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Datenleck

Mikrofiches im Pappkarton

Es war ein brisantes Paket: Am Freitag erreichte ein brauner schwerer Karton die Poststelle der FR. Absender unbekannt. Inhalt: Stapelweise Mikrofiches mit hoch sensiblen Daten von Tausenden Kreditkartenkunden in ganz Deutschland. Dazu Geheimnummern, Listen von Zahlungsströmen, Auslandsabbuchungen und Rücküberweisungen.

Beiliegend fand sich eine Rechnung über 71 400 Euro, datiert vom 9.12.2008. Den Betrag wollte offenbar die Finanzdienstleistungsfirma Atos Worldline ihrer Auftraggeberin in Rechnung stellen: der Berliner Landesbank LBB. Für die Landesbank wickelt Atos die technische Seite des Zahlungsverkehres ab. Hunderttausende Kreditkartenrechnungen von Banken in der ganzen Republik laufen über die LBB zu Atos – und wieder zurück.

Doch diesmal ging etwas gewaltig schief. Der gigantischer Datenverlust traf das Unternehmen völlig unvorbereitet. Atos-Prokuristin Ulrike Rahnama bestätigte am späten Freitagabend das riesige Datenleck. Das Rechnungsdatum, der Betrag und das Paket sei dem Unternehmen bekannt, sagte Rahnama: "Wir prüfen mit Hochdruck, was passiert ist."

Datenkiste
Am Freitag, 12. Dezember geht ein Karton in der Poststelle der Frankfurter Rundschau ein. Betriebsinterne Boten liefern das Poststück dahin, wo es laut Adressaufkleber hin soll: Chefredaktion.

Beim Öffnen der Kiste bietet sich ein zunächst verwirrendes Bild: Offene Umschläge, mit Geheimnummern von Kreditkartenkunden – die Namen, Adressen, alles klar lesbar.

In weiteren offenen Umschlägen steckten Hunderte Mikrofiches, säuberlich sortiert nach Kreditkartenfirmen, Rücküberweisungen, Auslandszahlungen. Mit einer starken Lupe waren alle Daten lesbar.
Atos ist einer der ganz großen Anbieter von Bank- und Finanzdienstleistungen. Das Unternehmen hat einen Jahresumsatz von 654 Millionen Euro und beschäftigt mehr als 4000 Mitarbeiter. Als europaweit agierender Dienstleister im Bereich großvolumiger Datenmengen ist das Unternehmen auf elektronische Zahlungsdienstleistungen spezialisiert.
Besonders im Fall der Berliner Landesbank ist das eine hoch verantwortungsvolle Aufgabe, denn die Landesbank ist der größte Vergeber von Kreditkarten in Deutschland. Bei der LBB, die Anteilseigner von Atos ist, schrillten am Freitagabend die Alarmglocken.

"Wir nehmen das sehr ernst", sagte LBB-Sprecher Marcus Recher. "Die Firma Atos arbeitet für uns die Zahlungsverkehrsströme auf", so der Sprecher. Dabei sei es "nicht unüblich, mit Mikrofiches zu arbeiten", so der Sprecher. Doch genau dies können Datenschützer am wenigsten verstehen. In ersten Reaktionen auf den Super-Gau im Datentransfer äußerten der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix und der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar ihr völliges Unverständnis über die Nutzung einer solch unsicheren Speichertechnologie.

Bei der Landesbank und dem Unternehmen Atos jagten sich am späten Freitagabend hektische Krisensitzungen. LBB-Sprecher Recher kündigte an: "Sofern es sich um eine Sendung handelt, die an uns gerichtet war, werden wir Strafanzeige erstatten." Die Polizei holte die brisante Kiste am Abend ab, nachdem die FR die Beamten informiert hatte.
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Dokument erstellt am 12.12.2008 um 21:08:00 Uhr
Letzte Änderung am 12.12.2008 um 21:29:43 Uhr
Erscheinungsdatum 12.12.2008
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