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Romanfiguren

Die verkannten Superhelden

VON FELIX HELBIG

Nur zur Erinnerung, 13 Jahre und 4346 Seiten nachdem alles begann: Der kleine Harry Potter wuchs bei Petunia und Vernon Dursley auf, die ihn und seine magischen Kräfte eher fürchteten, als dass sie versuchten, ihm gute Ersatzeltern zu sein. Doch dann kam zum Glück eines Tages Hagrid daher, der Halbriese. Hagrid nahm den armen Harry mit nach Hogwarts, befreite ihn so aus seinen kümmerlichen Verhältnissen und führte ihn seiner Bestimmung zu. Andernfalls würde Harry heute noch in seinem Verschlag unter der Dursleyschen Treppe sitzen.

Im wirklichen Leben, da hat sich das Ganze ähnlich zugetragen. Diesmal nicht mit Harry Potter, dem Zauberjungen, sondern mit Harry Potter, dem Produkt; und mit einem achtjährigen Mädchens anstelle eines Halbriesens. Es war Alice Newton, die Tochter von Nigel Newton, Verlagschef von Bloomsbury, die Harry Potter vor der Ignoranz seiner Umwelt rettete.

Die Geschichte Harry Potters wäre sonst nie erschienen. Sie hätte nicht durch eine beispiellose Literaturvermarktung einen zweistelligen Milliardenbetrag erbracht, seine Autorin reicher gemacht als die britische Krone und seinen Hauptdarsteller zum wohlhabendsten Teenager des Königreiches. Harry Potter hätte niemals unter der Treppe gesessen. Es wäre kein modernes Märchen geworden.

Versuch mit der Tochter


In einem seiner seltenen Interviews mit dem Londonder Independent berichtete der bescheidene Nigel Newton vor vier Jahren einmal, wie mindestens acht Verlage - darunter auch der renommierte Penguin Books Verlag - das von der alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerin Joanne Rowling unaufgefordert eingeschickte Manuskript ablehnten, ehe es auf seinem Schreibtisch landete. Er berichtete auch davon, wie er selbst diesen ersten Band beinahe nie gelesen hätte, weil er dessen 335 Seiten - wie die Lektoren - als zu umfangreich für ein Kinderbuch befand und Fantasy für nicht zeitgemäß hielt. Trotzdem nahm er das erste Kapitel mit nach Hause und gab es versuchsweise seiner Tochter Alice zu lesen.

Doch schon nach einer Stunde, direkt nachdem sie mit dem ersten Kapitel fertig war, berichtet Newton, habe Alice zu nörgeln begonnen, weil sie mehr lesen wollte von Harry, dem Zauberjungen. Als sie nach einem Monat nicht aufgehört hatte zu nörgeln, schrieb der Verleger der Autorin einen Scheck über 2500 Pfund aus. Die weiseste Investition der Literaturgeschichte.

Harry Potter erschien in sieben Bänden, wurde in 67 Sprachen übersetzt, mehr als 400 Millionen Mal verkauft und wird bis 2011 in dann acht Verfilmungen - der letzte Band als Zweiteiler - geschätzte acht Milliarden Dollar eingespielt haben. Eine Reihe von Lektoren dürfte sich in den vergangenen 13 Jahren ziemlich geärgert haben.

Raimund Fellinger kennt dieses Gefühl, es gehört zum Geschäft. Der Cheflektor von Suhrkamp hätte im Nachhinein auch wahnsinnig gerne "Briefe an D." übersetzt, die Sammlung des Schriftwechsels zwischen dem französischen Sozialphilosophen und Sartre-Mitarbeiter André Gorz und dessen Ehefrau. Er habe es abgelehnt, sagt Fellinger, "kurz darauf nahmen sich Gorz und seine Frau das Leben, das Buch verkaufte sich prächtig".

Tröstlich könnte die Lektoren mit Harry Potter-Trauma stimmen, dass es vielen Kollegen ähnlich ergangen ist. Unzählige Weltbestseller wurden zunächst abgelehnt, unzählige literarische Helden wären beinahe unbekannt geblieben. In ihrem Werk "Rotten Rejections" haben Bill Henderson und André Bernard all die Ablehnungen von Weltliteratur zusammengetragen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten angesammelt haben, darunter Herman Melvilles "Moby Dick", mit seinem Käptn Ahab, und Ernest Hemingways "Wem die Stunde schlägt", dessen spätere Verfilmung mit Gary Cooper als Robert Jordan einen Oscar erhielt.

Umberto Ecos "Der Name der Rose" mit seinem mönchischen Helden William von Baskerville befanden die ersten Lektoren ebenso für untauglich wie Patrick Süskinds "Das Parfum" mit der mordenden Hauptfigur Jean Baptist Grenouille - beides spätere Welterfolge.

In der jüngeren Vergangenheit handelte sich etwa die deutsche Schriftstellerin Petra Hammesfahr nach eigenen Angaben exakt 159 Absagen ein, ehe ihr mit dem Roman "Die Sünderin" der Durchbruch gelang. Genauso wie Hammesfahr mit ihrer rätselhaften Protagonistin Cora Bender, ging es Robert Schneider mit seinem nicht minder wunderlichen Elias. Der Autor ließ es sich bei Erscheinen seines Werkes "Schlafes Bruder" nicht nehmen, im Klappentext auf die 22 Verlage hinzuweisen, die das Manuskript abgelehnt hatten. Inzwischen ist der Roman in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden.

3000 Manuskripte im Jahr


Für Fellinger liegt die Ursache einerseits in der Fülle der unaufgefordert eingeschickten Manuskripte, andererseits in der strengen Orientierung am Verlagsprogramm. "Wir bekommen jedes Jahr etwa 3000 Manuskripte zugeschickt und lehnen vieles schon allein deshalb ab, weil es nicht in unser Programm passt", sagt der Cheflektor. So sei es zum Beispiel gut möglich, dass ein Buch wie Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete" bei Suhrkamp aus diesen Gründen durchs Raster gefallen wäre.

Noch traumatischer kann es für Lektoren nur werden, wenn Autoren der fixen Idee verfallen, sie herauszufordern. Unübertroffen ist der Brite David Lassman, der 2007 für die Literatur-Geschichte des Jahres sorgte. Entnervt von den negativen Rückmeldungen auf sein Manuskript, schickte Lassman kurzerhand die Werke von Jane Austen an Lektoren und Agenten. Dabei veränderte er lediglich Titel, Namen und Orte - und war am Ende sogar so dreist, sich selbst Alison Laydee zu nennen, nach dem frühen Austen-Pseudonym "a Lady".

Natürlich hagelte es Absagen. Auch von Penguin und Bloomsbury. Wahrscheinlich hatten sie es nicht einmal gelesen. Oder einfach für zu lang befunden.


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Dokument erstellt am 15.07.2009 um 16:16:01 Uhr
Letzte Änderung am 15.07.2009 um 16:27:15 Uhr
Erscheinungsdatum 15.07.2009
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