter als Steffen. Auch zwei der Mädchen, die Tim K. niederstreckte, stammen aus Leutenbach. Sie seien, vermuten Polizisten später, "gezielt erschossen worden".

Wie Steffen pendelte auch Tim K. bis zum vergangenen Sommer ins rund zwölf Kilometer entfernte Winnender "Schulzentrum II", wo 1700 Mädchen und Jungen aus dem Umland drei Schularten besuchen. Zuletzt machte Tim K. eine Ausbildung. Die Albertville-Realschule, benannt nach der Partnerstadt von Winnenden, hat rund 580 Schüler.

Um 9.33 Uhr geht der erste Notruf bei der Polizeistation in Winnenden ein. Sofort machen sich zwei Beamte des Kriseninterventionsteams auf den Weg. Solche Teams, in Baden-Württemberg seit Jahren im Einsatz, sollen für Ruhe sorgen, Panik verhindern, den Täter zur Aufgabe bewegen.

9.40 Uhr: Die Polizisten, so schildert es später Innenminister Heribert Rech (CDU), dringen ins "Objekt ein". Doch sie kommen zu spät. In den Klassenräumen habe sich "ein schreckliches Bild geboten", berichtet der Minister. Baden-Württembergs Polizeipräsident Erwin Hetger ist sein Entsetzen noch Stunden später anzusehen: "Ich war selbst drinnen. Das kannst du nicht verkraften."

Auf dem Fluchtweg des Täters finden die Beamten "unzählige leere und volle Patronen", was die Ermittler später zu der Vermutung veranlasst, dass noch größeres Unheil hätte entstehen können. Auch fällt ihnen auf, dass die Ziele K.s vorwiegend Mädchen und Frauen waren.

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9.41 Uhr: Tim K. erschießt einen Gärtner des Zentrums für Psychiatrie, nur wenige hundert Meter von der Schule entfernt. Zunächst heißt es, K. sei unterwegs in Richtung Innenstadt. Die Polizei verliert seine Spur. Eine Großfahndung wird eingeleitet, Hubschrauber kreisen über Winnenden. Polizisten fahren bei K.s Eltern in Weiler zum Stein vor, durchsuchen das Haus. Der Vater, Mitglied in einem Schützenverein, besitzt 16 Schusswaffen. Eine davon, eine großkalibrige Pistole, fehlt.

9.45 Uhr: Der Täter stoppt einen VW Sharan, zwingt den Fahrer mit vorgehaltener Waffe, ihn ins rund 35 Kilometer entfernte Wendlingen zu bringen.

10.30 Uhr: Auf den Bundesstraßen 14 und 29 geht nichts mehr. Hundertschaften Einsatzpolizei rasen zum Tatort – aus Göppingen, Ludwigsburg, Stuttgart. Die Einsatzleitung beordert alle Kräfte, die sie hat, ins Remstal. Drei Hubschrauber überfliegen die Innenstadt mit den roten Backsteinhäusern und dem Kopfsteinpflaster. "Die ganze Stadt gleicht einer Festung", sagt ein Anwohner, "es herrscht blankes Entsetzen." Die Polizei überwältigt mehrere Passanten, die der Täterbeschreibung ähneln.

Im gesamten Rems-Murr-Kreis werden Schüler in ihren Schulen festgehalten. Der Unterricht wird unterbrochen. Alle Schulen werden von der Polizei überwacht. Besorgte Eltern eilen zur Albertville-Realschule. Draußen schreit eine Mutter verzweifelt in ihr Handy: "Was soll ich denn jetzt machen, jetzt muss ich hier stehen und beten". Ein Lehrer muss die Leichen der Kinder identifizieren.
Steffen Sailer, der den Notruf ausgelöst hat, liegt da bereits zu Hause auf dem Sofa. Er blickt, sagt sein Vater, "nur an die Decke". Als seine Mutter ihn vom Ort des Schreckens abholte, hat Steffen noch geweint, wie alle seine Mitschüler. Nun sind sie wie versteinert. Manche sprechen mit Psychologen, manche wollten, wie Steffen, einfach nur nach Hause.

Kurz vor 12 Uhr: Tim K. hat den entführten Fahrer des Sharan an der Autobahn aussteigen lassen, ist selbst weitergefahren. An einer Bundesstraße nahe einer Autobahnauffahrt hält er an. Der 17-Jährige geht zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet von Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt die Polizei.

Wendlingen, 12.01 Uhr: Tim K. betritt ein VW-Autohaus und erschießt zwei Angestellte. "Warum er gerade hierher gekommen ist, wissen wir auch nicht, es gibt da bisher keine Verbindung", sagt ein Polizeisprecher.

12.05 Uhr: Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet er das Feuer auf eine inzwischen eingetroffene Polizeistreife. Er verletzt zwei Beamte der Polizeidirektion Esslingen schwer. Auch Tim K. wird von einer Kugel getroffen. Offenbar hat er sich selbst erschossen. 15 weitere Menschen hat er mit sich in den Tod genommen.

Winnenden: Für 12.30 Uhr ist eine Pressekonferenz mit Innenminister Rech und Regierungschef Günther Oettinger (CDU) anberaumt. Sie wird verschoben: Es habe eine "weitere Lageentwicklung" gegeben, sagt ein Polizeisprecher. Weil Tim K. noch draußen herumläuft, wird spekuliert. Oberbürgermeister Bernhard Fritz ist mit den Nerven am Ende. "Haben Sie überhaupt keine Moral", schreit er einen der sicher 30 Fotografen an, der über das rotweiße Absperrband hinweg das Objektiv auf ein erschüttertes Gesicht richtet.

Vor der Albertville-Realschule stehen kleine Grüppchen von Schülern. Jungen und Mädchen, 14 bis 18 Jahre alt. Sie reden wenig. Die Schüler ziehen an ihren Zigaretten, manchmal nehmen sie sich einander in den Arm. Viele kannten Tim K. Sie beschreiben ihn als unauffällig und höflich. Er sei ruhig, kein Macho, auch kein Außenseiter gewesen. "Jemand, mit dem man gerne ausgeht", sagt die 15-jährige Jasmin.

Eine ältere Frau, Putzkraft in der Albertville-Schule, war zum Zeitpunkt des Amoklaufs in der Turnhalle. "Ich bin so fassungslos, ich kann nicht einmal weinen", sagt die Frau.

13.15 Uhr: Die Pressekonferenz in der Sporthalle der Albertville-Realschule beginnt. Hunderte Journalisten sind da. Manche spekulieren, ob Tim K. sich vom Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama hat beeinflussen lassen, wo in der Nacht zum Mittwoch elf Menschen getötet wurden.

Kultusminister Helmut Rau sagt, Tim K. sei "nie auffällig gewesen". Offenbar habe er eine "doppelte Identität gehabt". Jürgen Kiesl, Bürgermeister der Gemeinde Leutenbach, zu der K.s Wohnort Weiler zum Stein gehört, hat den jungen Mann zweimal als Sportler geehrt. Auch die Eltern des Jungen kennt er gut, der Vater ist ein angesehener Unternehmer. "Ich kann mir nicht vorstellen, was diesen Jungen zu der Tat gebracht haben sollte", sagt er. "Nach diesem Tag wird bei uns über Monate nichts mehr so sein, wie es war."
mit dpa, afp, rtr, epd und ddp
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Dokument erstellt am 11.03.2009 um 17:52:01 Uhr
Letzte Änderung am 12.03.2009 um 09:09:46 Uhr
Erscheinungsdatum 12.03.2009
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