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Interview mit Hildebrandt&Droste
Wunderbare Ausrede Demokratie
Von Mark Obert
Herr Hildebrandt, Herr Droste, da Sie für gewöhnlich die Gesellschaft kritisch ins Visier nehmen, lassen Sie uns mit einem Lob der Bundesrepublik beginnen. Ist es nicht großartig, wie wohltuend gelassen die Deutschen geworden sind?
Hildebrandt: Sind sie das?
Selbst Uniformierte sind nicht mehr so eilfertig, nicht mehr so pflichttreu.
Hildebrandt: Für den Zugschaffner bei der Deutschen Bahn mag das zutreffen.
Droste: Der fühlt sich eben ganz entspannt für gar nichts zuständig.
Hildebrandt: Aber ist das gut? Ich sehe das ganz anders: Der Deutsche war im Grunde schon immer so. Er lehnt Führung und Verantwortung ab. Seit der Zeit, in der es diesen Karl den Großen gar nicht gegeben haben soll, haben die Deutschen im Ruf gestanden, sich von jedem führen zu lassen, der ihnen sagt: Ich weiß, wohin ihr müsst, welche Richtung die richtige ist.
Das ist die altbekannte Karikatur vom untertänigen Deutschen. Die Bundesrepublik hat dieses deutsche Unwesen doch längst zivilisiert.
Hildebrandt: Der Deutsche ist nach wie vor autoritätsfixiert. Karl Kraus, obwohl er Österreicher war, hat gesagt: "Der Deutsche steht immer vor dem Schalter, will aber lieber hinter dem Schalter sitzen."
Droste: War das nicht Tucholsky:"Die deutsche Sehnsucht: hinter einem Schalter zu sitzen. Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehen"?
Heutzutage sitzen Beamte im Schlabber-T-Shirt hinterm Schreibtisch und pflegen einen lockeren Ton.
Hildebrandt: Aber nicht auf der Ausländerbehörde.
Gehen Sie mal aufs Amt in Italien oder Spanien. Die Beamten dort schikanieren Sie allein deswegen, weil sie ungeputzte Schuhe tragen.
Hildebrandt: Wenn wir uns mit anderen Nationalitäten vergleichen, frage ich mich: Wer sollte denn bürokratischer sein als ein Brandenburger, lenkbarer als ein Rheinländer? Ich sehe nicht, dass wir da Fortschritte gemacht haben. Wodurch denn auch? Durch die Trümmer? Durch die Tatsache, dass wir besiegt worden sind? Aus Niederlagen haben wir noch nie gelernt.
Droste: Auch in hispanischen Ländern wird durch das Tragen einer Uniform bloß die Wahrheit eines alten Sprichworts belegt: Dummheit und Stolz sind aus demselben Holz. Wobei es der Deutsche allerdings fertig bringt, auch in einer Maßuniform schlecht auszusehen.
Und es ist ihm wurscht.
Droste: Ja, und dieses Wurschtige zeigt sich ja im Sackartigen. Das ist eben kein Ausdruck einer legeren Lebenseinstellung, wie sie etwa der Wiener als levant kultiviert. Der Deutsche verliert die Form und ersetzt den Verlust durch nichts. Er geht aus dem Leim, und wenn er sich entspannt, geht er erst recht aus dem Leim - in alle Richtungen.
Dabei sind alle so stolz darauf, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft so entspannt geworden ist.
Droste: Das ist doch eine Bedrohung. Nehmen Sie nur diese beiden letzten Fußball-Großereignisse; da wurde immer wieder behauptet, wie entspannt die Deutschen gewesen seien. Das stimmte nicht, es gab jede Menge Schlägereien. Darüber wurde kaum oder nur am Rande berichtet, weil man das Propagandabild vom entspannten Deutschen erst herstellen und dann selber daran glauben wollte. So feierte man sich dafür, dass man sich zu Zehntausenden vor Leinwänden drängelte, grölte, soff und sich so anzog, dass meine Oma, die Schneiderin war, erblindet wäre. Entspannt? - Das ist Entspannungsterror.
Hildebrandt: Mir fällt gerade die Dame ein, deren Stimme man unentwegt im Klassik-Radio hört. Die säuselt immer: "Bleiben Sie entspannt!" Es ist unglaublich, wie ich mich darüber aufregen kann. Ich sitze im Auto und schreie: "Ich bin entspannt, verdammt noch mal!" Diese Dame kenne ich zufällig, die ist Synchronsprecherin und stöhnt auch für diese Sex-Telefonnummern. Frauenstimmen wie ihre säuseln einem ja auch auf dem Bahnhof ein, man solle Verständnis haben, wenn sich der Zug um eine Stunde verspätet. Ich habe dafür aber kein Verständnis, wieso sollte ich? Die unterschätzen meine Wut, das ärgert mich dann noch mehr.
Droste: Die bitten nicht um Ihr Verständnis, die befehlen es Ihnen. Und wenn Sie sich verweigern, sind Sie der böse Deutsche.
Hildebrandt: Aber wo wollte man sich beschweren? Vor allem: bei wem? In unserer Gesellschaft ist die Verantwortung auf so viele Schultern verteilt, dass man gar nicht mehr weiß, wer wofür zuständig ist.
Das mag der Nachteil der Call Center und der Institutionen-Demokratie sein.
Hildebrandt: Diese Institutionen-Demokratie zwingt uns zur Duldsamkeit. Wir sind in dieser undurchschaubaren Bürokratie Nullnummern, wir werden verwaltet.
Droste: Immer wieder hört man den Satz: Eigentlich müsse man ja etwas dagegen unternehmen, aber es geht nicht - wegen der Demokratie. Demokratie wird in der Bundesrepublik oft als Hindernis verstanden, als etwas, das man erleidet. So ist sie eine wunderbare Ausrede für die eigene Passivität, für die eigene Feigheit.
Ist es nicht auch schwierig, politische Entscheidungswege zu begreifen? Ganz zu schweigen von den heillos ineinander verknoteten Interessen der Lobbyisten?
Droste: Seine eigenen Interessen zu erkennen, sie dezidiert zu formulieren und zu vertreten ist, so lästig es sein mag, schlicht Pflicht. Nur so kann man verhindern, dass man für die Interessen anderer missbraucht wird. Aber wenn man das sagt, klingt man ja schon beinahe wie ein Bundespräsident, also lassen wir das besser. Wenn Herr Köhler die Bürger dazu auffordert, mehr ziviles Engagement zu zeigen, fühle ich mich wie bei den Pfadfindern. Auch wenn es eine Binse ist: Demokratie ist anstrengender als Diktatur. Und es ist schon erstaunlich, wie es sich der Deutsche dank seiner Wurschtigkeit in der Demokratie so gemütlich einrichtet wie in einer Diktatur.
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Dokument erstellt am 21.05.2009 um 17:08:02 Uhr
Letzte Änderung am 22.05.2009 um 15:43:22 Uhr
Erscheinungsdatum 22.05.2009