Frau Hohndorf, Herr Rumpf, wie lange kennen Sie sich schon?
Justus Rumpf: Seit 2001, wir haben uns über eine Annonce kennen gelernt, in der esoterischen Zeitung Sein in Berlin.
Und dann war es Liebe auf den ersten Blick?
Rumpf: Sagen wir mal: Es hat sehr viel gepasst, das haben wir gleich gespürt.
Erika Hohndorf: Ich hatte vorher 22 Jahre lang eine Beziehung gehabt, in der ich nicht sehr glücklich war. Mein Partner starb dann. Und dann las ich in der Annonce, die Justus aufgegeben hatte, was von Tantra.
Was stand da genau drin?
Hohndorf: "Mann 57 Tantra, spirituell orientiert ist offen für Herz-zu-Herz Begegnung, Rituale, Meditation, Massage. Ja zu Liebe und Sein-lassen." Ich kannte bis dahin nur ein paar Tantra-Bücher. Als mein Partner dann starb, dachte ich: Das kann's doch nicht gewesen sein. Da war ich immerhin schon 57. Also ging ich auf die Annonce ein. Als Justus zurückgerufen hat, hab' ich gleich gemerkt: Das ist ein super-interessanter Mann. Das könnte was werden.
Rumpf: Weil wir ja auch genau das gleiche Alter haben, wir passen einfach zusammen. Die Erfahrungen, Interessen und Probleme sind eben ganz ähnlich. Die Suche der meisten Männer nach jüngeren Frauen ist mir unverständlich.
Die Fotografin und ihr Projekt
Katrin Trautner, Jahrgang 1981, suchte per Anzeige in Stadtmagazinen für ihre Diplomarbeit an der FH Bielefeld Paare und Singles über 60, die sich vor der Kamera ausziehen würden und sich gegebenenfalls auch beim Liebesspiel ablichten lassen würden.
Ältere Menschen aus Köln, Berlin, Bremen und Bielefeld meldeten sich, kamen mit Trautner ins Gespräch. Viele wollten Trautners Idee unterstützen. "Dass sich durch solche Bilder, wenn sie öffentlich gezeigt werden, auch an der allgemeinen Vorstellung etwas ändert, dass nur junge, makellos schöne Menschen Sex haben", sagt
die Fotografin.
Einige der Frauen, die sich auf die Annonce meldeten, erlebte sie zunächst als "stark
verunsichert" durch die vorherrschenden Idealbilder. Kann ich mich noch zeigen? Muss ich mich ganz ausziehen? Musste niemand, sagt Trautner. Nichts wurde gestellt, nichts erzwungen. Dennoch machten einige einen Rückzieher. Diejenigen, die dabei blieben, waren oft "frisch verliebte Paare".
Die die Liebe so locker, frei und fröhlich erleben, dass sie der Fotografin den Titel zur Serie lieferten:"Morgenliebe". Dort sind die Namen der Abgelichteten anonymisiert. Die Frankfurter Rundschau hat mit einigen gesprochen, die wir nur mit dem Vornamen nennen, und ein Paar interviewt.
"Gute Aussichten. Junge deutsche Fotografie", 15. Mai - 11. Juli, Art Foyer der DZ-Bank, Frankfurt am Main, Platz der Republik, Di-Sa 11-19 Uhr.
Katalog "Gute Aussichten2008/2009", 220 Seiten, 304 Abb., 39,90 Euro.
Mehr Infos: www.guteaussichten.org. Trautners Serie "Morgenliebe" ist als gleichnamiger Bildband im Kerber Verlag, Bielefeld, erschienen, 80 Seiten, 37 Fotos, 29,95 Euro.
Fotostrecke:
Sex im Alter
Ältere Menschen aus Köln, Berlin, Bremen und Bielefeld meldeten sich, kamen mit Trautner ins Gespräch. Viele wollten Trautners Idee unterstützen. "Dass sich durch solche Bilder, wenn sie öffentlich gezeigt werden, auch an der allgemeinen Vorstellung etwas ändert, dass nur junge, makellos schöne Menschen Sex haben", sagt
die Fotografin.
Einige der Frauen, die sich auf die Annonce meldeten, erlebte sie zunächst als "stark
verunsichert" durch die vorherrschenden Idealbilder. Kann ich mich noch zeigen? Muss ich mich ganz ausziehen? Musste niemand, sagt Trautner. Nichts wurde gestellt, nichts erzwungen. Dennoch machten einige einen Rückzieher. Diejenigen, die dabei blieben, waren oft "frisch verliebte Paare".
Die die Liebe so locker, frei und fröhlich erleben, dass sie der Fotografin den Titel zur Serie lieferten:"Morgenliebe". Dort sind die Namen der Abgelichteten anonymisiert. Die Frankfurter Rundschau hat mit einigen gesprochen, die wir nur mit dem Vornamen nennen, und ein Paar interviewt.
"Gute Aussichten. Junge deutsche Fotografie", 15. Mai - 11. Juli, Art Foyer der DZ-Bank, Frankfurt am Main, Platz der Republik, Di-Sa 11-19 Uhr.
Katalog "Gute Aussichten2008/2009", 220 Seiten, 304 Abb., 39,90 Euro.
Mehr Infos: www.guteaussichten.org. Trautners Serie "Morgenliebe" ist als gleichnamiger Bildband im Kerber Verlag, Bielefeld, erschienen, 80 Seiten, 37 Fotos, 29,95 Euro.
Fotostrecke:
Sex im Alter
Rumpf: Aber es gibt doch gar keinen hässlichen Körper. Wenn ich mir vorstelle, ich mit einer 45-Jährigen oder einer noch Jüngeren - da liegen doch Welten dazwischen.
Aber all die Falten, Runzeln, grauen Haare ...
Rumpf: Na, schauen Sie sich doch mal in der Natur um. Die krumm gewachsenen Bäume, deren Äste sich wild verbiegen, die finden wir toll. Aber den gerade gewachsenen Stamm übersehen wir. Und das soll unser Schönheitsideal für den menschlichen Körper sein?
Was ist in Ihrer neuen Beziehung anders als früher?
Hohndorf: Dass mich mein Partner so annimmt, wie ich bin. Mit allen Macken, mit meiner Kurzsichtigkeit und der dicken Brille, das macht ja optisch nicht so viel her.
Und der Sex - was hat sich da geändert?
Hohndorf: Mehr Genuss, mehr Tiefe des Gefühls. Für viele Männer geht es doch darum: Möglichst schnell hochkommen, möglichst schnell die Entspannung erleben. Im Schnitt dauert das 'ne Viertelstunde, inklusive Vorspiel. Beim Sex, wie wir ihn jetzt erleben, kann die Liebe Stunden dauern, weil das zielgerichtete Kommen nicht im Vordergrund steht - für den älteren Mann ist das leichter zu erreichen.
Lotussitz und andere Verrenkungen - geht das denn mit knirschenden Gelenken?
Rumpf: Klar geht das, sieht man doch auf den Bildern von Katrin Trautner.
Hohndorf: Natürlich ist die Beweglichkeit bei uns ein bisschen eingeschränkt. Aber das gibt es doch auch bei jüngeren Leuten. Junge Frauen mit Übergewicht sehe ich doch überall. Dass bei uns der eine oder andere Knochen mal weh tut, ist doch auch kein Grund, weniger Sex zu haben.
Rumpf: Das ist natürlich auch eine Frage des Trainings. Wenn ich mich im Alter nicht mehr bewege, komm ich auch nicht mehr die Treppen hoch. Und wenn ich nicht regelmäßig Sex habe, dann sind alle Muskeln, die dabei eine Rolle spielen, unterentwickelt. Deshalb tun wir es praktisch jeden Tag.
Und wenn die Potenz bei Ihren 65 Jahren mal versagt - die klassische Angst des Mannes?
Rumpf: Ganz ehrlich: Da helf' ich dann mit einem Viertelchen von der blauen Pille nach. Es funktioniert schon auch ohne, aber eben nicht mehr so gut wie früher.
Hohndorf: Mir ist auch in diesem Punkt Offenheit und Ehrlichkeit wichtig, damit die Frau nicht denkt: Was ist das für'n toller Hengst und dann jedes Mal Wunder was erwartet. Außerdem: Wir haben ja für die Liebe nicht nur die Genitalien. Wir haben Hände, wir haben eine Zunge, ja wir haben den ganzen Körper.
Raten Sie das auch Ihren Freunden, oder sprechen alte Menschen nicht über Liebe und Sex?
Hohndorf: Mit unseren engeren Freunden sprechen wir ganz offen darüber, aber im Allgemeinen, wie in unserem Dorf, wird dieses Thema kaum erwähnt. Das war auch ein Grund, warum wir uns auf dieses Fotoprojekt eingelassen haben. Wir fanden: Die Medien bieten Sex in alle Lagen an, aber unsere Generation kommt da gar nicht vor.
Muss die Welt denn auch das noch sehen?
Hohndorf: Am Kiosk sehen Sie doch nur dieses falsche Ideal der jungen, attraktiven Frau. Aber es laufen doch nicht nur Barbiepuppen auf der Straße herum.
Rumpf: Ich kenne viele junge Frauen, die darunter leiden, dass sie eben keinen idealen Körper haben. Aber im Alter verändert sich diese falsche Sicht, da braucht man sich gar nicht mehr an den Titelblatt-Schönheiten zu messen.
Hohndorf: Und warum soll man nicht zeigen, dass alte Frauen Sex haben, der in gewisser Weise sogar schöner ist als früher?
In welcher Weise denn?
Hohndorf: Als ich 40 war, musste ich immer dran denken: Schluckst du die Pille, nimmt der Mann ein Kondom? Bist du aus den Wechseljahren raus, hast du dieses Problem überhaupt nicht mehr. Viele Frauen können ihren Sex erst dann voll entspannt genießen.
Rumpf: Liebe und Sex sind für uns im Alter auf jeden Fall wichtig. Wir sind dabei, eine Alten-Gemeinschaft zu gründen, in der Sexualität kein Tabu ist und man sich bis zum Ende begleitet. Und in der ein Partner, wenn sich der Andere verabschiedet, nicht in ein schwarzes Loch fällt. Ein Gelände in Brandenburg haben wir schon, und auch schon Interessenten. Sexualität hält jung - geistig und auch körperlich. Das ist die beste Medizin im Alter.
Interview: Thomas Wolff


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