Neda lebt nicht mehr lange, nachdem sie von der Kugel getroffen worden ist. Vielleicht zwei Minuten. Vielleicht etwas weniger. So beschreibt es der Mediziner, der ihr helfen will und nicht helfen kann. Mit dem Arzt rennt jemand mit einem Foto-Handy zu der auf der Straße liegenden jungen Frau und filmt die letzten Sekunden ihres Lebens und speist seine Bilder ins Internet ein. Und so sehen wir auf www-Seiten, die Youtube heißen oder Facebook, wie die junge Teheranerin Neda stirbt, wie sich ihr Blut zum Schluss wie ein Netz über ihr Angesicht legt. Die Bilder sind grauenhaft. Wer sie auch nur einmal gesehen hat, vergisst sie nicht.
Der Todesschütze soll ein Milizionär gewesen sein, einer aus der berüchtigten Basidsch-Garde, die auf das Wort des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad hört. Die Gardisten jagen Demonstranten, zu Fuß und auf Motorrädern, und knüppeln sie nieder. Und schießen. Weil es ein Büttel des Regimes gewesen sein soll, der Neda niederschoss, ist sie zum Symbol der grünen Revolte geworden, an deren Spitze Mir Hussein Mussawi steht.
Mussawi befeuert den Widerstand, als er am Samstag sagt, er sei bereit "Märtyrer" zu werden. Stunden danach soll das Martyrium ein Gesicht bekommen: Neda. Mindestens für den Moment ist die tote Frau das ikonografische Symbol des iranischen Aufstands – so wie es das Bild vom sterbenden Benno Ohnesorg für die Studentenbewegung war, aufgenommen von einem Fotografen in der Berliner Nacht des 2. Juni 1967 nach der von Jubelpersern angezettelten Straßenschlacht.
Video von Nedas Tod
Das Video von Nedas Tod kann man bei Youtube ansehen. (Achtung: Es handelt sich um explizites Bildmaterial, das die Frau beim Sterben zeigen soll.)
Am Samstagabend gegen 19 Uhr steht Neda mit ihrem Vater an der Kreuzung Khosravi- und Salehi-Straße im Zentrum Teherans, wo wie immer in den vergangenen Tagen Menschen gegen das Regime demonstrieren. Der Schuss, der sie tötet, kommt aus dem Gewehr eines Heckenschützen der Basidsch, der sich auf einem Hausdach auf die Lauer gelegt hat. So beschreibt besagter Arzt den Mord an der jungen Frau. Sein Bericht wird aber auch bestätigt von Hadi Ghaemi von der Internationalen Kampagne für Menschenrechte im Iran. Seine Organisation, sagt Ghaemi der FR, habe einen Augenzeugen befragt, der die Heckenschützenversion bestätige. "Das Video ist authentisch, daran habe ich keinen Zweifel", sagt Ghaemi, auch weil es ein weiteres zu dem Vorfall gebe.
Schnell verbreiten sich die Bilder von Nedas Sterbens im weltweiten Netz, schnell kondolieren Menschen in aller Welt, schnell wird die Straßenkreuzung als "Märtyrinnen"-Ort auf der Teheran-Karte bei Google markiert. Das Regime wird Neda, von der wir bisher nicht mal wissen, ob ihr Name stimmt, nicht mehr los.


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