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Zweiter Atomtest in Nordkorea

Ohrfeige für Obama

Von Laszlo Trankovits, dpa

Seoul. Die aufstrebenden Atommächte Iran und Nordkorea kümmern sich nicht um Barack Obamas Botschaft des "Wandels" und der "Hoffnung". Der Atomtest in Nordkorea und ungewöhnlich brüske Worte in Teheran haben am Montag dem jungen US-Präsidenten brutal demonstriert, dass zwischen seinen Visionen einer "Welt ohne Nuklearwaffen" und der Wirklichkeit noch Welten liegen. Während Obama der Tradition folgend am "Memorial Day" auf dem Soldatenfriedhof in Arlington an den Feierlichkeiten zum Gedenken an die Kriegsopfer teilnahm, erhielt er eine Lektion über die Friedenschancen in der Welt.

Obama hatte mehrfach der Führung in Teheran seine Bereitschaft zu direkten Verhandlungen und einem "respektvollen" Umgang signalisiert; Nun erklärte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad eisig, dass er künftig nicht einmal mehr wie bisher - wenngleich ohne Ergebnisse - mit den Weltmächten im UN-Sicherheitsrat und Deutschland verhandeln wolle. Zugleich forderte er Obama zu einer "Debatte" vor der UN-Vollversammlung auf - Obama wird so etwas als eine Art "Schaukampf" und "Propagandashow" sicher ablehnen.

Zumindest trafen Nordkoreas Atomaktivitäten Washington nicht unerwartet:"Wir sind nicht überrascht", versicherte der US-Generalstabschef, Admiral Mike Mullen, der Nordkorea ein zunehmend "aggressives" Vorgehen vorwarf. Er begegne den Berichten aus Nordkorea aber erst einmal mit Skepsis: "Wir brauchen ein paar Tage, um das zu verifizieren ... Noch haben wir keine Indizien dafür, dass es wirklich ein erfolgreicher Atomtest war."

Interaktive Grafik Interaktive Grafik: Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm

"Gewissenlose Herausforderung"


Auf jeden Fall aber stellen Teheran und Pjöngjang Obamas neue Außenpolitik der ausgestreckten Hand auch für bisherige Kontrahenten und Feinde Amerikas auf eine schwere Probe. Die rasche Reaktion Obamas noch in der Nacht zum Montag belegt, wie ernst die USA Nordkoreas Provokationen nehmen. Der US-Präsident beklagte "tief besorgt" die "klare und gewissenlose Herausforderung" und "Gefährdung des internationalen Friedens und der Sicherheit" - und wiederholte später seinen Willen, die diplomatischen Anstrengungen "noch zu verdoppeln".

Wie bei so vielen anderen außenpolitischen Konflikten steht Obama trotz seiner Politik der "Wende" vor den gleichen Problemen wie sein Vorgänger George W. Bush. Der war zuletzt von jeder Polemik gegen die "Achse des Bösen" abgerückt und nicht zuletzt auf europäischen Druck hin nur noch auf Diplomatie gesetzt. Bush ließ im Zuge der Vereinbarungen mit Pjöngjang Nordkorea sogar von der US-Liste der Staaten streichen lassen, die den Terrorismus unterstützen.

Nordkorea wie der Iran scheinen aber nicht im geringsten den Politikwechsel in Washington als Chance für einen neuen Dialog mit den USA zu halten - die Atom- und Raketentests und die politische Ohrfeige Ahmadinedschads an Bush sprechen eine überdeutliche Sprache.

"Die Frage ist, will Nordkorea nur seine internationale Verhandlungsposition verbessern, das wäre sogar gut", meinte der Sicherheitsexperte Jim Walsh (Massachusetts Institute of Technology) in einem CNN-Interview. Dann gebe es eine Chance für diplomatische Bemühungen. Problematischer und kaum beeinflussbar wäre es, wenn die nuklearen Muskelspiele Nordkoreas Ausdruck von internen Machtkämpfen um die Nachfolge von Kim Jong Il (67) wären.

Washington sieht schon seit Monaten mit Sorge die wachsende Konfrontationsbereitschaft Nordkoreas. Im April hatte die kommunistische Führung den Rückzug von den internationalen Verhandlungen über ihr Atomwaffenprogramm im Rahmen der sogenannten "Sechser-Gruppe" erklärt, nachdem der UN-Sicherheitsrat den Start einer Langstreckenrakete Nordkoreas verurteilt hatte. Pjöngjang sprach verharmlosend von einem "Satellitenstart".

Damals hatte ein sichtlich erzürnter Obama "eine starke Reaktion" der Welt und die "Bestrafung" Nordkoreas gefordert. Aber abgesehen von der UN-Resolution geschah nichts. Moskau und Peking scheuen sich vor harten Maßnahmen - zumal es unter Experten noch erhebliche Zweifel gibt, ob Nordkorea wirklich in naher Zukunft eine funktionstüchtige Atombombe und Raketen für ihren Transport haben könnte. Der Iran dagegen, so Mullen am Sonntag, könnte in spätestens drei Jahren über einsatzbereite Atomwaffen verfügen.

Die US-Regierung wird bald vor einem weiteren Problem mit Nordkorea stehen: Ab dem 4. Juni sollen sich US-Medienberichten zufolge zwei amerikanische Journalisten wegen illegaler Einreise und "feindseliger Aktivitäten" vor einem Gericht in Pjöngjang verantworten. Die Zahl der außenpolitischen Bewährungsproben für Obama nimmt rapide zu.

Kim Jong Il provoziert die Welt


Nordkoreas Diktator hatte am Montag zum zweiten Mal eine Atombombe testen und kurz darauf drei Kurzstreckenraketen starten lassen. Pjöngjangs offizielle Nachrichtenagentur KCNA berichtete, der unterirdische Nukleartest sei erfolgreich verlaufen. Geologen in den USA, Japan und Südkorea meldeten übereinstimmend ein Erdbeben in der nordkoreanischen Bergregion.

Nach Angaben des südkoreanischen Präsidialamts in Seoul wurde um 9.54 Uhr Ortszeit im Norden des Nachbarlandes in der Provinz Nord-Hamkyong ein "künstliches Erdbeben" gemessen, das auf einen Nukleartest hindeute.

Die russischen Streitkräfte bestätigten den Atomwaffentest. Die Bombe hatte eine Sprengkraft wie die Atombombe, die 1945 von den USA auf die japanische Stadt Hiroshima abgeworfen worden war, meldete die russische Staatsagentur RIA Nowosti. Die Kernexplosion habe eine Kraft von 10 bis 20 Kilotonnen gehabt. Die Detonation sei etwa 80 Kilometer nordwestlich der Stadt Kilchu im Nordosten des Landes registriert worden.

Über den Start der ersten Kurzstreckenrakete berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Diplomatenkreise. Es soll sich um eine Boden-Luft-Rakete mit einer Reichweite von 130 Kilometern gehandelt haben, die von der Basis Musudan Ri aus ins Meer geschossen wurde. Später seien zwei weitere Raketen abgeschossen worden.

Erdbeben mit Stärke 4,5


Mit den Tests macht Pjöngjang seine Mitte April ausgesprochene Drohung wahr, das 2007 im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche vereinbarten Abrüstungsabkommen aufzukündigen und sein Nuklearprogramm wieder aufzunehmen. Laut KCNA sei der neue Test "Teil der Maßnahmen, um die nukleare Abschreckung zur Selbstverteidigung zu stärken". Seine erste Atombombe hatte Nordkorea im Oktober 2006 getestet. Nordkorea hatte nach dem letzten Raketenstart eine Entschuldigung vom höchsten UN-Gremium und die Rücknahme von Sanktionen gefordert.

Die Truppen an der innerkoreanischen Grenze wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Seismographen in mehreren Ländern zeigten ein Erdbeben an, das auf der Richterskala einen Wert von 4,5 bis 4,7 erreichte. US-Wissenschaftlern zufolge soll die Erschütterung in zehn Kilometer Tiefe stattgefunden haben.

Die Welt reagiert alarmiert


Die Weltöffentlichkeit reagiert alarmiert auf den Test. Der UN-Sicherheitsrat soll noch am Montag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Berlin: Die Bundesregierung hat den neuen Atomtest Nordkoreas "aufs Schärfste" verurteilt. Die Atomversuche des kommunistischen Staates seien ein klarer Verstoß gegen bestehende Resolutionen der Vereinten Nationen und eine Bedrohung für die Sicherheit in der Region, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Jens Plötner, am Montag in Berlin. Zugleich forderte er Nordkorea auf, von solchen "unverantwortlichen Provokationen" in Zukunft abzulassen.

Washington: Die US-Regierung verurteilte den Atomtest scharf. Die atomaren Bemühungen Nordkoreas seien eine Bedrohung für die internationale Sicherheit. Das Weiße Haus verlangt ein gemeinsames Vorgehen der Staatengemeinschaft gegen Nordkorea.

Seoul: Auch Südkorea verurteilte den Atomtest aufs Schärfste. Dadurch werde der Frieden auf der koreanischen Halbinsel ernsthaft bedroht, hieß es in einer Erklärung der Regierung in Seoul im Anschluss an eine Krisensitzung von Präsident Lee Myung Bak mit den höchsten Sicherheitsbeamten. Das Verteidigungsministerium in Seoul richtete einen Krisenstab ein. Die Alarmbereitschaft der Streitkräfte wurde nach Angaben eines Sprechers zunächst jedoch nicht erhöht.

In Seoul demonstrierten Menschen gegen den Atomtest und verbrannten Plakate mit dem Konterfei des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il.

Tokio: Japan protestierte ebenfalls scharf. Tokio werde das Verhalten Nordkoreas "nicht tolerieren", sagte ein Regierungssprecher. Ein solcher Test sei eine eindeutige Verletzung von UN-Resolutionen.

Europa: Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana bezeichnete den Vorgang als unverantwortliches Handeln, das eine entschiedene Antwort der internationalen Gemeinschaft verlange. Der Test sei ein "ungeheuerlicher Verstoß" gegen die Resolution des UN-Sicherheitsrates, erklärte Solana

UN: Der UN-Sicherheitsrat will einem Diplomaten zufolge noch am Montag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen. Das sagte der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen (UN), Witali Tschurkin, nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass.

Die UN-Behörde zur Überwachung des internationalen Atomwaffen-Teststoppabkommens hat den Atomtest verurteilt - die Explosion sei eine "Bedrohung der internationalen Sicherheit und des Friedens", sagte deren Chef Tibor Toth in einer in Wien veröffentlichten Erklärung. (mit dpa/rtr/afp)
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Copyright © dpa/Von Laszlo Trankovits, dpa - Deutsche Presseagentur 2010
Dokument erstellt am 25.05.2009 um 06:54:23 Uhr
Letzte Änderung am 25.05.2009 um 20:07:15 Uhr
Erscheinungsdatum 25.05.2009
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