Jerusalem. Am Anfang des Reports steht die Frage von Fathya Mousa: "Bis jetzt verstehen wir nicht warum. Wir wollen Frieden. Wir wollen eine Untersuchung. Wir wollen wissen, warum meine Schwestern und ich Waisen geworden sind. Warum haben sie unsere Eltern getötet, unsere Familie?" Am 14. Januar hat sie bei einem israelischen Luftangriff Eltern und mehrere Geschwister verloren. Nun bekommt sie erste Antworten.
Amnesty International stellt am heutigen Donnerstag den ersten umfassenden Report zum Gaza-Krieg vor, der mit Mousas Worten beginnt. Über 300 Todesfälle, zur Hälfte Frauen und Kinder, hat ein Team der Organisation näher untersucht. Auch ein britischer Militärexperte war beteiligt. Das entspricht knapp einem Viertel der Todesopfer in diesem Krieg, deren Zahl Israel mit 1200, die palästinensische Seite hingegen mit 1400 angibt.
Amnesty wirft sowohl der israelischen Armee als auch der Hamas in dem Bericht vor, internationales Recht gebrochen zu haben. Israels Weigerung, mit Amnesty oder den UN-Ermittlern zu kooperieren, lässt laut Donatella Rovera, Koordinatorin der Untersuchung, die Absicht vermuten, man wolle "öffentliche Überprüfung und Rechenschaft vermeiden".
Die Hamas kommt nicht besser weg. Raketen mit Reichweiten bis zu vierzig Kilometern, die palästinensische Militante in den israelischen Süden feuerten, seien "unter keinen Umständen zu rechtfertigen". Drei Israelis starben dadurch, zehntausende flohen in den 22 Tagen der Militäroperation "Gegossenes Blei".
Weit tödlicher waren laut Amnesty israelische Hochpräzisionswaffen, geleitet über unbemannte Flugkörper, sowie der Einsatz breit streuender Artillerie und Weißer-Phosphor-Bomben in dicht besiedelten Gebieten. Entsprechende Hülsen und Schrapnell-Teile habe das Amnesty-Team dort gefunden und untersuchen lassen. Anders als von Israel behauptet, gebe es keine Hinweise darauf, dass die zivilen Opfer im Kreuzfeuer umkamen oder der Hamas als menschliche Schutzschilde dienten. "Viele wurden getötet, als ihre Häuser bombardiert wurden, während sie schliefen. Andere saßen im Hof oder hängten Wäsche auf dem Dach auf." Der Tod derart vieler Zivilisten könne nicht als "Kollateralschaden" abgetan werden.
Von der internationalen Gemeinschaft fordert Amnesty International einen Lieferstopp militärischer Güter an Israel und an bewaffnete Palästinenser-Gruppen, solange nicht gewährleistet sei, dass sich beide Seiten an das internationale Recht halten.

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