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09. Februar 2010
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Henning Mankell im Interview

"Das ist nun alles futsch"

Der schwedische Krimiautor Henning Mankel im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über die Folgen der Finanzkrise, was Versprechen in diesen Zeiten noch wert sind und über die Zukunft Südafrikas unter der Regierung von Jacob Zuma.
Herr Mankell, Sie leben die Hälfte des Jahres in Afrika und werden nicht müde, das Potenzial des Kontinents zu preisen. Nun ist im Vorzeigestaat Südafrika der umstrittene Präsident Jacob Zuma 100 Tage im Amt, in der letzten Zeit lähmten Streiks und Unruhen das Land. Verliert da nicht selbst ein Optimist wie Sie die Hoffnung?

Immer der Reihe nach! Afrika ist keine homogene Einheit. Es tut sich sehr viel auf dem Kontinent. Was in Südafrika passiert, hat nichts mit Ghana oder dem Senegal zu tun.

Aber Südafrika galt seit Ende der Apartheid als Leuchtturm. Sie werden nicht bestreiten, dass die Strahlkraft nachgelassen hat.

Die Situation dort ist extrem kompliziert. Da gibt es zunächst Probleme wie die Armut oder die Aids-Epidemie. Aber das größte Problem ist die Korruption innerhalb des ANC, der von der Widerstandsbewegung zur Regierungspartei wurde, aber die Postenschacherei und Vetternwirtschaft nie überwunden hat. Darüber sind die Menschen enorm verärgert, auch viele ANC-Anhänger, denen seit Jahren ein besseres Leben versprochen wird - ohne dass sich etwas ändert.

Zuma siegte mit dem Slogan "Ein besseres Leben für alle". Was erwarten Sie von einem wie ihm, der selbst mehrfach in Bestechungsskandale verwickelt war?

Für mich war sein Wahlsieg ein Symbol dafür, wie korrupt Südafrikas Gesellschaft geworden ist. Die Folge ist, dass die jungen Weißen nun Südafrika verlassen. Sie kriegen keine guten Jobs mehr, sehen keine Zukunft. Das ist sehr bedrohlich: Der Schatten ist jetzt die Sonne und die Sonne ist zum Schatten geworden.

Zur Person
Henning Mankell, 61, ist dank seiner "Wallander"-Krimis einer der populärsten Schriftsteller in Deutschland. Der Schwede lebt seit mehr als 20 Jahren für die Hälfte des Jahres in Mosambiks Hauptstadt Maputo. Er hat etliche Bücher und Essays über das Leben in Afrika geschrieben und leitet seit 1986 das "Teatro Avenida" in Maputo.

Die Probleme Afrikas rücken nach den Unruhen in Südafrika durch den Afrika-Besuch von US-Außenministerin Hillary Clinton erneut in den Fokus.
Kann Südafrika es trotzdem schaffen, die Zugmaschine des Kontinents zu bleiben?

Vieles spricht dafür. Vor allem, weil das Land im Vergleich zu anderen armen Ländern eine starke Zivilgesellschaft hat: Vereine, Gewerkschaften, Frauenorganisationen. Darauf stützte sich Mandela damals, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Im Vergleich zu Südafrikas Zivilgesellschaft fällt auf, wie sehr solche Vereine und Gruppen zum Beispiel in Mosambik fehlen, wo ich lebe.

In den Industrieländern teilen viele Ihren Optimismus nicht: Zuma wirkt überfordert, die Streiks konnten nur mit ruinösen Lohnerhöhungen beendet werden. Das nährt Zweifel, ob die noch abgeschlageneren Länder Afrikas wirklich die Kraft zur Modernisierung haben.

Zu Unrecht. So sehr Südafrika die Lokomotive der Region ist, geben auch die Fortschritte in anderen Ländern Grund zur Hoffnung. Nehmen Sie Mosambik und Namibia: Da gibt es heute ziemlich stabile Demokratien.

Aber gerade haben Sie Mosambik doch noch wegen der fehlenden Zivilgesellschaft kritisiert.

Man muss differenzieren. In Mosambik haben wir eine garantierte Meinungsfreiheit. Jeder kann heute im mosambikanischen Fernsehen den Präsidenten kritisieren, ohne Ärger zu bekommen. Natürlich gibt es nach wie vor viele Probleme. Aber wir dürfen uns nicht nur darauf konzentrieren, das macht hoffnungslos.

Auf dem Gipfel in Heiligendamm versprachen die G-8 Afrika vor zwei Jahren milliardenschwere Hilfe bis 2010. Bisher ist nicht mal die Hälfte gezahlt worden. Was sind solche Versprechen in Zeiten der Krise noch wert?

Ich habe nie daran geglaubt. Etwa an das Ziel, die Armut bis 2015 zu halbieren. Vergessen Sie all die Versprechen. Die Afrikaner haben auch nie daran geglaubt. Dafür ist jetzt in Afrika eine viel interessantere Diskussion im Gange: über die richtige A r t der Hilfe. Immer mehr Afrikaner glauben, die heutige Struktur der Hilfe stört den Aufbau in Afrika.

Sie bekommen in Mosambik zu hören, Europa soll sich aus Afrika ganz zurückziehen?

Nur mit Hilfsprojekten, die die Abhängigkeit verstärken. Die Afrikaner sagen mir, "Wir wollen Handel treiben!" Afrika müsste bei G-8-Gipfeln nicht mehr Geld verlangen, sondern einen radikalen Umbau des Welthandels. Die EU unterstützt Europas Bauern mit einer Milliarde Dollar am Tag - und Afrikas Bauern mit Entwicklungshilfe von einer Milliarde Dollar pro Jahr. Das ist grotesk.

Wie wirkt sich die Krise des Nordens in Afrika aus?S

ie ist allgegenwärtig. Die Leute haben Angst. Weil sie ihre Arbeit verloren haben, alles. Was mich so wütend macht: Vor der Krise gab es in vielen afrikanischen Staaten gutes Wachstum. Das ist nun alles futsch. Wir haben in unser Finanzsystem drei Billionen Dollar Rettungsgeld gesteckt. Gleichzeitig suchen wir seit Jahren nach 20 Milliarden, um das Risiko von Hungerkatastrophen in Afrika zu verringern. Das Geld ist nicht aufzutreiben.

Wie kommentieren das Ihre afrikanischen Kollegen?

Mit sehr viel Bitterkeit. Sie sagen: "Wir sind ein wenig aufwärts geklettert - und landen jetzt wieder im Dreck." Und ich gebe ihnen Recht. Ich frage mich, woran zum Teufel es liegt, dass keiner von euch Journalisten über die wirklichen Leidtragenden der Krise berichtet: die Menschen im armen Teil der Welt.

Interview: Steven Geyer


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Dokument erstellt am 05.08.2009 um 16:53:03 Uhr
Letzte Änderung am 06.08.2009 um 08:07:44 Uhr
Erscheinungsdatum 05.08.2009 | Ausgabe: d
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