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09. Februar 2010
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Internetsperren

"Hier ist Ideologie im Spiel"

Die Reaktion auf meine Kolumne "Netz-Anarchos und trojanische Pferde" war überwältigend, und sie war überwiegend kritisch. Das ist nicht verwunderlich. Wer meinen Text zustimmend zur Kenntnis genommen hat, hat keinen Grund zur Reaktion gesehen. Wer hingegen anderer Meinung ist, fühlt sich seit Wochen herausgefordert und ist entsprechend netz-präsent. Unter den Einwänden und Kritiken sind mir drei wiederkehrende Argumente aufgefallen, auf die ich antworten möchte:

1. Mehrfach wurde erklärt: Wenn es bloß um das Verbot von Kinderpornografie gehe, so reichten dafür die bestehenden Gesetze aus, denn schließlich sei Produktion wie Konsum kinderpornografischer Bilder unter Strafe gestellt, und die gelte am Kiosk wie im Netz. Das ist richtig.

Der Einwand übersieht freilich, dass die Formen der Verbotsdurchsetzung sich am Kiosk und im Netz voneinander unterscheiden, ebenso im Übrigen wie die Peinlichkeitsschwellen und die Befürchtung, als Konsument erwischt und zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Zur Person
Herfried Münkler ist Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er antwortet auf die Kommentare zu diesem Beitrag:
Eine Rechtsordnung ist nur dann verhaltenssteuernd, wenn mit ihrer strafbewehrten Durchsetzung gerechnet werden muss. Im Zeitalter der Pferdekutschen hat es keine radargestützte Geschwindigkeitsüberwachung gegeben. Sie war auch nicht nötig.

Technologische Veränderungen in den Fortbewegungs- wie Kommunikationsmöglichkeiten der Menschen ziehen neue Regulationserfordernisse nach sich. Es erstaunt, dass das, was sonst selbstverständlich ist, nicht gelten soll, wenn es um das Internet geht. Die naheliegende Erklärung solcher Begriffsstutzigkeit lautet: Hier ist Ideologie im Spiel.

2. Es gebe, so wird eingewandt, bessere Möglichkeiten zur Verhinderung des Pornografiekonsums im Netz als die jetzt präferierten und gestern vom Bundestag beschlossenen. Das mag sein. Dieser Einwand geht von der prinzipiellen Zulässigkeit staatlicher Eingriffe ins Netz aus.

Es geht hier bloß um deren Effektivität. Diese lässt sich immer steigern, wobei stets darauf zu achten ist, dass die Eingriffe des Staates in der virtuellen Welt denselben Anforderungen der Rechtlichkeit und Überprüfbarkeit unterliegen wie die in der realen Welt.

Das ist gleichsam die andere Seite meines Arguments, wonach in der Virtualität dasselbe gelten müsse wie in der Realität. Bei Lichte betrachtet schützt diese Sicht die Welt des Internets vor staatlicher Willkür, auch und gerade vor der "chinesischen Lösung" – oder der "iranischen Antwort", die im Augenblick vielleicht etwas aktueller ist.

Man muss freilich ein wenig Vertrauen in die Ordnung des Rechtsstaates haben. Im Übrigen gilt: Wer dem Rechtsstaat misstraut, überantwortet sich der Macht des globalen Imperiums, das über seine Satelliten und Programme sehr wohl in der Lage ist, Internetkommunikation zu kontrollieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Was damit gemeint ist, kann man durch einen Vergleich meiner Überlegungen in "Imperium. Die Logik der Weltherrschaft" (Berlin 2005) mit denen von Hardt und Negri in "Empire" (Frankfurt/New York 2002) erkennen: der Schein der Freiheit verleitet dazu, eine leichte Beute für übermächtige Akteure zu werden.

3. Einige haben sich beklagt, ich hätte sie als kriminelle Geschäftemacher oder als Anarchisten bzw. Kommunisten bezeichnet. Keineswegs. Man muss richtig lesen: Was ich aufgeführt habe, sind die Extreme derer, die sich unter der Fahne der Netzfreiheit versammelt haben; mitnichten sind damit alle gemeint.

Das geht aus der Formulierung wie dem Zusammenhang deutlich hervor. Meine Überlegung lautet vielmehr, dass es extrem heterogene Interessen und Werte sind, die sich hier zum gemeinsamen Kampf verbündet haben.

Meine Frage lautet, ob das den Betreffenden klar ist. Ob sie sich auf eine Logik einlassen wollen, wonach der Feind meines Feindes mein Freund ist? Der unüberhörbare Aufschrei zeigt, dass der Hinweis getroffen hat. Ansonsten überrascht mich die Wehleidigkeit, durch die sich viele Beiträge auszeichnen.

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Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 19.06.2009 um 12:34:45 Uhr
Letzte Änderung am 21.06.2009 um 20:23:27 Uhr
Erscheinungsdatum 19.06.2009
Kommentare
1. nichts Neues
Da kann ich mich nur wiederholen: Auch diese Antwort entspricht nicht den Kriterien für Wissenschaftlichkeit. Vielleicht erkundigen Sie sich bei Ihren Studenten mal, wie diese Kriterien lauten. Ich hätte keine Abschlüsse erlangt, wenn ich aufgrund von Vermutungen Rückschlüsse gezogen hätte. Es gibt ausreichend Beweise dafür, dass Dokumentation von sexualisierter Kinderfolter aus dem "Netz" zu entfernen sind und Täter ermittelt und bestraft werden können. Und nun ganz einfach, damit der Herr Professor es auch versteht: Bitte denken Sie darüber nach, wie auch nur einem geschundenem Kind geholfen werden soll, indem eine virtuelle Decke über dieses gezogen wird!
Im Übrigen lässt Ihre Rhetorik mehr als zu wünschen übrig. Aber das ist vielleicht schon wieder zu kompliziert für Ihre Kapazität.



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2. einerseits - anderseits
3. Einige haben sich beklagt, ich hätte sie als kriminelle Geschäftemacher oder als Anarchisten bzw. Kommunisten bezeichnet. Keineswegs. Man muss richtig lesen: Was ich aufgeführt habe, sind die Extreme derer, die sich unter der Fahne der Netzfreiheit versammelt haben; mitnichten sind damit alle gemeint.

Nein Sie hatten nicht Extreme aufgeführt, sondern explizit von einerseits und anderseits geschrieben, d.h. die Kritiker in 2 Lager auf geteilt:

Einerseits kriminelle Geschäftemacher, die das Internet benutzen, um verbotene Produkte an den Mann zu bringen, und andererseits ein Ensemble von Freiheitskämpfern, die ihre anarchistischen (kein Staat!) oder kommunistischen Ideen (kein Eigentum) in der virtuellen Welt des Internets realisieren wollen.



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3. Wer zurückrudert sollte eine Richtung haben
"Das globale Imperium"? Müssen wir jetzt schon Verschwörungstheorien benutzen, um staatliche Zensurmaßnahmen, die eben nicht rechtsstaatlich sind zum ja-was-eigentlich? Zum geringeren Übel zu erklären?



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4. Antwort 1
Zunächst freut es mich, dass es zu einer Diskussion kommt und Sie auf die vielfachen Einwendungen reagieren.

Zu ihrem neuen Text:

1. Anders als von Ihnen dargestellt, war es keinesfalls zu erwarten, dass sich ausschließlich Leute melden, die mit Ihren Ausführungen nicht einverstanden sind. Wer das Internet und seine Diskussionen kennt, der weiß, dass es immer eine Gegenmeinung gibt. Die sogenannte "Anonymität" des Internet und der Spaß am Diskutieren trägt dazu bei. Manche spielen sogar den Advodatus Diaboli um künstlich Diskussionen zu erzeigen. Nichts davon bei Ihrem Beitrag, das spricht Bände.



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5. Antwort 2
2. Sie schreiben, dass technologische Veränderungen neue Regelungserfordernisse nach sich ziehen. Wer das nicht einsieht ist begriffsstutzig weil er einer Ideologie nachhängt.

Ich gebe ihnen recht, dass die vielen Kommentatoren hier einer Ideologie nachhängen. Es ist der Glaube an die freiheitl.-demokr. Grundordnung unserer Gesellschaft, wie sie im GG festgelegt ist. Dort heißt es unter anderem, dass eine Zensur nicht stattfindet.

Bei einem Gesetz, das vorsieht Exekutive mit der Aufgabe zu versehen Schrift und Bild zu sichten, jurist. zu bewerten und schließlich auf eine geheime Sperrliste zu setzen, die von Bürgern nicht überprüft werden kann, weil sie sich sonst strafbar machen...wer bei so einem Gesetz nicht versteht, dass etwas nicht stimmt, der erscheint mir begriffsstutzig.



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