Berlin. Nach dem Tod von drei weiteren deutschen Soldaten ist die Debatte über die Strategie der Bundeswehr in Afghanistan neu entbrannt. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, hat vor einer Verharmlosung der Lage in dem Land gewarnt. Er sieht beim Einsatz in Afghanistan eine erhebliche Veränderung. Die Soldaten seien nun in "stundenlange Gefechte" verwickelt.
Wenn die Soldaten selbst davon sprächen, dass sie sich im Krieg befänden, könne er dem nicht widersprechen, sagte Robbe am Mittwoch in der ARD. "Jeder, der versucht, da darum herumzureden, suggeriert zumindest gegenüber den Soldaten, dass er etwas verharmlost oder dass er etwas kleinredet", warnte Robbe.
Die Gesellschaft verdränge, dass die Soldaten dort im Krieg stünden. Kirchen, Gewerkschaften und Wirtschaft müssten sich hinter die Truppe stellen, die in Afghanistan in einem "schweren Kampf" stehe. "Das wäre ein Zeichen menschlicher Zuwendung", sagte er. Zugleich betonte Robbe: "Wir müssen den Menschen sagen, warum dieser Einsatz, warum diese Feuergefechte notwendig sind. Jetzt abzuziehen würde bedeuten: Alles war umsonst."
Ebenso äußerte sich der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch. Der Oberstleutnant fand deutliche Worte: "Unsere Soldatinnen und Soldaten befinden sich nach ihrem Empfinden und dem Gefühl vor Ort im Krieg."
Spezial: Afghanistan

Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas.
Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan
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Einsatz in Afghanistan
Der frühere Verteidigungsminister Peter Struck hat nach dem Tod dreier deutscher Soldaten deutliche Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Afghanistan-Einsatz gefordert. Merkel müsse den Menschen klar sagen, dass sich die Bundeswehr in einem Krieg gegen den Terrorismus und die Taliban befinde und dass dabei deutsche Soldaten und Aufständische getötet werden könnten, verlangte der SPD-Politiker am Mittwoch in Berlin.
"Bundeswehr nicht im Krieg"
Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung hatte zuvor verneint, dass sich die Bundeswehr in Afghanistan im Krieg befinde. Neben der militärischen Sicherheit sei der Wiederaufbau ein zentrales Ziel, sagte der Minister in der ARD. "Wenn wir nur über Krieg sprechen, würden wir uns nur auf das Militärische konzentrieren. Und genau das wäre der Fehler", sagte der Minister.
"Wir sind dort keine Besatzer, sondern wir sind da, um die Sicherheit auch der Bundesrepublik Deutschland zu festigen und zu wahren, indem wir dort dem Terrorismus entgegentreten."
Jung sagte, vor allem in einem Radius von 25 Kilometern um das nordafghanische Kundus habe sich die Lage für die Bundeswehr verschärft. Das gelte auch für ein weiteres Gebiet im Nordwesten des Landes.
Jung forderte nach den neuen Gefechten nahe der nordafghanischen Stadt Kundus eine härtere Gangart der Bundeswehr in Afghanistan. "Wer uns angreift, der wird auch bekämpft. Die Bundeswehr hat dafür die notwendigen Antworten", sagte Jung am Mittwoch im ARD-Morgenmagazin. Die Truppe habe für die Kämpfe "auch die notwendigen Reserven, hier Verstärkung vorzunehmen".
"Wir haben auch die Gefechte in letzter Zeit sehr gut bestanden.
Und das wird auch in Zukunft so sein", sagte Jung trotz der neuen Opfer unter den Bundeswehrsoldaten. "Wir müssen hier Sicherheit herstellen, um genau in diesem Raum um Kundus herum weiter Wiederaufbau und Entwicklung voranzutreiben."
Jung verwies auf ein Gespräch, das er kürzlich mit Stammesältesten in Kundus geführt habe. "Die haben mir noch einmal deutlich signalisiert: Wenn die Menschen spüren, dass etwas für sie vorangeht, dann distanzieren sie sich sehr deutlich von derartigen terroristischen Aktivitäten der Taliban und stehen an unserer Seite."
Schützenhilfe von der SPD
Schützenhilfe erhält der Verteidigungsminister vom Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler (SPD). Er wies Überlegungen für eine veränderte Afghanistan-Strategie ebenfalls zurück. "Der Einsatz ist richtig." Fälle wie der der drei deutschen Soldaten, die bei einem Unfall mit ihrem Panzer ums Leben kamen, seien "tragisch. Aber sie gehören leider derzeit zur Realität in Afghanistan", sagte Erler.
Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold sagte, das Vorgehen in Afghanistan müsse zwar immer wieder neu überdacht werden: "Doch wer diesem Terrorismus nachgibt, der wird langfristig noch viel, viel größere Sicherheitsprobleme haben."
Dagegen forderte Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele eine Abzugsstrategie. Der "sinn- und endlose Krieg" müsse beendet werden. Auch Linke-Fraktionschef Gregor Gysi erneuerte die Forderung seiner Partei nach Beendigung des Einsatzes.
Die FDP-Verteidigungspolitikerin Elke Hoff betonte, man könne sich nicht mehr um die Definition drücken, dass Deutschland im Rahmen des internationalen Einsatzes in Afghanistan Teil eines Krieges geworden sei. "Man muss die Situation so darstellen, wie sie vor Ort tatsächlich ist", forderte Hoff.
Trauerfeier für die Toten
Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die Trauerfeier für die bei einem mehrstündigen Gefecht mit Aufständischen nahe Kundus getöteten deutschen Soldaten. Sie waren in ihrem Fuchs-Transportpanzer in einen Wassergraben gestürzt und ums Leben gekommen. In den nächsten Tagen sollen ihre Leichen nach Deutschland zurückgebracht werden.
Die drei gefallenen Soldaten waren in den Standorten Bad Salzungen (Thüringen) und Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) stationiert. Sie stammen alle aus Ostdeutschland. Ein 23 Jahre alter Hauptgefreiter komme aus Brandenburg, teilte das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Geltow bei Potsdam auf dpa-Anfrage mit. Bei den anderen beiden Soldaten handele es sich um einen 23 Jahre alten Obergefreiten aus Sachsen-Anhalt und eine 21-jährigen Hauptgefreiten aus Thüringen.
In der Region Kundus sind nach Bundeswehrangaben derzeit 1100 deutsche Soldaten stationiert. (afp/rtr/ddp/dpa)


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