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Zeichentrickfilm

Streit über schwarze Disney-Prinzessin

"Küss den Frosch" ist schon jetzt einer der meist diskutierten Disney-Filme. Denn Prinzessin Tiana ist schwarz. Aber niemand stellt in Abrede, dass die Zeiten reif für eine schwarze Prinzessin sind.
Von Moritz Baumsteiger

"Nach 75 Jahren voller Magie" stehe sie "in der Tradition von Disneys beliebtesten Klassikern", kündigt der Trailer an. Tiana ist eine Prinzessin, wie Prinzessinnen in Trickfilmen eben sind. Blutjung, bildhübsch und ein bisschen angeekelt, wenn es an die nobelste aller Prinzessinnen-Pflichten geht: den Frosch zu küssen. Etwas unterscheidet Tiana aber von den anderen Prinzessinnen. Tiana ist schwarz.

Und deshalb ist "Küss den Frosch" (Originaltitel: "The Princess and the Frog") schon jetzt einer der meist diskutierten Disney-Filme, und das, obwohl er in den USA erst zum Weihnachtsgeschäft anlaufen wird. In der Diskussion steht nicht etwa seine traditionelle Machart: Mit "Küss den Frosch" bringt Disney überraschenderweise wieder einen klassisch gezeichneten Trickfilm heraus, nachdem der Konzern sich eigentlich ausschließlich der digital animierten Zukunft zuwenden wollte. Nein, Tianas Hautfarbe ist für den Aufruhr verantwortlich.

Was eigentlich überrascht. Zwar war mit Schneewittchen die Hauptfigur des ersten abendfüllenden Trickfilms 1937 weiß, doch spätestens seit die Welle der politischen Korrektheit die USA in den Neunzigern überrollte, war Disney in der Wirklichkeit der multiethnischen Gesellschaft angekommen: Mit "Aladdin" und seiner Jasmine präsentierte der Konzern 1992 ein arabisches Traumpaar. Drei Jahre später suchte die indianische Titelheldin Pocahontas ihren Prinzen und 1998 griff man mit "Mulan" eine alte chinesische Ballade auf.

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Dass die Zeiten reif für eine schwarze Prinzessin sind, stellt auch niemand in Abrede. Amerika hat seinen ersten schwarzen Präsidenten und ist so auf dem Weg, sich mit seiner Geschichte zu versöhnen. Und dem Film "Küss dem Frosch" gab sogar der schwarze Talkshow-Superstar Oprah Winfrey ihren Segen, indem sie eine kleine Sprechrolle übernahm.

Trotzdem kommen Vorwürfe von Afro-Amerikanern und sie begannen schon, bevor die ersten Bilder von Tiana überhaupt laufen lernten. Tiana hieß nämlich nicht immer Tiana. Ursprünglich sollte sie "Maddy" heißen. Das erinnere zu sehr an "Mammy", meinten Kritiker. "Mammy" gilt als ein klassischer Kosename für schwarze Haushälterinnen zu Zeiten der Sklaverei. Etwa die der Familie O‘Hara im Bürgerkriegs-Epos "Vom Winde verweht" wurde so genannt. Zu allem Überfluss sollte "Maddy" auch genau diesem Job nachgehen, bevor sie ihr Krönchen bekommt: als Zimmermädchen bei Weißen. Disney beugte sich schließlich den Protesten und beförderte Maddy zu einer Köchin, die von einem eigenen Restaurant träumt.



Princess Tiana (Trailer)
US-Kinostart voraussichtlich am 11. Dezember 2009



Dass Disney aufgrund von Protesten den Plot eines Filmes verändert, ist neu. Dass Interessensgruppen Änderungen erwirken können, nicht: Als Disney die Abenteuer von Aladdin zeichnen ließ, protestierten arabische Verbände. Er und seine Prinzessin hätten im Gegensatz zu den "bösen" Charakteren viel zu helle Hautfarbe, ihre Stimmen einen afro-amerikanischen Akzent. Die größte Verärgerung entzündete sich aber am Titelsong: "Ich komme aus einem Land, wo dir das Ohr abgeschnitten wird, wenn dein Gesicht nicht gefällt. Das ist barbarisch, aber hey, das ist die Heimat." Disney lenkte schließlich ein, in der endgültigen Fassung des Songs war die Hitze barbarisch und nicht mehr die arabische Gesellschaft.

Die Musik für "Küss den Frosch" schrieb Randy Newman mit der "Dirty Dozen Brass Band". "Dreams come true in New Orleans" röhrt Newman in bester Blues-Manier im Titelsong – über politische Unkorrektheiten in seinem Text regt sich in den USA bisher noch niemand auf. Wohl aber über die Wahl des Ortes, an dem Tianas Träume wahr werden sollen: In New Orleans, im French Quarter der Zwanziger Jahre. An dem Ort, an dem der Jazz erfunden wurde.

Schauplatz einer großen Tragödie


Aber New Orleans ist eben auch ein Ort, der zu einem Symbol für die immer noch prekäre Situation vieler Afro-Amerikaner wurde: Als 2005 der Hurrikan Katrina vor allem die tiefer gelegenen schwarzen Viertel unter Wasser setzte, ließ die Regierung die Bewohner in ihrem Elend allein. "Disney sollte sich schämen, diese Geschichte ausgerechnet in New Orleans spielen zu lassen", sagte der Kolumnist William Blackburn dem Daily Telegraph. Ein Sprechen von Disney hält New Orleans für einen Ort von "anmutiger Eleganz und Pracht", Blackburn sieht ihn als Schauplatz "einer der größten Tragödien, die je über die Afro-Amerikaner hereingebrochen ist."

Dabei war Disney bei anderen Trickfilmen so gelobt worden. "Lilo&Stitch" wurde 2002 gefeiert, weil die Macher den Handlungsort Hawaii relativ authentisch darstellten. An der Geschichte des hawaiianischen Mädchens Lilo aufgehängt, machten die Produzenten die auf der Insel vorherrschende Philosophie des "Ohana", des Familiensinns, zu einem Handlungsleitfaden. Pocahontas wurde von der Zeitschrift "Blickpunkt Film" "politische Korrektheit mit Familienunterhaltung auf hohem Niveau" zuerkannt. Denn hier überwand die Liebe ethnische Grenzen: Die Indianerprinzessin wurde mit ihrem Engländer John Smith glücklich und setzte sich für Frieden zwischen Ureinwohnern und Kolonialisten ein.

Eine Liebe zwischen Menschen verschiedener Hautfarben wurde da also gefeiert – "Küss den Frosch" wird auch das zum Vorwurf gemacht: Tianas Prinz Naveen hat ziemlich helle Haut und im amerikanischen Original einen brasilianischen Akzent. "Disney ist augenscheinlich nicht der Meinung, dass ein schwarzer Mann dem Titel eines Prinzen würdig ist", schreibt etwa das Internetmagazin blackvoice.com. Viele Online-Kommentatoren sehen das anders, freuen sich über Tianas Liebe über alle Grenzen hinweg und sehen hier eher eine politische Über- als Unkorrektheit.

Dabei sind Tiana und ihr Prinz Naveen nur den kürzesten Teil des Films als Menschen zu sehen. Als sich Tiana endlich überwindet und den Frosch küsst, verwandelt sich nicht er, sondern sie. Die beiden erleben ihre Abenteuer dann als grüne Amphibien. An deren Hautfarbe ist nicht zu rütteln.
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Dokument erstellt am 15.06.2009 um 11:24:59 Uhr
Letzte Änderung am 15.06.2009 um 16:40:58 Uhr
Erscheinungsdatum 15.06.2009
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