Berlin. Normalerweise schaffen es nur die wirklichen Promis, großflächig auf die Seite zwei der Bild-Zeitung zu kommen, die sich im weitesten Sinne dem Politik-Ressort zuordnen lässt. In dieser Woche gelang dies der Unternehmerin Marie-Elisabeth Schaeffler gleich zweimal hintereinander - wenn auch vermutlich wider Willen.
Den Anfang machte ein alarmierender Bericht über die "Milliardärin", die es auf "unser Steuergeld" abgesehen habe. Dabei wurde die 67-Jährige lachend, im Pelzmantel und mit Champagnerglas in der Hand abgelichtet. Am Donnerstag folgte ein Interview, in dem die Chefin des fränkischen Autozulieferers gefragt wurde, warum denn eigentlich "der Steuerzahler Ihre Firma retten" solle.
Der Fall Schaeffler taugt allemal zum Tagesthema: weil es der Firma schlecht geht und sie deshalb um Hilfe fleht; weil landauf, landab heuer immer mehr Betriebe in den Strudel der Finanzkrise geraten; und weil dies die Politik darüber grübeln lässt, wie dick jener Schirm beschichtet werden muss, der jetzt nach den Banken auch über die sogenannte Realwirtschaft gespannt werden soll.
Da ist aber noch mehr - was die Beurteilung der Lage nicht eben erleichtert. Schaeffler ist nicht irgendeine Klitsche aus der fränkischen Heimat von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Der Maschinenbauer beschäftigt weltweit rund 66 000 Mitarbeiter, davon einen Großteil in Deutschland. Die Chefin zählt zur Spezies der Multimilliardäre. Uberdies sorgt Schaeffler seit längerem für negative Schlagzeilen. Erst verleibte es sich im vergangenen Herbst unfreundlich den deutlich größeren niedersächsischen Konkurrenten Conti mit gut 140 000 Beschäftigten ein; kurz darauf brachen die Finanzmärkte ein, und man schrieb Verluste. Mit rund 22 Milliarden Euro ist das neue Unternehmen inzwischen verschuldet. Aus der ansonsten höchst verschwiegenen Konzernzentrale sickerte durch, das Unternehmen wolle nicht nur Bürgschaften des Bundes, sondern möglichst eine Beteiligung von bis zu vier Milliarden Euro.
Statt einen Emissär zu dem Unternehmen zu schicken, machte der ansonsten eher unauffällige Wirtschaftsminister die Angelegenheit publikumswirksam zur Chefsache. Am Mittwochabend durfte die Chefin ihm in Berlin ihr Leid klagen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) war dabei, auch der niedersächsische Amtskollege Christan Wulff (CDU) und Conti-Vertreter. Ein "schwarzer Krisengipfel" habe da getagt, spottet man bei der SPD.
Angeschlagen
Schaeffler: Das Familienunternehmen aus dem fränkischen Herzogenaurach beschäftigt nach eigenen Angaben 66.000 Mitarbeiter in 50 Ländern. Kern der Schaeffler-Gruppe ist die Marke INA für Industrie-Wälzlager und Autogetriebe sowie Antriebsstränge. 2001 verleibte sich Schaeffler feindlich den Kugellagerhersteller FAG ein und nahm ihn von der Börse. 2008 setzte Schaeffler zum Kauf des größeren Continental-Konzerns an, wodurch das Unternehmen während der Konjunkturkrise in die Schulden geriet.
Continental: Der Konzern aus Hannover gehört weltweit zu den Top Vier der Reifenproduzenten. Über die Jahre hat sich Continental aber zum Zulieferer einer Vielzahl von Autokomponenten bis hin zur Elektronik gemausert. Nachdem der Konzern mit 150 000 Beschäftigten in 36 Ländern - auch durch Stellenabbau - auf Erfolg getrimmt wurde, zog der 2007 erfolgte Kauf der Sparte VDO von Siemens den Konzern in die roten Zahlen.
Opel: Kapitän, Admiral und Diplomat hießen Opels Erfolgsmodelle in der Nachkriegszeit. Eine verfehlte Modellpolitik ließ später den Ruhm verblassen. Mittlerweile ist der Rüsselsheimer Autobauer wieder besser aufgestellt, betreibt ein modernes Werk am Main, hat aber auch seine Eigenständigkeit verloren. 2005 übernahm der US- Konzern General Motors das Traditionsunternehmen. Statt ein starker Bruder für Opel zu sein, bringt General Motors mit seiner bedrohlichen Schieflage auch Opel in Bedrängnis.
Airbus: Bei der Fertigung des Riesen-Airbus A 380 gab es immer wieder Probleme, der A 350 muss vor Produktionsstart teuer umgeplant werden und schließlich schrumpft in der Konjunkturkrise die Zahl der Neubestellungen. Der 1970 gegründete europäische Flugzeughersteller, mit dem die Vormacht des US-Konzerns Boeing gebrochen werden sollte, ist ebenfalls ein Kandidat für staatliche Hilfe. Um die 56 000 Stellen bei der EADS-Tochter zu erhalten, hat Frankreich Finanzhilfen für Banken angekündigt, damit Airbus-Kunden ihre Bestellungen nicht stornieren. Auch die Bundesregierung erwägt, Bürgschaften zu gewähren. prtk
Continental: Der Konzern aus Hannover gehört weltweit zu den Top Vier der Reifenproduzenten. Über die Jahre hat sich Continental aber zum Zulieferer einer Vielzahl von Autokomponenten bis hin zur Elektronik gemausert. Nachdem der Konzern mit 150 000 Beschäftigten in 36 Ländern - auch durch Stellenabbau - auf Erfolg getrimmt wurde, zog der 2007 erfolgte Kauf der Sparte VDO von Siemens den Konzern in die roten Zahlen.
Opel: Kapitän, Admiral und Diplomat hießen Opels Erfolgsmodelle in der Nachkriegszeit. Eine verfehlte Modellpolitik ließ später den Ruhm verblassen. Mittlerweile ist der Rüsselsheimer Autobauer wieder besser aufgestellt, betreibt ein modernes Werk am Main, hat aber auch seine Eigenständigkeit verloren. 2005 übernahm der US- Konzern General Motors das Traditionsunternehmen. Statt ein starker Bruder für Opel zu sein, bringt General Motors mit seiner bedrohlichen Schieflage auch Opel in Bedrängnis.
Airbus: Bei der Fertigung des Riesen-Airbus A 380 gab es immer wieder Probleme, der A 350 muss vor Produktionsstart teuer umgeplant werden und schließlich schrumpft in der Konjunkturkrise die Zahl der Neubestellungen. Der 1970 gegründete europäische Flugzeughersteller, mit dem die Vormacht des US-Konzerns Boeing gebrochen werden sollte, ist ebenfalls ein Kandidat für staatliche Hilfe. Um die 56 000 Stellen bei der EADS-Tochter zu erhalten, hat Frankreich Finanzhilfen für Banken angekündigt, damit Airbus-Kunden ihre Bestellungen nicht stornieren. Auch die Bundesregierung erwägt, Bürgschaften zu gewähren. prtk
"Die Gespräche waren konstruktiv", fasste Glos denn auch das Geheimtreffen knapp zusammen. Die betroffenen Firmen sollten in den nächsten Wochen in Absprache mit den Banken "ein tragfähiges und zukunftsweisendes Konzept" vorlegen; dann könnten weitere Verhandlungen folgen, und zwar "unter der koordinierenden Federführung des Bundes".
Der Fall Schaeffler bringt die Bundesregierung in eine schwierige Zwickmühle. Einerseits sind direkte Beteiligungen des Bundes an Unternehmen im Koalitionsausschuss ausdrücklich ausgeschlossen worden. Zudem sei Schaeffler eigentlich gar kein Opfer der Weltwirtschaftskrise, sondern vielmehr ein Produkt von "Gier und Größenwahn", wettern Regierungsvertreter hinter vorgehaltener Hand. Andererseits scheint klar: Wenn der Deal mit Continental aus Geldmangel platzt, ist der Hannoveraner Reifenhersteller angesichts seines bescheidenen Börsenwerts über Nacht ein Kandidat für die Übernahme durch einen ausländischen Konkurrenten. Tausende Arbeitsplätze könnten dann auf dem Spiel stehen.
Bislang setzt das Kanzleramt daher auf eine "differenzierte Haltung". Direkte Hilfen für die Milliardärin Schaeffler gelten als kaum vermittelbar. Einen drastischen Arbeitsplatzabbau bei Conti aber will man möglichst vermeiden.
Hin- und hergerissen ist auch die SPD. Mit Argwohn verfolgen die Genossen das Treiben des CSU-Wirtschaftsministers, der Forderungen seiner Landsfrau Schaeffler geradezu forciere. Entsprechend schroff reagiert auch Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Es sei "nicht Aufgabe des Staates, in solchen Fällen einzugreifen, in denen unternehmerische Entscheidungen möglicherweise nicht durchdacht genug waren", zeigt er sich im Interview mit der Berliner Zeitung hart.
Doch längst hat IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt im Willy-Brandt-Haus vorgesprochen und vor den dramatischen Folgen einer feindlichen Conti-Übernahme gewarnt. "Wenn es hart auf hart kommt, werden wir zahlen müssen", befürchtet man daher auch in der SPD-Fraktionsspitze.
Natürlich läge es nahe, zunächst die zu den 15 reichsten Deutschen zählende Firmeninhaberin zur Kasse zu bitten. Doch solche Ansinnen wehrte die Bittstellerin in der Bild-Zeitung eilig ab: "Wir werden Lösungen finden", sagte sie. Ihre privaten Milliarden könne sie aber leider nicht einsetzen. "Unser Vermögen steckt im Unternehmen."

Bookmark
Verlinken














