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10. Februar 2010
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Chirurgie des 19. Jahrhunderts

Theater der Höllenqualen

Von Andrea Leber

London. Mehr Späne, bitte! Das Blut läuft und hat sich in der Holzbox unter dem Operationstisch mit Holzspänen zu einem "bloody porridge" vermischt – das Zeichen für den Chirurgen, nach mehr Spänen zu verlangen, auf dass es in der Barockkirche unter dem Operationssaal nicht von der Decke tropfe.

Die Schreie des Patienten, dessen Bein mangels Anästhesie in weniger als zehn Minuten amputiert sein muss, werden lediglich durch einen Holzstock abgemildert, in den er sich verbissen hat. Doch zum Glück befinden wir uns nicht am Beginn des 19. Jahrhunderts, und auch die Amputation ist nur eine Vorführung. Das Umfeld ist freilich original. Der Operationssaal datiert von 1822. Betäubung und antiseptische Behandlungsmethoden waren damals nicht bekannt.

Aufgrund der Vielzahl von Patienten wurde oft auf den Gängen operiert, und behandelt wurde hier unter Leitung von Augustinermönchen und -nonnen, jedenfalls all jene Patienten, die sich nichts anderes leisten konnten. Operationen waren kostenlos, allerdings musste der Patient Zuschauer in Kauf nehmen.

Old Operating Theatre
Jeden Samstag gibt es im Old Operating Theatre um 11.30 Uhr eine "Vorfuehrung" mit dem Titel: Barbers, Blood & Bandages. Gruppenbesuche können gesondert arrangiert werden inklusive einer einführung in die Operationsmethoden der viktorianischen Zeit.

Zu erreichen ist der Operationssaal mit der U-Bahn Station London Bridge (Northern und Jubilee Linien) sowie den Buslinien 17, 21, 35, 40, 43, 47, 48, 133, 141, 149, 343, 381, 521, RV1

Adresse: Old Operating Theatre, St. Thomas Street, Southwark, London. Internet: www.thegarret.org.uk Die Seite ist auch auf Deutsch verfügbar. (al)
Die Operationen waren schnell beendet. Eine Amputation, die mehr als zehn Minuten dauerte, galt als so gut wie gescheitert. Viele der Behandelten starben schlicht am Schock. Über Infektionen und deren Ursachen war wenig bekannt. Chirurgen wuschen sich nicht einmal die Hände zwischen Operationen. Auch die Messer mit Holzgriffen wurden nur am Ende des Tages gereinigt – es ist kein Märchen, dass die Überlebenschancen in dem Maße sanken, je weiter der Tag fortgeschritten war. Chirurgen waren damals Stars und trugen oftmals Perücken, wie man sie sonst nur aus Gerichtssälen kennt – wahre Brutnester der Infektion.

Authentischer Grusel


Wer nicht überlebte, wurde noch zwei Tage aufbewahrt, so dass zukünftige Chirurgen den menschlichen Körper studieren konnten – eine für die damalige Zeit besondere Gelegenheit. Viele Einrichtungen sahen sich gezwungen, Leichen zu kaufen, um ihren Studenten Gelegenheit zum Praktizieren zu geben. Da das St. Thomas Krankenhaus als wohltätige Einrichtung Bedürftige kostenlos operierte und sich oftmals kein Angehöriger fand, der die Leiche einforderte, konnten auf diesem makabren Wege Kosten gespart werden.

Fast jedes Detail im angegliederten Kräuterboden ist im Original erhalten, darunter ein massiver Apothekentisch mit einer Waage beeindruckender Größe, getrockneter Schlangenhaut, Schnecken, Fischen und einer illustren Sammlung weiterer Kräuter, Heilmittel und konservierter Organe.

Das Museum ist heute über eine kleine Wendeltreppe zu erreichen, deren Zugang vorbei flanierende Passanten leicht übersehen. Die meisten Touristen zieht es ins nahe gelegene London Dungeon, das 1976 eröffnete und alle Formen der Folter im Mittelalter veranschaulicht. Den Gänsehautschauer gibt es im Alten Operationssaal allerdings viel authentischer.


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Dokument erstellt am 23.10.2009 um 12:27:43 Uhr
Letzte Änderung am 23.10.2009 um 12:46:13 Uhr
Erscheinungsdatum 23.10.2009
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