Es ist ein Nachmittag im August, als das Hamburger Gängeviertel aus dem künstlichen Koma erwacht. Jahrelang geschlossene Türen öffnen sich, frische Luft wirbelt Staub auf, Wände bekommen wieder Farbe: Das neue Leben soll bunt sein. Es ist dieser Moment, in dem aus der Bildhauerin Marion Walter eine Hausbesetzerin wird. In dem sie mit rund 200 anderen Künstlern ein altes, dem Tode geweihtes Stück Hamburg in Beschlag nimmt, um es zu retten vor Investoren und Politikern, die das Viertel aus dem 19. Jahrhundert lange Zeit verrotten ließen.
Es sind die Stunden, in denen keiner der Künstler weiß, ob die Polizei zuschauen oder zuhauen wird, in denen es sich entscheidet zwischen träumen und räumen. Und es ist der Tag, an dem nicht nur die Häuser ihr Bewusstsein wiedererlangen - sondern auch viele Hamburger, die jahrelang zugesehen hatten, wie sich das Gesicht ihrer Stadt radikal veränderte. Nun braucht es gerade mal 200 Künstler, viel Mut und ein wenig Verzweiflung, damit sich alle miteinander die Frage stellen, wer das eigentlich ist: die Stadt. Wem sie gehört und für wen sie da sein soll."
Hamburg verscherbelt sein kulturelles Erbe oder lässt es verwahrlosen", sagt Marion Walter, "wir wollen es erhalten. Und es geht um mehr als das: Es kann nicht sein, dass Gebäude in der Innenstadt leer stehen, während immer mehr Hamburger sich ihre Mieten nicht mehr leisten können." Vor sieben Jahren hatte die Stadt das in Laufweite zu Gänsemarkt und Jungfernstieg liegende Gängeviertel meistbietend an den niederländischen Investor Hanzevast verkauft, der das Gelände neben dem Axel-Springer-Verlag teilweise abreißen und die Reste sanieren will, um dort teuren Wohnraum zu schaffen. Und nur, weil Hanzevast von der Finanzkrise hart getroffen wurde, bekommt das Gängeviertel vielleicht eine neue Chance: Gerade ist die zweite Kaufrate für das Areal fällig geworden - und der Investor hat sie nicht gezahlt. Zwar hat die Stadt die Frist für Hanzevast bis Mitte Oktober verlängert, sie kann aber jederzeit aus dem Vertrag aussteigen - und dann neu entscheiden, was aus dem Gängeviertel werden soll.
Gekommen, um zu bleiben
Die Hausbesetzer jedenfalls sind gekommen, um zu bleiben. Für sich selbst und für die Hamburger. Als hätte es nur jemanden gebraucht, der endlich mal auf den bröckelnden Putz haut, können sich die Künstler vor Zuspruch kaum retten. Tausende Bürger haben sich die frisch eingerichteten Ateliers und Ausstellungen angesehen, darunter ganze Schulklassen. Der renommierte Hamburger Maler Daniel Richter hält schützend seine Hand über sie und hat die Schirmherrschaft für die Aktion "Komm in die Gänge" übernommen.
Die Besetzer veranstalten Swing-Abende und zeigen Filme in einem improvisierten Kino, der "Chor der Hamburger GewerkschafterInnen" probt nun in den alten Gemäuern. Ein Bürgerhaus ist entstanden, ein Ort der Begegnung und der Diskussionen. "Es kommen 80-Jährige vorbei, die in dieser Nachbarschaft aufgewachsen sind und sich einfach nur bei uns bedanken wollen", erzählt Marion Walter, deren Telefon nicht still steht, "Handwerksbetriebe fragen, ob sie beim Renovieren helfen können, andere schenken uns ihre Heimorgel." Inzwischen begrüßt das Gängeviertel Besucher aus ganz Europa.
Auch der zuständige Bezirksvorsitzende Markus Schreiber (SPD) hat Sympathien für die bunte Gruppe: "Das sind die rechtstreuesten Hausbesetzer, die ich je getroffen habe", sagt er, "die schrauben um 22 Uhr die Türen zu und sorgen dafür, dass danach kein Lärm mehr gemacht wird." Es wächst etwas im Gängeviertel, zwischen Street-Art und Unrat. Das hier ist keine Hausbesetzung, eher eine Instandbesetzung - hier werden keine Steine geworfen. Höchstens Steine des Anstoßes. Denn was könnte auf diesem kleinen Fleck Hamburg nicht alles entstehen: bezahlbare Ateliers für Künstler. Ein Treffpunkt für die Anwohner oder ein kulturelles Zentrum. Etwas, das für alle da ist. Schließlich geht es ihnen nicht nur um sich selbst: "Wir wollen nicht nur, dass diese Häuser aus dem wirtschaftlichen Verwertungsdruck herausgenommen werden und dass hier unterschiedliche Menschen leben und arbeiten können", sagt Marion Walter - "es geht um mehr: Es wird für viele Hamburger immer schwerer, bezahlbare Räume zu finden."
Verwertungsdruck ist ein brutales Wort. Ein anderes heißt: Verdrängung. Und bei beidem sind die Künstler nicht nur Opfer - sie sind immer auch Mittäter. Denn wo immer sie sich niederlassen, verändern sie den Charakter eines Stadtteils, ob sie wollen oder nicht. Sie machen es bunt und "alternativ", schaffen eine anregende Atmosphäre, die sich herumspricht bei jungen Gutverdienern - und Investoren. Die kaufen dann umliegende Gebäude, lassen sie sanieren und erhöhen die Mieten oder wandeln sie gleich in Eigentumswohnungen um. Teure Geschäfte und Edelgastronomie siedelt sich an. Und am Ende bleiben nur noch die übrig, die sich die hohen Mieten leisten können - der Rest wird an den Stadtrand verdrängt. In St. Pauli sind in den vergangenen Jahren die Mieten um mehr als das Doppelte gestiegen, während die Zahl der Sozialwohnungen von 17,4 auf 15,3 Prozent fiel. Der Anteil von Migranten sank zwischen 1997 und 2007 von 42,2 Prozent auf 27,1. Ein Trend, der sich in noch verschärfen wird.


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