Es war einmal vor dreißig Jahren. "Was ich falsch gemacht habe, wird mich mein Leben lang beschäftigen und quälen. Quälen auch deshalb, weil ich aus heutiger Sicht sagen kann: Es wäre möglich gewesen, nein zu sagen."
Kerstin Kaiser, 49, Brandenburgerin, sagt das heute. Damals, im April 1979, hatte die 18-jährige Sprachstudentin als "IM Kathrin" beim Ministerium für Staatssicherheit unterschrieben und in den nächsten fünf Jahren Berichte über ihre Kommilitoninnen an der Universität Leningrad abgeliefert. Nichts Brisantes, es war eher schändliches und peinlich anmutendes Gepetze einer Streberin: Die eine Kommilitonin sei "egoistisch und arrogant", die andere trage "Nickis auf bloßer Haut". Sie soll sogar darüber Auskunft gegeben haben, wer "sexuell stark bedürftig" sei.
Kerstin Kaiser, heute Fraktionschefin der Linken im Potsdamer Landtag, bedauert, was sie damals gemacht hat. Im Gegensatz zu anderen IM ging die Frau, die in den vergangenen zwei Wochen maßgeblich den rot-roten Koalitionsvertrag mit SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck aushandelte, mindestens seit 1991 offen mit ihrer Vergangenheit um. Sie war nie ein Geheimnis.
Es war einmal vor fünfzehn Jahren. Damals, 1994, schaffte es Kerstin Kaiser in den Bundestag. Innerhalb der PDS gab es eine heftige Debatte über Stasi-Vergangenheiten, auch ihre. Einige PDS-Abgeordnete forderten sie auf, ihr Mandat wegen ihrer Stasi-Tätigkeit nicht anzunehmen. Sie folgte - und arbeitete als Mitarbeiterin der PDS im Brandenburger Landtag. 1999 schaffte sie den Sprung ins Potsdamer Parlament. Seit 2005 führt sie die Links-Fraktion.
Es war einmal vor ein paar Wochen. Sie war Spitzenkandidatin der Linken in Brandenburg, wollte Ministerpräsidentin werden und trat im Wahlkampf mit einer Band auf, in der auch ihr Mann spielte. Sie sang Arbeiterlieder, von rotem Mohn und von mehr Gerechtigkeit.
Kaiser wollte immer regieren in Brandenburg. Sie hatte das erste rot-rote Bündnis entscheidend vorangetrieben. Mit Platzeck konnte sie auffällig besser als ihre Konkurrentin Johanna Wanka von der CDU. Platzeck und Kaiser begannen jedes ihrer Sondierungsgespräche fast freundschaftlich mit Küsschen.
Wegen ihrer IM-Geschichte wollten viele in der SPD Kaiser auf keinen Fall in der Regierung. Auch keine anderen IM. Also hat Kaiser ihren Verzicht auf ein Ministeramt erklärt - und damit den Weg für Rot-Rot geebnet. Als Fraktionsvorsitzende wurde sie dann mit fast 92 Prozent im Amt bestätigt. Sie sitzt nicht im Kabinett, aber an entscheidender Stelle. Nicht umsonst nennt man sie in Potsdam seit kurzem "die Kaiserin".

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