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Vorschau auf die Berlinale

Es bleibt politisch

... doch künstlerisch hatte die Berlinale schon mehr zu bieten: Das Festival wird 60 - und die "Bären" gelten international immer weniger.
Von Daniel Kothenschulte

Der Krieg war kalt, aber Berlin war warm. Die erste Berlinale fand in einem heißen Juni des Jahres 1951 statt, und ihren amerikanischen Erfindern konnte es nicht schnell genug damit gehen. Kaum dass die Pläne für ein Filmfestival bekannt geworden waren, hatte man nämlich im Osten die Weltjugendspiele der FDR angekündigt. Oscar Martary, der US-Filmoffizier, ließ sich ungern überholen. Die Berliner Filmfestspiele, kündigte er an, sollten ein "Gegen-Event werden für die Ostberliner und die Jugend der Ostblockstaaten". Die Menschenmenge, die schließlich vor dem Festivalkino die "Hölle losbrechen ließ", wie eine Journalistin berichtete, dürfte dennoch hauptsächlich aus Berlinern bestanden haben. Sie bejubelten ehemalige Ufa-Stars wie Olga Tschechowa, Winnie Marcus, Theo Lingen und Carl Raddatz. Bürgermeister Reuter sprach das Grußwort und nannte seine Stadt "eine Oase der Freiheit und Unabhängigkeit, umgeben von einem System aus Gewalt und Unterdrückung, das die Kunst zum Zwecke der Propaganda missbraucht". Nur gut, dass man selbst nie auf solche Gedanken gekommen wäre.

Derart fröstelnde Ansprachen wird es bei der 60. Berlinale, die am Donnerstag beginnt, nicht geben, so viel ist sicher. Dafür sprechen heutige Festivaldirektoren ein viel zu gutes Englisch: "Happy Bärsday, Berlinale" ist Dieter Kosslicks Slogan zum Jubiläum. Aus dem einstigen Propaganda-Festival ist ein politisches Filmfest geworden - nicht, weil es das musste, sondern weil die Macher es wollten. In diesem Jahr wirkt das Politische möglicherweise etwas weniger als sonst, im Wettbewerb dominieren private Themen - aber warten wir ab.

Viel hat sich getan seit den Anfängen der Berlinale, als der italienische Regisseur Curzio Malaparte bei seiner Ankunft gleich ein graviertes Messingschild auf den Tisch legte mit der Aufschrift: Großer Preis der Berliner Filmfestspiele für Curzio Malapartes "Verbotener Christus". Dass er den Preis dennoch nicht gewonnen hat, ist fast ein Wunder. Am Ende wurden ja gleich fünf goldene Statuetten vergeben, zwei davon an den nicht anwesenden Walt Disney, für "Cinderella" und den Vorfilm "Im Tal der Biber". Als Publikumsfestival verstand sich die Berlinale schon damals. Wirklich international aber wurde sie erst in der Folge von Willy Brandts Ostpolitik. Erst 1974 gab es einen sowjetischen Wettbewerbsbeitrag, ein Jahr später sogar einen aus der DDR ("Jakob der Lüger" von Frank Beyer).

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Dabei waren die Berliner immer aufgeschlossen gegenüber neuen Strömungen: Die Macher der französischen Nouvelle Vague - allen voran Regisseur Godard und Darsteller Belmondo - reüssierten hier erstmals international, ebenso wie der sogenannte "Schwedenfilm": Der für seine Zeit freizügige Liebesfilm "Sie tanzte nur einen Sommer" gewann 1952, sechs Jahre darauf Bergmans Meisterwerk "Wilde Erdbeeren". Nahezu alle Gewinner des ersten Jahrzehnts sind heute bekannte Klassiker. Und wie sah es in den letzten Jahren aus?

Man muss schon lange nachdenken, um die letzten fünf zusammen zu bekommen: "Eine Perle Ewigkeit", "Tropa de Elite", "Tuyas Hochzeit", "Esmas Geheimnis", "U-Carmen". Man sollte nicht zu viel erwarten, die Filmkunst gilt heute eben nicht mehr als Medium der Leitkultur. Aber meisterlich sollte ein Festivalgewinner schon sein. Die Berlinale aber tut sich immer schwerer, bedeutende Filme für den Wettbewerb zu finden. In der Ära Kosslick scheinen Fragen der künstlerischen Qualität oder Innovation untergeordnete Kriterien zu sein. Das rumänische Filmwunder hat man ebenso verschlafen wie die innovativeren Strömungen Asiens. Immerhin konnte der Japaner Hayao Miyazaki 2002 für "Chihiros Reise ins Zauberland" den ersten Preis eines A-Festivals für einen Trickfilm gewinnen - den ersten seit Disney 1951.

Stand das Festival in den 90er Jahren unter Moritz de Hadeln regelmäßig in Verdacht, minderwertige Hollywoodfilme als Prominenz-Bringer einzuladen, konnte man diesen Eindruck zuletzt bei der Jury-Besetzung gewinnen. Im Jahr 2005 etwa erregten die Auftritte des chinesischen Starlets Bai Ling, trotz Winterkälte knapp kostümiert, mehr Aufmerksamkeit als die Filmemacher selbst. Kein Wunder, dass damals "U-Carmen" den Preis erhielt, das südafrikanische Musical, nach dem nie wieder ein Hahn krähte. Welchen Wert soll da noch ein Berlinale-Bär auf dem schwierigen Markt für Kunstfilme haben?

Schon lange zeichnet sich ab, dass bald nur noch ein einziger Festivalpreis etwas gelten wird - die Goldene Palme von Cannes. Sie ist der Oscar des anspruchsvollen Films. Andererseits: Der Berlinale-Bär ist vielleicht nicht der wichtigste Festivalpreis, aber möglicherweise der schönste.

Und er könnte wieder wichtig werden. Wenn nur mal wieder große Filme eingeladen werden, die man damit auszeichnen kann. Vielleicht ja diesmal? Am 11. Februar beginnt die Berlinale.


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Dokument erstellt am 08.02.2010 um 16:28:03 Uhr
Letzte Änderung am 10.02.2010 um 16:29:36 Uhr
Erscheinungsdatum 08.02.2010 | Ausgabe: fr
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