Athen. Die Unruhen in der griechischen Hauptstadt Athen haben sich am Montagabend erheblich ausgeweitet. Tausende Vermummte zogen durch das Stadtzentrum, zertrümmerten Schaufenster und steckten mit Molotowcocktails Geschäfte und Bankfilialen in Brand. Zahlreiche Gebäude am Omoniaplatz und am Syntagmaplatz sowie in den umliegenden Straßen standen in Flammen.
Demonstranten verwüsteten alles, was ihnen in den Weg kam. Entlang der drei großen Einkaufsstraßen Panepistimiou, Stadiou und Skoufa sowie rund um den zentralen Syntagmaplatz brannten nahezu alle Geschäfte. Gewalttäter erreichten am Abend auch den eleganten Kolonaki-Platz, wo viele Politiker des Landes wohnen und zerstörten auch dort alle Geschäfte. Passanten flohen in Panik in alle Richtungen. Die Polizei setzte massiv Tränengas ein, was aber ohne merkbare Wirkung auf die Randalierer blieb.
Nach Berichten des Fernsehsenders Antenna brannte es am Abend auch im griechischen Außenministerium und im Wirtschaftsministerium am Syntagmaplatz. Die Polizei schien machtlos gegen den Zerstörungsfeldzug der Autonomen.
Verzweifelte Besitzer zerstörter Geschäfte liefen mit Tränen in den Augen um Hilfe. Die Feuerwehr war jedoch an einem Eingreifen gehindert, weil der wütende Mob die Einsatzfahrzeuge mit Brandflaschen attackierten.
Der griechische Ministerpräsident Kostas Karamanlis berief für die Nacht eine Sondersitzung des Ministerrates ein.
Debatte über Ursache der Gewalt
Schüler blockierten Straßenbahngleise, eine S-Bahn-Station und mehrere Hauptverkehrsstraßen. In Thessaloniki flogen erneut Brandsätze gegen Autos und Bankfilialen. Auslöser war der Tod eines 15-Jährigen im Stadtteil Exarchia am Samstagabend durch eine Polizeikugel. Dies löste eine landesweite Welle der Gewalt aus, wie sie Griechenland seit Menschengedenken nicht erlebt hat.
Vergeblich wird unterdessen eine Antwort auf die Frage gesucht, wie es so weit kommen konnte. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die krassen Missstände im Erziehungswesen, die wachsende Frustration vieler junger Leute, die für den Mindestlohn von rund 650 Euro mitunter zehn Stunden am Tag jobben müssen – das reicht nicht als Erklärung. Eine politische Idee oder ein soziales Anliegen ist hinter den Gewaltorgien der selbst ernannten Anarchisten nicht zu erkennen, eher blinde Zerstörungswut. Die Bilanz bisher: mehr als 100 Millionen Euro Sachschaden, 37 verletzte Polizisten, 22 festgenommene Randalierer.
Allerdings scheint die Polizeiversion, wonach die Beamten bei den Schüssen, die alles auslösten, in Notwehr handelten, kaum haltbar. Alle Augenzeugen widersprachen dieser Darstellung. "Sie haben ihn kaltblütig ermordet", sagt der Augenzeuge Kostas Lilas.
"Ich wollte nicht töten", soll dagegen der Beamte Epaminondas Korkoneas versichert haben. Der 37-Jährige gilt als erfahrener Polizist, trägt allerdings wegen seines mitunter rabiaten Vorgehens unter Kollegen den Spitznamen "Rambo". Einer seiner beiden Anwälte legte am Montag das Mandat nieder. "Einen solchen Mann kann ich nicht verteidigen", sagte er. (mit dpa)


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