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09. Februar 2010
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Island

Die Stille nach dem Zorn

VON HANNES GAMILLSCHEG

Reykjavik. Bjarnar Hannesson trommelt. Dick vermummt in Pelzmütze und Lederjacke, um Schneetreiben und schneidendem Wind zu trotzen, schlägt der alte Mann vor der Nationalbank in Reykjavik mit einem Metalllöffel auf eine Pfanne ein, dass die drinnen in dem Gebäude Kopfschmerzen bekommen müssen bei diesem Lärm. So soll das auch sein. "Ich stehe hier und trommle, bis sie verschwinden, diese Diebe", faucht er und deutet auf die Direktionskanzlei, in der sich Notenbankchef David Oddsson taub stellt für den Wirbel und für all die Forderungen nach seinem Rücktritt.

Ein einsamer Trommler


Hannesson ist ein einsamer Trommler geworden. Vor ein paar Wochen noch waren sie Tausende, hier, vor der Nationalbank, vor allem aber vor dem Parlament. Und die, die dabei waren, bekommen noch glänzende Augen, wenn sie von den Tagen der Revolte erzählen. Hördur Torfason, der Barde, Schauspieler und Menschenrechtsaktivist, war der Erste, damals im Oktober, als Islands Banken zusammengebrochen waren und das Land auf den Staatsbankrott zutrudelte. Da nahm er ein Mikrofon, einen Lautsprecher, stellte sich vor das Parlament, fragte Passanten nach ihren Gefühlen und sagte, dass sie wiederkommen sollten, am Samstag.

Und sie kamen. Zuerst ein paar hundert, dann ein paar tausend, dann immer mehr. Sie nannten sich "Stimmen des Volkes", und sie verlangten Rechenschaft von den Schuldigen an dem Schlamassel: von den Glücksrittern, die ihr Land mit wahnwitzigen Aufkäufen und Finanzspekulationen in den Abgrund rissen, und von den Politikern und Aufsichtsorganen, die ihre Kontrollpflichten versäumten und sich und der Umwelt einredeten, die Metastasen seien eine gesunde Entwicklung. Die Rechnung für diesen Irrsinn bezahlen jetzt die, die Schlange stehen vor den Baracken der Familienhilfe, wo gebrauchte Kleider und Grundnahrungsmittel an Bedürftige verteilt werden.

Dass manche im Neuwagen vorfahren, um Säcke mit Brot, Zucker und Mehl heimzuschleppen, ist nur auf den ersten Blick ein Paradox. Noch vor einem halben Jahr war Krise ein Fremdwort, die Banken verschleuderten Kredite, und viele, die jetzt um Essen anstehen, hätten sich nicht träumen lassen, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen können. Jetzt sind die Schulden explodiert. Viele hatten Darlehen in Fremdwährung aufgenommen, weil die Zinsen so billiger waren. Jetzt ist die Krone nur noch wenig wert, und das, was die Schuldner zurückzahlen sollen, ist mehr, als sie für ihr Haus oder Auto bekommen könnten.

"Der Hilfsbedarf hat sich vervielfacht", sagt Solveig Olafsdottir, die Sprecherin des Roten Kreuzes, "die Not wird weiter wachsen, und nichts kann sie stoppen." Schon hat sich die Zahl der Arbeitslosen verfünffacht, bisher sind vor allem das Baugewerbe und die Industrie betroffen, bald wird auch der Servicesektor folgen. "Früher hatte ich drei Jobs auf einmal", sagt Austis Ausvaldsdottir, tagsüber in einer Fischfabrik, morgens als Putzfrau, abends in einem Café, "jetzt habe ich keinen, und wenn mir mein Sohn nicht aushelfen würde, weiß ich nicht, was ich täte." "Noch ist für viele die Angst vor der Krise größer als die Krise selbst", sagt der Finanzexperte Benedikt Stefanson, doch das ändert sich.

Jetzt läuft für viele, die im Herbst entlassen wurden, die Kündigungsfrist ab. Dann folgen drei Monate mit 75 Prozent des Lohns, damit lässt sich noch leben. Dann gibt es nur noch Arbeitslosengeld, umgerechnet knapp 1000 Euro, das ist gar nichts in Island, bei einer Teuerung von fast 20 Prozent. Die Schulden wachsen mit der Inflation, die Ersparnisse vieler hat der Bankenkrach zertrümmert, "das Wort Bankraub hat eine neue Bedeutung bekommen", konstatiert Torfason mit feinem Sarkasmus. "Eltern können ihre Kinder nicht mehr zum Sport schicken", sagt Olafsdottir, "sie lassen Zahnbehandlungen abbrechen und sparen an Medizin." Jeder merke die Krise, sagt sie, "auch ich spüre Monat für Monat, dass es schwieriger wird, über die Runden zu kommen".

Laugavegur im Zentrum von Reykjavik galt vor kurzem noch als Europas hippste Einkaufszeile, "jetzt ist sie tot", sagt Sara, die in einem Friseursalon arbeitet. Die Läden mit den schicken Designerwaren bieten 30, 50, ja 70 Prozent Preisnachlass, doch Kunden gibt es keine. "Wir haben uns nur mit New York und London verglichen", sagt Sara, "und jetzt? Zimbabwe!" Die Radionachrichten melden Sparpläne für das größte Krankenhaus, und der Sprecher erwähnt, dass die Summe, die eingespart werden muss, der entspricht, die die Clique der Neureichen für ihre Jachten ausgab. "Man wird so wütend", sagt die Friseurin.

Nur noch halbleere Säle


Das ist der Zorn, der vor wenigen Wochen die Regierung aus dem Amt fegte. Denn als die Neujahrspause des Parlaments endete und sich politisch noch immer nichts getan hatte, schlugen die Demonstranten eine neue Tonart an. "Ich bat sie, mit Töpfen, Pfannen und Trommeln wiederzukommen", sagt Torfason, und dann belagerten sie das "Althing" (Parlament) und machten einen Heidenlärm, der die Volksvertreter nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Ein paar Tage später hatten die Aufrührer gewonnen: Regierung und Finanzaufsicht waren abgetreten, Neuwahlen für April ausgeschrieben.


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Dokument erstellt am 20.02.2009 um 16:52:03 Uhr
Letzte Änderung am 20.02.2009 um 22:21:31 Uhr
Erscheinungsdatum 21.02.2009
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