Frankfurt. Es gibt Theaterstücke, die nicht zu oft auf den Spielplan dürfen. Diesmal lag nur, fast auf den Tag, ein Jahr zwischen den Aufführungen. Immerhin wurden einige Änderungen vorgenommen. Die weibliche Hauptdarstellerin ist gestrichen; statt eines Kabinettstücks für gemischtes Duo wurde eine Ensemblearbeit für fünf Männer probiert. Zweiteres, weil es dem verbliebenen Hauptdarsteller so lieber war.
Er wolle klar machen, sagte Roland Koch in der "Elefantenrunde" zur hessischen Landtagswahl, die der HR am Donnerstagabend ausstrahlte, dass man einen möglichen Ministerpräsidenten Schäfer-Gümbel nicht ohne die Linkspartei denken könne. Na ja. Thorsten Schäfer-Gümbel lächelte und schüttelte den Kopf.
In der Tat handelte es sich nämlich um das am wenigsten überraschende Ensemblestück der Welt. Es heißt "Wir wissen sowieso alle, wie es ausgeht, oder: Ich habe recht und die anderen gar nicht". Der Name mag länglich erscheinen, aber das ist nichts gegen die Länglichkeit, die 90 Minuten erreichen können, wenn alles Gesagte noch einmal gesagt wird.
Am Anfang gibt die Dramaturgie des Stücks den Beteiligten Gelegenheit, sich staatsmännisch zu geben. Es geht um die Finanzkrise und das Konjunkturpaket im Bundesrat. Am staatsmännischsten wirkt dabei von Amts wegen der geschäftsführende Ministerpräsident Koch (CDU). Das hängt aber auch bereits damit zusammen, dass der SPD-Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel manches sein mag, was wir noch nicht über ihn wissen, aber staatsmännisch ist er sicher nicht. Er sagt, die Lage sei ernst. Es sei richtig, dass die SPD in der Autoindustrie auf Batterietechnologie setze. Und man solle nicht nur in der Krise in Zukunft investieren, sondern eigentlich immer. Selbst dem staatsmännischen Teil der Rede gibt jenes "eigentlich" eine unerwartete Wendung ins Originelle.
Jedoch spielt Schäfer-Gümbel, ein Mann, auf den man zu Recht neugierig ist, eigentlich keine Hauptrolle in diesem Stück. Die machen am ehesten Koch und Grünen-Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir untereinander aus. Koch, weil er wohl wieder gewählt wird. Al-Wazir - und das ist jetzt bitter - als einzige munter und lebhaft wirkende Figur in einer Runde, in der wohl Mimikverbot und Geschwindigkeitsbegrenzung gelten.
Besonders wichtig ist offenbar: sich nur, wenn das Terrain hundertprozentig sicher ist, anmerken zu lassen, ob man es nun richtig oder falsch findet, was der andere sagt. Während man dem anderen vorwirft, nicht bei der Wahrheit zu bleiben - mal wieder, schon wieder, wie so oft - nicht bei der Wahrheit zu bleiben, muss man ihn nicht unbedingt ansehen. Besser nicht.
Im weiteren Verlauf stellt sich die Dramaturgie so dar: Im Großen ist die Runde bei inhaltlich vertrauter Gemengelage um Ruhe bemüht. Im Kleinen wird scharf geschossen. Koch muss sich seine zehn Jahre um die Ohren hauen lassen, Schäfer-Gümbel die "Wortbruch"-Geschichte.
Koch und Schäfer-Gümbel stehen rechts im Partner-Look und gucken gern woanders hin. Auch Al-Wazir und FDP-Spitzenkandidat Jörg-Uwe Hahn stehen nebeneinander und können sich gründlich nicht leiden. Ganz links steht Linken-Spitzenkandidat Willi van Ooyen. Ihn übernimmt weitgehend HR-Chefredakteur Alois Theisen, der mit Ute Wellstein das Gespräch moderiert. Beim Thema "Verstaatlichung" denkt er an die DDR, beim Thema Mandatsrückgabe an "Auflösungserscheinungen, wie wir sie sonst bei Rechtsradikalen erleben", beim Thema Gesamtschule an "SED", Sozialistische (oder, da vernuschelte der Witz etwas, Soziale?) Einheitsschule Deutschland. "Ach, Herr Theisen", sagt van Ooyen. Wir haben uns auch gewundert.
Manchmal ahnt man, dass sie sich anzischen, wenn das Mikrofon nicht laut gestellt ist, häufiger ist es, als würden sie dann eher gemütlich feixen. Der Wahlkampf erinnert dann nicht an Theater, sondern an ein Fußballspiel, bei dem die Profis sich unten auf dem Platz schon wieder angrinsen, während die Zuschauer noch toben über die Ungerechtigkeit.


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