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Kanzlerkandidat zum 1. Mai

Frank-Walter Schröder als Arbeiterfreund

VON JOACHIM WILLE

Ludwigshafen. Man macht die Augen zu und hört - Gerhard Schröder. Gepresste Sätze, knappe Botschaften, anschwellend heiserer Ton. Man macht die Augen auf und sieht - Frank-Walter Steinmeier. Das ist insofern nicht verwunderlich, als der SPD-Außenminister seit einigen Monaten seine zweite Rolle als Merkel-Herausforderer und möglicher Schröder-Erbe übt, wo immer sich ihm eine Plattform bietet. Ob auf dem Protest-Lkw bei Opel, vor der örtlichen Parteibasis oder bei der Kandidaten-Krönungsmesse unlängst in Berlin. Wieso also nicht auch als Kanzlerkandidat beim 1. Mai, wenn man ihn schon einlädt - zum Heimspiel in der BASF-Stadt Ludwigshafen, wo die (meist moderaten Chemie-)Gewerkschafter mit den Sozis auch in der heißen Agenda 2010-Zeit nie so heftig umgesprungen sind wie andernorts.

Steinmeier, der Innenpolitiker, der Finanz-Experte, der Job-Retter. Der Mann, der zeigen möchte, dass er ein Land aus der Krise führen kann, aber, dem Schröder-Duktus zum Trotz, gerade nicht als "Genosse der Bosse" rüberkommen will. Gerade aus Afghanistan zurückgejettet, rollt er in schwarzer Limousine heran, betritt den, wie passend, Ebert-Park. Hier zelebriert der DGB in Ludwigshafen alljährlich seinen 1. Mai, mit wummernder "Einfahrt der IGBCE-Biker-Gruppe", Musik-Darbietungen und ökumenischem Gottesdienst. Das gewerkschaftliche "Kolleginnen und Kollegen"-Mantra, das Steinmeier bereits vor ein paar Wochen als Opel-Freund übte, schrödert er auch hier unter die Leute und in den Bier- und Bratwurst-Dunst hinein. Er lobt die Gewerkschaften, ja, er schmeißt sich ran. "Wir brauchen sie dringender denn je, gerade in der Krise", ruft er gleich zu Anfang. Das gibt den Ton vor.

"Unser Tag der Arbeit", "Gewerkschafter und SPD stehen zusammen an diesem 1. Mai", "Wir sind bereit, gemeinsam zu kämpfen" - so geht es fort und fort. Steinmeier kommt damit und mit seinen markigen Ausfällen gegen den "Casino-Kapitalismus" nebst seiner Beschwörung des - freilich nicht militant gemeinten - Kampfs um die Jobs auch gut an. Es gibt Zwischenrufe von Anhängern der Linkspartei, aber nur in homöopathischer Dosis. Einmal halten zwei Leute ein Plakat gegen die "Rentenlüge" vor den Redner. Das war's auch schon an Aufmüpfigkeit. Es wäre ein gar unhistorischer Tag geworden, hätte nicht Steinmeiers Vorredner, der rheinland-pfälzische Verdi-Chef Uwe Klemens, daran erinnert, dass die Republik Rot-Grün und Schwarz-Rot auch höchst umstrittene Taten verdankt: Leiharbeit salonfähig gemacht, was nun Entlassungen beschleunigt. Unternehmen und Reiche entlastet, den Staat arm gesteuert. So zürnt Klemens. Da klatscht Steinmeier, der bereits dabei sitzt, zwar nicht, was er an den anderen guten Stellen gern tut. Aber richtig ärgern, das verkneift er sich. Dass Steinmeier, der bei Schröder Kanzleramtsminister war, die Agenda 2010, also Hartz IV und Co., maßgeblich komponiert hat, spielt im Ebert-Park keine ausdrückliche Rolle. So lässt es sich mit ein wenig Kritik gut leben.

Eine Sensation ist es 2009 nicht mehr, dass ein SPD-Grande den 1.Mai mit zelebriert. Das tiefe Zerwürfnis zwischen der "Arbeiterpartei" und den Gewerkschaften, das 2003 mit dem Agenda-Ruck begann, ist ja bereits seit dem vorigen 1. Mai sediert. 2008 war es der DGB, der das Versöhnungssignal setzte. Er lud erstmals nach fünf Jahren, nach dem legendären Showdown Schröder versus DGB-Chef-Sommer anno 2003, wieder einen SPD-Chef zur Hauptkundgebung ein. Das war der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, der Korrekturen an der Agenda wie das längere Arbeitslosengeld durchgesetzt und die Fronten durchlöchert hatte. Beck, inzwischen durch den alten Agenda-Fan Franz Müntefering ersetzt, verkündete damals: "Wir sind wieder deutlich zusammengerückt."

Daran soll sich, die anstehenden Wahlen für Europa und den Bund im Blick, auch nichts ändern. "Die Chemie", formulierte Steinmeier anspielungsreich, "zwischen SPD und Gewerkschaften stimmt doch wieder." Die Gewerkschaftsbasis, zumindest die in Ludwigshafen, stimmt zu. Hernach lobt man Steinmeiers Auftritt unisono. Die SPD, das sei eben die Partei, bei der man "immer noch die kleine Hoffnung hat, dass sie etwas für die kleinen Leute tut", sagt ein Transnet-Gewerkschafter, den nach Steinmeiers Rede der Hunger überfiel. Die Wahl fiel zwischen Bratwurst und Kuchen. Er brauchte etwas Herzhaftes.
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Dokument erstellt am 01.05.2009 um 17:52:02 Uhr
Letzte Änderung am 01.05.2009 um 19:31:29 Uhr
Erscheinungsdatum 02.05.2009
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