LONDON. Hamid Karsai will an diesem Tag nichts dem Zufall überlassen. Als der afghanische Präsident am Morgen das feudale Lancaster House im vorfrühlingshaften London betritt, um sich mit knapp 70 Außenministern zur x-ten Afghanistan-Konferenz seit dem Sturz der Taliban zu treffen, trägt Karsai den selben schwarz-grün-blau-gestreiften Umhang und die selbe graue Schaffellmütze, mit denen der 52-Jährige einst bei der Bonner Petersberg Konferenz zum Hoffnungsträger wurde, 2001 war das.
Der Petersberg markierte so etwas wie den Beginn der internationalen Unterstützung für das Land am Hindukusch, nun soll, gut acht Jahre später, die Londoner Konferenz ein Wendepunkt sein. "Dies ist eine entscheidende Zeit", sagt der britische Premierminister Gordon Brown zur Eröffnung des eintägigen Treffens, "wir müssen jetzt die Grundlagen dafür schaffen, dass Afghanistan in afghanische Verantwortung übergehen kann." Präsident Karsai wird kurz darauf selbst von "afghanischer Führung" und dem "afghanischen Gesicht" sprechen, das endlich den Einsatz am Hindukusch prägen müsse.
London soll auch deshalb der Wendepunkt für die internationale Afghanistan-Strategie werden, weil in den westlichen Hauptstädten im neunten Jahr des Einsatzes die Ungeduld wächst. Die Fortschritte beim Wiederaufbau sind dürftig, angesichts der damals auf dem Petersberg hoch gesteckten Erwartungen und des enormen finanziellen Aufwands. Die Macht der Zentralregierung unter Karsai erstreckt sich kaum über Kabul hinaus; Korruption ist in allen Teilen des Landes und auf allen Ebenen der Regierung zu finden.
Hinzu kommt, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert, wie der Kommandeur der Afghanistan-Schutztruppe Isaf, Stanley McChrystal, in London offen eingesteht. Angesichts der wachsenden Zahl getöteter Soldaten und Zivilisten steigt der Unmut der Alliierten. Der Militäreinsatz ist zuhause immer schwerer zu rechtfertigen.
Deutschland gehorcht den USA
Soll die Bundeswehr raus aus Afghanistan?
Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas. Verteidigt Deutschland tatsächlich seine Sicherheit am Hindukusch? Und ist die Mission ihre tödlichen Folgen wirklich wert? Was sagen Sie? Soll die Bundeswehr raus aus Afghanistan?
McChrystal wirbt für ein Konzept, das er selbst entwickelt hat. In London zeigt sich, wie eng sich die Bundesregierung bei der Formulierung ihrer neuen "Afghanistan-Strategie" an seine Vorgaben gehalten hat. 850 zusätzliche Soldaten will Berlin an den Hindukusch schicken, die Ausbildung intensivieren, aus den Feldlagern in die Fläche ausrücken, die Mittel für den Wiederaufbau verdoppeln und ein internationales Programm für ausstiegswillige Taliban mitfinanzieren. Bis aufs Komma entspricht die Strategie, mit der Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) nach London gereist ist, den Vorstellungen, die McChrystal mit den internationalen Unterhändlern in den vergangenen Monaten erarbeitet hat.
Hamid Karsai mag längst den Nimbus des Hoffnungsträgers verloren haben, doch er weiß sich nach wie vor auf internationalen Konferenzen geschickt zu inszenieren. Der Präsident stellt einen Sechs-Punkte-Plan vor, der genau jene Versprechen enthält, die die ungeduldigen Alliierten von ihm hören wollen: Frieden, Versöhnung, eine regionale Sicherheitsstrategie, die Pakistan einschließt, wirtschaftliche Entwicklung, eine Stärkung der staatlichen Institutionen und den Kampf gegen die Korruption. All dies solle erreicht werden, damit die Afghanen in fünf Jahren eigenständig für ihr Land und die Sicherheit verantwortlich sein können.
Konkrete Selbstverpflichtungen
"Karsai hat genau das gemacht, was wir jetzt brauchen", heißt es erleichtert in der deutschen Delegation: Konkrete Selbstverpflichtungen als Gegenleistung für erneute Hilfszusagen der internationalen Gemeinschaft. So steht es am Ende auch im zehnseitigen Abschlussdokument der Konferenz. Dafür darf Kabul die Hälfte der internationalen Aufbauhilfe künftig selbst verteilen.
US-Außenministerin Hillary Clinton lobt Karsais Auftritt. Nun sei es aber nötig, hebt Clinton hervor, "dass diesen Versprechen auch Taten folgen". Und Westerwelle ergänzt später: "Wir werden Karsai beim Wort nehmen." Im späteren Frühjahr wollen sich die Außenminister in Kabul treffen, um weitere konkrete Schritte zu vereinbaren. Ihr Ziel: 2014 sollen die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen können. Das klingt nicht zufällig nach einem sehr konkreten Abzugsdatum für die internationalen Truppen.


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