Führende deutsche Klimaforscher fordern den Rücktritt des Chefs des UN-Klimarats, Rajendra Pachauri, nachdem erneut Fehler im jüngsten Report des Forschergremiums nachgewiesen wurden. Der Hamburger Professor Hartmut Graßl, früherer Leiter des Weltklima-Forschungsprogramms und Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, sagte im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, Pachauri solle "reinen Tisch machen" und die Leitung des wichtigen Gremiums in andere Hände geben.
Sein Kollege Hans von Storch, Institutsleiter am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, sagte: Der IPCC-Chef sei eine Belastung für den Klimarat, da er offenbar "Schlampereien" bei den Kontrollen des jüngsten großen UN-Klimaberichts aus dem Jahr 2007 zugelassen habe.
Zur Person
Rajendra Kumar Pachauri ist Friedensnobelpreisträger - stellvertretend für die über 2500 Klimaforscher, die für den UN-Klimarat IPCC arbeiten. Vor zwei Jahren konnte Pachauri (69) die Auszeichnung als IPCC-Chef in Oslo abholen, zusammen mit dem US-Aktivisten Al Gore. Bis Mitte Januar galt der Inder vielen denn auch als eine Art Lichtgestalt der Weltenrettung. Doch seither sinkt sein Stern. Ein Rücktritt wegen falscher Daten im jüngsten Klimareport, Ignoranz und trotzigem Ton liegt in der Luft.
Der Ökonom Pachauri kam 2002 in den Chefsessel beim IPCC. Stark gefördert hatten ihn die USA - damals vom bekennenden Klimaskeptiker George Bush regiert. Sie hatten offenbar gehofft, der Inder werde einen weniger hart, weniger eindeutig und weniger klar argumentierenden Klimarats-Chef abgeben als sein Vorgänger, der Brite Bob Watson. Doch die Hoffnung trog. Pachauri ließ nie einen Zweifel an den dramatischen Umwälzungen, die der Globus bevorstehen: Die drohenden Klimaänderungen stellten "das größte Sicherheitsrisiko" für einen ständig wachsenden Teil der Weltbevölkerung dar, sagte er.
Die Klimafolgen in Indien sind ihm wohl bekannt. In dem oft von Dürre und Überschwemmungen geplagten Land lebt er, der im US-Bundesstaat North Carolina studierte, seit 1975 wieder. Mag sein , dass ihn das für die Gefahren blind machte: Als der peinliche Zahlendreher zum Himalaja in "seinem" Report Mitte Januar publik wurde, reagierte er mit einer abwehrenden Stellungnahme. Es sei doch ein unabweisbares Faktum, dass die Gletscher in der Region schmelzen, stand als Leitsatz darin. Er räumte den Fehler dann zwar doch noch ein, vermied aber jedes Wort des Bedauerns. In einem Interview mit der Zeitschrift Science sagte er kürzlich apodiktisch: "Ich glaube, die Glaubwürdigkeit des IPCC kann nicht beschädigt werden." Damit dürfte er sich gewaltig getäuscht haben.
Den Job als Leiter des Forschungsinstituts Teri in Neu Delhi gab Pachauri nicht auf, als er IPCC-Chef wurde. Das legen ihm auch Experten zur Last, die ihm eigentlich gewogen sind, denn damit programmierte er Konflikte im Kampf um Forschungsgelder. Zumindest anrüchig erscheint, dass Teri erst kurz vor Auffliegen des Himalaya-Fehlers just für ein Projekt zur Erforschung der Gletscherschmelze in dem Gebirgszug Forschungsförderung akquiriert hatte. Pachauri beharrt darauf, er habe danach von dem Fehler erfahren.
Ein "Sündenbock" wolle er nicht sein, sagte Pachauri. Ergänzte aber: "Ich bin der Vorsitzende des IPCC , ich werde mich nicht vor meiner Verantwortung drücken." Dass die so schnell so drückend werden würde, hatte der nebenberufliche Romancier wohl nicht gedacht. (jw)
Fotostrecke:
Klimapolitik im Blick des Karikaturisten
Der Ökonom Pachauri kam 2002 in den Chefsessel beim IPCC. Stark gefördert hatten ihn die USA - damals vom bekennenden Klimaskeptiker George Bush regiert. Sie hatten offenbar gehofft, der Inder werde einen weniger hart, weniger eindeutig und weniger klar argumentierenden Klimarats-Chef abgeben als sein Vorgänger, der Brite Bob Watson. Doch die Hoffnung trog. Pachauri ließ nie einen Zweifel an den dramatischen Umwälzungen, die der Globus bevorstehen: Die drohenden Klimaänderungen stellten "das größte Sicherheitsrisiko" für einen ständig wachsenden Teil der Weltbevölkerung dar, sagte er.
Die Klimafolgen in Indien sind ihm wohl bekannt. In dem oft von Dürre und Überschwemmungen geplagten Land lebt er, der im US-Bundesstaat North Carolina studierte, seit 1975 wieder. Mag sein , dass ihn das für die Gefahren blind machte: Als der peinliche Zahlendreher zum Himalaja in "seinem" Report Mitte Januar publik wurde, reagierte er mit einer abwehrenden Stellungnahme. Es sei doch ein unabweisbares Faktum, dass die Gletscher in der Region schmelzen, stand als Leitsatz darin. Er räumte den Fehler dann zwar doch noch ein, vermied aber jedes Wort des Bedauerns. In einem Interview mit der Zeitschrift Science sagte er kürzlich apodiktisch: "Ich glaube, die Glaubwürdigkeit des IPCC kann nicht beschädigt werden." Damit dürfte er sich gewaltig getäuscht haben.
Den Job als Leiter des Forschungsinstituts Teri in Neu Delhi gab Pachauri nicht auf, als er IPCC-Chef wurde. Das legen ihm auch Experten zur Last, die ihm eigentlich gewogen sind, denn damit programmierte er Konflikte im Kampf um Forschungsgelder. Zumindest anrüchig erscheint, dass Teri erst kurz vor Auffliegen des Himalaya-Fehlers just für ein Projekt zur Erforschung der Gletscherschmelze in dem Gebirgszug Forschungsförderung akquiriert hatte. Pachauri beharrt darauf, er habe danach von dem Fehler erfahren.
Ein "Sündenbock" wolle er nicht sein, sagte Pachauri. Ergänzte aber: "Ich bin der Vorsitzende des IPCC , ich werde mich nicht vor meiner Verantwortung drücken." Dass die so schnell so drückend werden würde, hatte der nebenberufliche Romancier wohl nicht gedacht. (jw)
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Klimapolitik im Blick des Karikaturisten
Die peinliche Fehlerserie begann mit der falschen Prognose, die Himalaja-Gletscher könnten bereits bis 2035 abgeschmolzen sein. Tatsächlich hätte es 2350 heißen müssen. Jüngst deckten akribische Leser auf, dass der Klimarat die Niederlande als Staat führte, bei dem "55 Prozent" der Fläche unter dem Meeresspiegel lägen. Richtig ist: 26 Prozent. Zuletzt kam der Report wegen der Aussagen zu vermehrt drohenden Hungersnöten in Afrika ins Gerede. Diese seien nicht ausreichend belegt, schrieb die britische Sunday Times.
Der Geesthachter Forscher von Storch warnt davor, die IPCC-Ergebnisse nun in Bausch und Bogen zu verwerfen. Er sieht allerdings qualitative Unterschiede in den verschiedenen Teilen der über 3000 Seiten starken Analyse. Der erste Teil, der die wissenschaftliche Basis der Klimaforschung darstellt, sei "hervorragend". "Das ist überhaupt kein Murks", sagte er der FR.
Dieser Teil sei auch von seiner Vorsitzenden, der US-Forscherin Susan Salomon, sehr akribisch betreut worden. Anders sei es beim zweiten Teil gewesen, in dem die Folgen des Klimawandels beschrieben werden. Dessen Vorsitzender, der Brite Martin Perry, habe offenbar nicht sauber genug gearbeitet, kritisiert von Storch. Er sagt voraus, dass in diesem Text noch weitere Fehler auftauchen würden. Die Probleme des Klimawandels seien teilweise "überverkauft" worden, und das schlage nun zurück.
Der Experte wirbt für Korrekturen am IPCC-System. Er rät, ein unabhängiges Beratungsgremium zu schaffen, dessen Mitglieder selbst nicht inhaltlich für den Klimarat arbeiten. Es solle regeln, "wie im Einzelfall mit Vorwürfen von Interessenkonflikten und fehlerhaften Aussagen in den IPCC-Berichten umgegangen wird". Außerdem fordert von Storch, die Ergebnisse der IPCC-Reports "weitgehend unabhängig vom wissenschaftlichen Personal zu machen". Das heißt: Er will, dass die jeweiligen Leitautoren schneller als bisher wechseln.
Von Storch gilt als streitbarer Klimaforscher, der sich gerne auch einmal mit seinen Kollegen anlegt, die ihm oft zu forsch mit ihren Warnungen vor dem Klimawandel sind. Doch auch die bekannten Mahner - etwa der Potsdamer Kanzlerberater und Institutspräsident Hans-Joachim Schellnhuber sowie der Kieler Klimaexperte Mojib Latif - fordern Reformen des IPCC-Systems.
Zahlendreher in WWF-Veröffentlichung
Latif verweist darauf, dass in Teile des Reports nicht nur wissenschaftliche Arbeiten Eingang finden, die von anderen Forschern gegengecheckt sind (Prinzip "Peer Review"), sondern auch "graue Literatur", die aber wichtige Informationen enthalten kann. Das sind Studien von Institutionen wie UN-Umweltprogramm Unep, Weltbank, Ministerien oder auch Umweltgruppen wie WWF oder Greenpeace. Latif sagt nun: Man müsse diskutieren, welches Material in die IPCC-Berichte einfließt und welches nicht. Der Gletscher-Fehler zum Beispiel stammte aus einer WWF-Publikation, die einen Zahlendreher enthielt.
Klimawandel
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