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Sozialethiker Hengsbach

Chance eines Neuanfangs vertan

VON FRIEDHELM HENGSBACH

Wenn der Wettbewerb ruinös wird, öffentliche Güter fehlen, die Zahl der Armen und Arbeitslosen für Unruhe sorgt und die Finanzmärkte kollabieren, ist der Ruf nach dem Staat üblich. Dies ist ordoliberalen Ökonomen vertraut. Der Staat soll drauf reagieren - allerdings nicht punktuell intervenierend, sondern regulierend, ordnend. Angesichts der aktuellen Turbulenzen, die Wertpapiermärkte und Investmentbanken verursacht haben, könnten die Konturen einer globalen politischen Finanzarchitektur so aussehen:

Formal halte ich vier politische Vorentscheidungen für grundlegend:

Die globalen Finanzmärkte sind erstens wie die Güter- und Arbeitsmärkte ein gesellschaftliches, kulturelles Geschehen, von Menschen geschaffen und gesellschaftlich eingebettet, den Normen der Gerechtigkeit und Fairness unterworfen.

Der Autor
Friedhelm Hengsbach, Sozialethiker und Jesuit, leitete von 1992 bis 2006 das Nell-Breuning- Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Philoso- phisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Er erforscht u.a. die demokratische Verteilung von Reichtum und Arbeit.

In unserer Debatte kommentieren Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Finanzkrise. Bislang kamen zu Wort: der Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter, der chinesische Ökonom Ding Xueliang und der Schweizer Soziologe Jean Ziegler.
Zweitens sind das Geld, die Geldversorgung und die Geldwertstabilität keine Waren wie Autos, Kühlschränke oder Bahnreisen. Die Stabilität der monetären Sphäre und das Bankensystem sind ein öffentliches Gut, mehr als die Summe der Kalkulation von Renditen und Risiken in angeblich privaten Finanzunternehmen. Folglich untersteht auch die internationale Finanzwirtschaft dem öffentlichen Mandat, das Wohl und die Lebensqualität der Weltbevölkerung, vor allem der Armen zu mehren.

Politische Interventionen sollten drittens nicht derart umtriebig sein, wie es für die Händler an den Wertpapierbörsen typisch ist, und sich vor kurzatmigen, übertriebenen und spektakulären Reaktionen in Acht nehmen.

Viertens passt ein isoliertes Vorgehen nationaler Regierungen nicht zur globalen Vernetzung der Finanzunternehmen und ihrer Geschäftsbeziehungen. Nur eine Kooperation der nationalen Regierungen innerhalb der Währungsräume und auf der globalen Bühne gewährleisten eine solide Finanzarchitektur.

Inhaltlich sehe ich sechs Bausteine einer Kooperation nationaler Regierungen beim Aufbau einer politischen globalen Finanzarchitektur als vordringlich an. Sie sind den Reformvorschlägen des Forums für Finanzmarktstabilität nachgebildet, die nach der Asienkrise 1997 präsentiert wurden.

Erstens sind alle Finanzunternehmen in eine supra- bzw. internationale öffentliche Aufsicht und Kontrolle einzubeziehen, also neben den Banken auch Versicherungen, Kapitalbeteiligungsgesellschaften sowie Investment- und Kurssicherungsfonds. Selbst Ratingagenturen sollten in eine öffentlich-private Kooperation eingebunden werden.

Dass Banken Zweckgesellschaften ausgründen, um deren Geschäfte der öffentlichen Aufsicht und Kontrolle zu entziehen, ist nicht tragbar. Analog einer verbindlichen Mindestausstattung mit Eigenkapital sollten Finanzunternehmen verpflichtet werden, einen Mindestanteil an verbrieften Krediten im eigenen Portfolio zu halten.

Zweitens sind alle Finanzgeschäfte, also neben den bilanzierten auch solche, die im Schatten ausgewiesener Bilanzen versteckt sind, einer solchen öffentlichen Aufsicht und Kontrolle zu unterwerfen. Die angeblich innovativen Finanzdienste sind in einer Positivliste zu erfassen und einer öffentlichen Prüfung zu unterziehen. Spekulative Finanzgeschäfte, die darauf abzielen, Kursschwankungen zum eigenen Vorteil auszunutzen, in der Wirkung diese jedoch ausgleichen, sind nicht verwerflich.

Aber wenn sie keine solche positive gesamtwirtschaftliche Wirkung erzielen, sondern vielmehr diese Kursschwankungen erst auslösen und verstärken, um den eigenen Vorteil zu steigern, sind sie zu untersagen. Eine wirksame Regelung innovativer Finanzdienste scheitert, wenn die Balance zwischen öffentlicher Kontrolle und privater Selbststeuerung verloren geht, und sobald ein Wettrennen einsetzt zwischen den öffentlichen Einrichtungen, die von außen zu regeln befugt sind, und den privaten Unternehmen, die ihre selbst gesetzten Grenzmarken zu überschreiten suchen.

Drittens sind alle Plätze, an denen grenzüberschreitende Finanzunternehmen operieren, der öffentlichen Aufsicht und Kontrolle zu unterwerfen oder ganz zu schließen, das sind die bisher freien Bankzonen, die sich häufig als Geldwaschanlagen herausgestellt haben. Finanzunternehmen, die Steuerflüchtigen Anlagemöglichkeiten bieten, sind international zu sanktionieren.

Viertens sollten alle kurzfristigen und spekulativen Kapitalströme mit einer Steuer (Tobin-Steuer) belegt werden, um das Tempo der Finanztransaktionen zu entschleunigen bzw. den Handel mit Wertpapieren wie den mit Gütern zu belasten, um öffentliche Aufgaben zu finanzieren. Auch die asymmetrischen Vergütungsnormen der Finanzmanager sind zu korrigieren, die derzeit so angelegt sind, dass sie kurzfristige Gewinnchancen ohne Verlustrisiken bieten.

Fünftens ist der nachhaltigen Rückkopplung der finanz- und güterwirtschaftlichen Sphäre eine erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Die global und regional weit geöffnete Schere der Einkommens- und Vermögensverteilung sollte durch eine solidarische Tarif- und Sozialpolitik geschlossen werden. Ebenso sollten die strukturell verfestigten Zahlungsbilanzungleichgewichte, die sich häufig in asymmetrischen Spannungen entladen, abgebaut werden.


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Dokument erstellt am 21.10.2008 um 16:36:02 Uhr
Letzte Änderung am 07.03.2009 um 11:51:39 Uhr
Erscheinungsdatum 22.10.2008
Kommentare
1. Attentismus?
Strukturell bewegen sich Banken zugleich Drinnen und Draußen und sind daher institutionell betrachtet Schwellenexistenzen. Ihre Aufgabe besteht darin, auch das Ausmaß des Draußen, also derjenigen gesellschaftlichen Repräsentanten, die sich nicht-kapitalistisch austauschen, durch Aufnahme in ihre Bücher zu dokumentieren. Dass dieses Feld des Draußen sehr weit ist, zeigen schon die in den vergangenen Wochen gehaltenen Reden von einer "Finanzkrise". Zu schließen ist daraus jedoch nicht, wie es Hengsbach attentistisch übt, vertane Optionen zu diskutieren, sondern vielmehr welche Schritte künftig Zugang zum mehrdimensionalen Drinnen ermöglichen. Wenn man so will, lenkt Hengsbach seine Schritte demgegenüber in genau die falsche Richtung.



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2. Reale statt virtuelle Werte
Eine Ergänzung zur Diskussion: In der Realwirtschaft ist der reale Wert von Unternehmen und Waren entscheidend, in den von der Spekulation dominierten Bereichen der Finanzwirtschaft (vor allem den Börsen) geht es dagegen um virtuelle Werte. Wie wenig das zusammenpasst, hat die derzeitige Weltfinanzkrise wieder bewiesen. Hier gefährden virtuelle Werte die wirtschaftliche Realität. Man fragt sich, warum die Realwirtschaft das aushalten muss. Warum setzt man nicht endlich an den dafür verantwortlichen zentralen Mechanismen der Börsen an ? Bei der Kursermittelung von Börsenpapieren fehlt z.B. ein Dämpfungsfaktor, der dafür sorgt, dass die virtuellen Werte sich in ihrem Änderungstempo dem der Realität annähern anstatt dieses mit ihren Kursstürzen aus den Angeln zu heben.



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3. Eigenverantwortung
Ich habe noch nie verstanden, weshalb ein Unternehmen, welches an der Börse "gehandelt" wird, derart starken Schwankungen im Wert unterworfen sein muss: heute 100%, morgen 80% und nächste Woche 125%. Das Unternehmen bleibt doch weitgehend das Selbe. Ist sicherlich etwas naiv, besser bodenständig gedacht.
Eines wird jedoch immer unterdrückt: die Eigenverantwortung der Anleger: wer - nur weil er/sie vor lauter €- oder $-Zeichen nicht mehr die Realität sieht (Renditen in astronomischer Höhe) - hat etwas verloren (sofern überhaupt jemals besessen): den gesunden Menschenverstand. Den müssen wir als Allererstes wiederfinden!



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4. Immer locker vom Hocker!
Mit den von Benedikt XVI. verwendeten Begriffen, ohne anmaßend zu sein, kann man sagen, dass Hengsbach sich heuchlerisch aus dem Weinberg des Herrn schleichen will. Die Ausmaße dieses Feldes des Draußen, also des Nicht-Kapitalistischen, bedeuten viel Arbeit, will man innere Landnahmen (Luxemburg, R.) erlangen. Keineswegs ist das Draußen jedoch virtuell, sondern real. Wenn man es brach liegen lässt wie in den vergangenen Jahrzehnten, bricht sich daran die Mehrwertproduktion mit der Folge momentan kollabierender weltweiter Märkte. Nun gibt es zwar mehrere Wege, Mehrwert herzustellen, unterlässt man es jedoch auf allen diesen Wegen, wie die schweizerische Kommission im Fall der UBS feststellte, in Gänze kapitalistische Verwertung zu betreiben, geht es auch um's Ganze.



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5. Attentismusvorwurf
Attentist könnte hier auch flotter dreier sein.Wenn ich mal so interpretieren darf, daß man für den "normalen" zeitungsleser da draußen kritik durchaus so anbringen kann, daß genannter sie auch zu verstehen vermag. Attentistisch wirkt flotter dreiers kritik deshalb, weil man ein abwertenderes bild von hengsbach bekommt,ohne zu verstehen, warum eigentlich,man wartet also ab,bis bessere kritik erscheint. Man soll hier also glauben, hengsbach erzähle blödsinn. Man kann ja geradezu nicht anders glauben, denn wenn da einer daher kommt, mit unverständlichem Deutsch (oder missverständlichen weil mehrdeutigen Reden) gegen Hengsbach argumentativ hervorgeht und dieser jemand,so scheint es, auch noch aus der Expertenecke zu kommen scheint,er wohl Recht haben müsse,solange bis hengsbach sich wehrt.



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