Herr Spreng, wie erklärt ein Wahlkampf-Manager wie Sie den enormen Erfolg der Kunstfigur Horst Schlämmer – der Mann ist Populist, Provinzclown, Phrasendrescher und bei Umfragen kommt er auf 18 Prozent der Wählerstimmen...
Er ist einfach der Gegenentwurf zu den beiden Kanzlerkandidaten. Wir haben mit Merkel und Steinmeier zwei nüchterne, pragmatische, rhetorisch nicht sehr begabte Kandidaten, von denen der eine – Frau Merkel – es ablehnt, Wahlkampf zu machen, und der andere – Herr Steinmeier – keinen Wahlkampf machen kann. Nur vor dem Hintergrund dieser beiden zwar seriösen, aber eher einschläfernden Kandidaten und ihrem uninspirierten Wahlkampf funktioniert das Modell Horst Schlämmer.
Was kann Steinmeier nicht, was Schlämmer besser macht?
Steinmeier kann die Menschen nicht begeistern, er kann keine klaren, kurzen Sätze formulieren, die deutlich machen, was er will.
Schlämmer ist doch ein Antityp: schmierig, übergriffig, gern mal alkoholisiert.
Das sehen die meisten nicht so streng. Schlämmer ist als Figur authentisch, da gibt es keine Brüche innerhalb des Charakters. Er ist originell und unverwechselbar. Und die Menschen suchen nach originellen Figuren. Wenn sie die nicht in der Politik finden, dann eben anderswo.
Was ist denn so originell an Schlämmer? Die Figur ist doch ein recht schlichtes Abziehbild eines Prolls vom Niederrhein.
Zur Person
Der Medienberater und gelernte Journalist Michael Spreng, 61, hat u.a. als Wahlkampfmanager für Edmund Stoiber gearbeitet. Sein Politik-Blog im Internet: www.sprengsatz.de
Das erklärt nicht, warum die Wähler einem Parodisten mehr vertrauen als den realen Politikern.
Ach, die Leute, die in diesen Umfragen ihre Sympathie für Schlämmer bekunden, wissen doch sehr genau, dass dahinter Hape Kerkeling steckt.
Da sind Sie sich sicher?
Ja, da bin ich sicher. Die Menschen machen das mit einem Augenzwinkern. Die wollen den Etablierten in solchen Umfragen eins auswischen und ihnen zeigen, dass sie unzufrieden sind – und zur Not auch einen Spaßvogel wählen könnten.
Schlämmers Slogans sind schlicht, aber sie kommen offenbar an. Die Wahlsprüche der Parteien muten aber auch nicht gerade geistreich an. Funktioniert eine Aussage wie "Wir haben mehr zu bieten" – das umstrittene Plakat der tief dekolletierten CDU-Frau Lengsfeld?
Ein furchtbares Plakat. Lengsfeld sieht offenbar kein anderes Mittel mehr, Aufmerksamkeit zu erregen, als ihre Oberweite vorzuzeigen – das ist eine Bankrotterklärung.
Die SPD kündigt "gute und kostenlose Bildung" an.
Kostenlos ist ein konkretes Versprechen, aber gut ist ein inhaltlich entleertes Wort.
Die FDP sagt mal wieder "Arbeit muss sich wieder lohnen".
Die haben die gleichen Sprüche, das gleiche Personal und das gleiche Programm wie vor zehn Jahren – die einzige Partei, an der die Weltwirtschaftskrise spurlos vorbei gegangen ist.
Die Linken: "Reichtum für alle".
Wenn die geistigen Reichtum meinen, könnte man das unterschreiben – ansonsten ist das Unsinn.
Die Linken liegen damit jedenfalls nah bei Schlämmer: "Es ist alles zu wenig, es muss mehr" – funktioniert das?
Ja, aber ich würde ihm raten, das noch stärker zu verdichten.
Ihre Kurzversion wäre?
"Mehr für alle".
Nun versuchen einige Wahlkämpfer, witziger zu sein als Schlämmer selbst. Jürgen Rüttgers beispielsweise spielt in dem Schlämmerfilm mit und scherzte, man solle den Mann in die Bundespressekonferenz aufnehmen.
Ein Politiker demonstriert damit doch, dass er über sich selbst lachen und Politik mal auf die Schippe nehmen kann; das finde ich nicht falsch. Ein bisschen mehr Selbstironie würde manchem Politiker nicht schaden.
Die Grevenbroicher Bürgermeister-Kandidatin der CDU hat ein Plakat in Auftrag gegeben, auf dem sie neben Schlämmer steht. Auch ein Fall von Selbstironie?
Nein, man muss doch auch wissen, wo die Grenzen verlaufen. Es ist eine Gratwanderung, was da manche Politiker machen. Es geht doch nach wie vor um etwas, nämlich um ernsthafte Lösungen ernsthafter Probleme. Man kann einen Spaß mal mitmachen. Aber man muss kenntlich machen, dass das Ganze kein Ersatz für Politik ist.
Wo sind die Grenzen?
Zum Beispiel darf man nicht eine Kunstfigur als Werbung für eine reale Kandidatur benutzen.
Hat der Spaßwahlkampf auch seine guten Seiten – ein entspanntes Wahlvolk schaut witzigen Politikern beim Wahlkampf zu; keine Ausländerhetzte, keine Schmutzkampagne weit und breit?
Natürlich kann man das auch positiv sehen. Aber es ändert nichts daran, dass über die wirklich wichtigen Themen in diesem Wahlkampf bisher nicht gesprochen wurde, weil die Parteien Angst vor klaren Antworten haben: Schuldenabbau, die Krise der Sozialversicherungssysteme, Beitragserhöhungen, Steuererhöhungen… Das alles wird ausgeklammert. Insofern betreiben auch die etablierten Parteien keinen ehrlichen und offenen Wahlkampf.
Ein Fall mangelnder Ernsthaftigkeit?
Ja.
Interview: Johanna Schoener und Thomas Wolff


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