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Alptraum Gaza

VON INGE GÜNTHER

Gaza-Stadt. Man kann dem Gestank nicht entkommen. Nicht dem übel riechenden Müll, der sich auf jeder Freifläche in ganz Gaza anhäuft. Nicht dem beißenden Rauch, der von angezündeten Abfallbergen aufsteigt. Darein mischt sich auch noch der Qualm aus den Auspuffrohren jener Autos, in die neben knapp gewordenem Diesel Bratöl gefüllt wird.

Abed Schokry (36) hat trotzdem ein frisches Hemd übergestreift. Deutscher Besuch ist da, selten genug. Abed, der an der TU Berlin in Ingenieurswissenschaften promoviert hat, holt noch schnell auf dem Markt frisch gestampften Humus und Ful, weich gekochte schwarze Bohnen, die besser schmecken als sie aussehen. Gebratene Falafel-Bällchen sind nicht zu haben. Der Verkäufer muss passen. Für deren Herstellung braucht er Öl und Gas. Beides ist schwer zu haben.

Infolge des israelischen Embargos und einer fragwürdigen Verteilungspolitik der Hamas mangelt es an Energie in jeder Form: Strom, Sprit, selbst Kochgas. Zum Kochen allein würde das Gas noch reichen. Doch Not macht erfinderisch. Wer kann, packt heutzutage in Gaza einen Gaskanister in den Kofferraum, um frisierte Benzinmotoren zu befeuern.

Eigentlich kann es Abed Schokry immer noch nicht fassen, dass er mit Frau und zwei Kleinkindern in Gaza festsitzt. Ausgerechnet in der schwersten Zeit, die der Elendstreifen je erlebt hat. 17 Jahre hat Abed in Deutschland gelebt. Dort hat er Schirin (36) geheiratet, auch sie Palästinenserin und promovierte Pharmazeutin. Als beide ihre Doktortitel hatten, wollten sie zurück nach Hause, um sich für ihr Land zu engagieren. Es war der 7. Juni 2007, als sie den Grenzübergang nach Gaza überquerten.

Vier Tage später begann der Putsch der Hamas. "Das ist nur ein Feuerwerk, Safa", sagte Abed seiner damals vierjährigen Tochter, als die Kugeln flogen. Stundenlang mussten sie sich bei Verwandten in einer Wohnungsecke ducken; das Haus lag in der Schusslinie von Hamas- und Fatah-Bewaffneten. Am 15. Juni 2007 stürmten radikal-islamische Milizen den Präsidentensitz von Mahmud Abbas. Die Fatah, machtverwöhnt, korrupt und schlecht motiviert, hatte nichts entgegenzusetzen.

Seitdem geht es mit Gaza bergab. Zu spüren bekommen das alle, die nicht zu den Protegierten des Hamas-Regimes zählen. Abeds Eltern zum Beispiel, einfache Leute, die 14 Kinder großgezogen haben. Die Älteren haben alle eine gute Ausbildung. Abed nützt das nichts, auch nicht seinem Bruder. Der ist Lehrer und hat keinen Job, weil er als Anhänger der Fatah gilt. "Wenn ich könnte, ginge ich sofort aus Gaza weg", sagt er.

Doch die Israelis lassen niemanden raus - mit Ausnahme Schwerstkranker. Ohne den Gemüsegarten hinterm Haus käme die Großfamilie nicht über die Runden. "Wir sterben hier auf Raten", stellt bitter ein anderer Bruder fest, der im Shifa-Hospital als Strahlentherapeut arbeitet.

Abeds Hals schmerzt wieder. Seit die Autos mit Bratöl laufen, sind seine Mandeln chronisch entzündet. Die Ärzte der mobilen Klinik kennen das Phänomen. Am meisten Sorgen mache ihr, sagt die Ärztin Sahrab Dalul, dass sich Asthmafälle und Atemwegserkrankungen häuften.

Am Morgen war eines der beiden Klinikteams, die mit deutscher Regierungshilfe und Spenden von Medico International finanziert werden, in Abu Gasal unterwegs, nördlich von Gaza-City, direkt vor Eres. 2000 Palästinenser leben hier ärmlich unter Wellblechdächern. Wenn die mobile Klinik kommt, alle sechs bis acht Wochen, wird das beste Haus freigeräumt, um Platz für Behandlungen und Laboruntersuchungen zu schaffen. Die Ärzte stellen vermehrt Anämie bei Kindern und Schwangeren fest. "Wir erklären den Patienten, was sie essen sollen", sagt Dalul. "Aber sie können es sich nicht leisten."

Nicht nur die Luft macht krank, auch das Meer. Seit Monaten fließen enorme Mengen Abwasser ungefiltert in die See. Die Pumpen der Klärwerke arbeiten nicht, wenn immer wieder der Strom ausfällt. In den Fischernetzen zappelt immer weniger. Oft verfängt sich nur noch ungenießbares totes Meeresgetier darin. Auf dem Markt traut sich kaum einer, noch Fisch zu kaufen.

Die Armut, unter der inzwischen zwei Drittel der Bevölkerung in Gaza leidet, ist wie ein Magnet für Probleme aller Art. Achmed Abu Tawahina vom Community Mental Health Center berichtet von Familienvätern, die für die Ihren nicht sorgen können und deshalb immer häufiger die Kontrolle verlieren. Ihre Wut lassen sie an Möbeln oder Kindern aus.

Der soziale Zusammenhalt, auf den früher stets Verlass war, ist zusammengebrochen. Ob einer zur Hamas oder zur Fatah gehört, entscheidet über alles. "Der Riss geht so tief, dass Mitglieder der gleichen Familie nicht mehr miteinander sprechen", sagt Tawahina. "Die Atmosphäre in Gaza ist von Angst und Panik geprägt." Die Hamas-Regierung sieht sich als Allahs Vollstrecker, die keiner ungestraft kritisieren darf.

Nach außen hin bemüht sich die Hamas um ein anderes Image. Ayman Taha (37), ihr Kontaktmann zu den Ägyptern beim Aushandeln eines Waffenstillstandes mit den Israelis, räumt ein, nicht alles sei "100 Prozent positiv". Aber "Fehler" will er als Verstöße gegen die Hamas-Linie verstanden wissen. In seinem schicken Büro mit Klimaanlage wirkt Taha höchst zufrieden mit sich selbst. Nicht anders sah es früher bei Fatah-Bonzen aus.


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Dokument erstellt am 10.06.2008 um 17:36:03 Uhr
Letzte Änderung am 10.06.2008 um 20:53:16 Uhr
Erscheinungsdatum 11.06.2008
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