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Ran an den Herd! Die FR-Küchenluder servieren und schenken ein, was das Leben lecker und lustvoll macht. Schmecken Sie selbst.


Mosten

Goldene Herbst-Sucht

Äpfel und Birnen zuhauf. Was damit machen? Mosten, natürlich. Oder besser: Moschten.
Von Petra Mies

Als Frankfurterin im Urlaub auf der Schwäbischen Alb bist du befangen. Bei uns am Main ist der Ebbelwei, pardon, Afpelwein, eine pure Angelegenheit. Nichts als Äpfel, höchstens noch mit Speierling, Quitte und anderem versehen. Das Stöffche, selbstredend nach dem Gären sauergespritzt getrunken (wer süß spritzt, also Limo reinkippt, gehört aus der Stadt gejagt, nur Sprudelwasser ist authentisch), braucht vornehmlich alte Apfelsorten und die Tradition des Kelterns.

Frau Rauscher, unsere hessische Ikone des landestypischen Bembels, eines wahrlich wunderschönen Kruges, gluckst zufrieden. Daraus schenken wir ein ins Gerippte, einem Glas mit Rauten-Struktur. Deckel drauf wegen der Fruchtfliegen-Gefahr, sich von den allseits motzigen Kellnerinen und Kellnern in den Apfelweinschenken beschimpfen lassen und – Prost!

Natürlich haben wir gerade auch noch den Süßen, also den gänzlich unbehandelten, frischgepressten Apfelsaft. Ein Gedicht. Naturtrüb und suchtverdächtig.

Die Autorin


Petra Mies ist Redakteurin in Rhein-Main. Wenn sie mal zum Kochen kommt, geht es knallheiß her.

Ran an den Herd! Die FR-Küchenluder servieren und schenken ein, was das Leben lecker und lustvoll macht. Schmecken Sie selbst.
Im Schwabenland hingegen machen sie Most, gesprochen Moscht. Die Zeit ist reif, die Äpfel ebenso, wie auch, ganz wichtig, die Birnen, nämlich Moschtbirnen. Die schmecken nicht von der Hand in den Mund. Deshalb setzen sie auf der Alb auf ein allumfassendes, bewährtes System des Sammelns und Kelterns. Nur nichts verkommen und liegen lassen. So kommst du zum eigenen Häusle.

Das gilt geographisch übrigens weit über die Alb hinaus. Zur Lektüre sei passend zur dritten Jahreszeit der Kluftinger-Krimi "Erntedank" von Volker Klüpfel und Michael Kobr empfohlen (saugut, auch wenn Kluftinger ein schlimmer Spießer ist). Der Allgäuer Held schenkt seinen Selbstgepressten, allerdings als Apfelsaft (eingekocht, versteht sich, keine Zusätze, keine Chemie!) als "Kluftinger Gold, aus eigener Mostung" aus. Und: "Da geht nix drüber!" Klufti, wie wahr!

Jedenfalls bin ich tagelang unter den Bäumen des traumhaften Gartens in der Alb nahe Tübingen herumgekrochen und habe gesammelt, was die Bäume hergaben. Und das war viel. Unzählige Körbe habe ich auf den Hängen in Säcke umgefüllt, nahezu weiße Moschtäpfel, rote Äpfel, grasgrüne Sorten, alles.

Mit den Birnen wusste ich nicht so genau, ob sie ebenso taugen. Aber irgendwie sollten die lieblichen Dinger auch nicht zwischen den Nacktschnecken im Gras verwesen. Mischka und Mohrle, die beiden Katzen, gucken das Kernobst zum Glück nicht mal mit ihren schönen Ärschen an, und die Siebenschläfer müssen sich auf ihren Winterschlaf vorbereiten und randalieren deshalb tagsüber ohnehin nicht draußen, sondern nur nachts unterm Dach.

Nun wird es ernst: Es kam der Tag der Tage, also der Termin beim Streib. Die Moschterei macht das gefühltermaßen schon seit Jahrtausenden, und die Gesellschaft, die sich dort versammelt, inklusive des Seniors mit einem Uralt-Traktor ("den henn i scho ewig!"), ist besser als jeder Film. Originale zuhauf.

Wenn du als Anfängerin vorfährst, musst du dich natürlich erst einmal orientieren. Dir das richtige Plastikfass zulegen. 30 Liter? 60 Liter? Oder gar 120? (Letzteres kann kein Mensch schleppen, weshalb dir der Streib gegebenenfalls noch so eine Anlage mitgibt, mit der du den wertvollen Saft in den Keller pumpen könntest). 60 Liter sind jedoch prima, und weil der eckige (noch schöner als der ovale) Behälter Griffe hat, geht das auch locker zu Zweit, trotz des Muskelkaters vom Sammeln.

"Was ist mit den Birnen?", frage ich den Streib im Arbeitskittel und Moschterei-Stress, denn einer nach dem anderen fährt auf dem Hof vor, um sich in der hochmodernen Chrom-Anlage rauspressen zu lassen, was nur geht. Saftig. "Die passen gut, wenn du Moscht machen willst", löst der Macher die Birnen-Frage. Und holt auch noch, von der ebenso kompetenten Chefin motiviert, für die Anfängerin alle anderen Zutaten aus deren "Moschterei-Lädle" (übersetzt Laden) im Ländle. Meint: Zauberpülverchen zum Gären und was frau alles sonst noch, mit Zitronensaft versehen, zuhause in den offenen Aufsatz gießen soll.

Wird das auch alles am Ende natürlich? Da ist mit dem gutmütigen Streib nicht zu Spaßen. Bio, da muss keine fragen, "soeinScheißabärauch", ist doch selbstverständlich. Die spinnen, die Frankfurterinnen... "Ha noi!"

Moschten verbindet. Alle anderen Leute in der Warteschlange, angereist mit Hängern, Kombis oder eben alten Traktoren voller Äpfel, Äpfel, Äpfel, scheinen Press-Profis zu sein. Manche lassen Schnaps machen, andere Süßmoscht, also Saft, der in praktische Kartons abzufüllen ist. Doch wir wollen sauren Moscht. Die wissen schon auf der Alb, wie’s geht. Jede und jeder von ihnen kann was vom Moschten erzählen.

Ich jetzt auch.

Endlich an der Reihe, geht es zack-zack. Äpfel und Birnen aus den Säcken in den Trog füllen, die riesige Maschine wäscht sie erst und zerlegt und presst sie dann, es sprudelt nur so in die Chrom-Wanne in der Halle. Draußen fällt der Trester, also Rückstände des Naturprodukts, aus einem Rohr in einen Lader. Das wird mal Futter für glückliche Kühe.

Und dann, oho, kommt der Moment, in dem der Streib sagt: "Jetzt geht’s los." Also wacker das Füllrohr nehmen, in den 60-Liter-Kanister halten, und: Es strömt mit vollem Druck! Alles fließt.

Nunmehr steht der gärende Saft im Häusle und fängt schon an zu rumoren. Er hat brav nach den Angaben vom Streib alles bekommen, was ein Moscht beim Gären braucht, und falls das nichts wird, fragen wir halt die beiden Gärtner, den Hermann und den Martin. Denn die "wisset alles", wie der Schwabe sagt. Und zücken schon wieder ein Fläschle: "Selbstgemoschtet", sagen sie nur. Und lächeln.

An Weihnachten können wir hoffentlich das erste Glas unseres eigenen Moschtes ausschenken. Vielleicht dann sogar in ein importiertes Geripptes?

Das Rezept: Der Herbst ist eine herrliche Jahreszeit. Kürbis, Äpfel, Birnen, Steinpilze, Trauben und Pflaumen locken. Erntedank und goldenes Licht ebenso. Und wer keinen Apfelbaum besitzt, kann vielleicht mal wieder unter einem spazieren und träumen. Oder urige Menschen auf dem Land treffen. Raus aus der Stadt und rein in die Natur. Es lohnt sich. So schmeckt das goldene Leben.
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Dokument erstellt am 29.09.2009 um 09:00:21 Uhr
Letzte Änderung am 16.10.2009 um 19:16:45 Uhr
Erscheinungsdatum 02.10.2009
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