Arbeitgeberpräsident Hundt hat eine Senkung der Tariflöhne ins Gespräch gebracht. Streben die Metall-Arbeitgeber das an?
Die Frage von Lohnkürzungen, womöglich flächendeckend in der gesamten Metall- und Elektroindustrie, ist aus heutiger Sicht für uns absolut kein Thema. Das wird auch in der nächsten Tarifrunde keine Rolle spielen. Es gibt überhaupt keine Veranlassung, deswegen jemanden zu beunruhigen. Das zeigt auch die Erfahrung: In unserer Branche hat es keine Tariflohnsenkungen gegeben, auch nicht in schwierigen Zeiten.
Andere Wirtschaftsvertreter fordern weniger Urlaubstage oder die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Liebäugeln Sie damit?
Nein. Es gibt für uns keinen Anlass, flächendeckend für die gesamte Branche Standards zu ändern, weder in die eine noch in die andere Richtung. In unseren Tarifverträgen gibt es Öffnungsklauseln: Einzelne Unternehmen können in Ergänzungstarifverträgen von Tarifstandards abweichen, um gefährdete Arbeitsplätze zu erhalten, Investitionen zu ermöglichen und Standorte zu sichern. Dabei handelt es sich immer um ein Geben und Nehmen. Meist werden im Gegenzug Arbeitsplatzgarantien vereinbart.
Debatte
Martin Kannegiesser (67) ist Präsident von Gesamtmetall, dem mächtigsten Arbeitgeberverband Deutschlands.
Er vertritt die Metall- und Elektroindustrie, die rund 70 Prozent der gesamten deutschen Industrie abdeckt. Dort arbeiten 3,5 Millionen Menschen.
Dem Jobplan der SPD kann er durchaus Positives abgewinnen - doch nach der Wahl wünscht er sich dann doch einen Regierungswechsel.
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Man muss fairerweise eines sagen: Wenn wir je in eine Deflationsspirale kämen, in der die Preise für unsere Produkte für längere Zeit fallen und womöglich auch noch die Absatzmengen schrumpfen, dann lässt sich auch das Entgeltniveau nicht halten. Das ist fast eine Banalität. Das heißt nicht, dass ich für Lohnsenkung plädiere, die, wenn sie sich nicht in der finanziellen Leistungskraft der Betriebe widerspiegelt, Konsumkaufkraft vernichtet und Motivation belastet.
Dank der Kurzarbeit hält sich bislang der Jobabbau in Grenzen. Wie geht es nun weiter?
Die Auslastung in der Metall- und Elektroindustrie ist zum ersten Mal auf unter 70 Prozent abgesackt. Die Produktion wird in diesem Jahr um zehn bis 20 Prozent sinken. Wir liegen nach wie vor erschreckend unter der Wasserlinie einer Normalauslastung. Die Unternehmen haben bisher versucht, ihre Stammbelegschaft zu halten. Nicht nur aus Menschenfreundlichkeit, sondern auch, weil Entlassungen für Betriebe teuer sind. Außerdem haben wir aus früheren Krisen gelernt: Nichts ist schwieriger, als den Verlust von Know-how auszugleichen und Team-Strukturen wieder herzustellen. Klar ist aber auch: Auf einen solchen Einbruch kann man nicht allein mit Arbeitszeitverkürzung reagieren.
Das heißt?
Wahrscheinlich wird es ohne einen weiteren Stellenabbau nicht gehen, in welchem Umfang, weiß ich nicht. Unternehmen werden weiter nur dann Personal abbauen, wenn es wirtschaftlich gar nicht mehr anders geht. Wir sollten uns davor hüten, sie deswegen zu verdammen und eine Hexenkessel-Stimmung zu erzeugen. Dann wird es noch schwieriger, aus diesem Tal herauszukommen. Einige Firmen müssen ihre Strukturen anpassen, um zu überleben.
SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier redet nicht von Jobabbau, sondern von neuen Stellen: In der Industrie und in produktionsnahen Dienstleistungen könnten bis 2020 zwei Millionen Jobs entstehen, meint er. Halten Sie das für möglich?
Zwei Millionen Arbeitsplätze zu schaffen, halte ich für relativ unwahrscheinlich. In der Industrie gibt es enorme Produktivitätsfortschritte, und wir werden einen Strukturwandel erleben, bei dem einige Sektoren schrumpfen, andere wachsen. In der Metall- und Elektroindustrie den Beschäftigungsstand bei 3,5 Millionen Menschen zu halten oder vielleicht um eine halbe Million auszuweiten, erfordert schon sehr große Anstrengungen.
Steinmeier spricht mit Hochachtung von Ihren Firmen: "Deutschlands größte Stärke bleibt die industrielle Produktion", heißt es in seinem Deutschlandplan. Wie kommt dieses Lob aus dem Munde des SPD-Spitzenpolitikers bei Ihnen an?
Das Konstruktive an diesem Papier ist, dass ein optimistischer Grundansatz dahinter steckt und mögliche Wachstumsfelder in der deutschen Wirtschaft benannt werden. Was mir fehlt, ist die politische Ableitung: Was kann die Politik konkret dazu beitragen, damit wir unsere Stärken ausbauen? Welche Konzeption steckt dahinter? Dieses Versäumnis nimmt diesem wichtigen und nach vorne gewandten Papier ein großes Stück seiner möglichen Bedeutung.
Aber Steinmeier macht doch eine Fülle von Vorschlägen. Beispielsweise soll die Forschung von mittelständischen Betrieben steuerlich gefördert und ein öffentlich-privater Wagniskapitalfonds eingerichtet werden, der Firmengründungen unterstützt.
Viele Vorschläge sind gut, wenn auch meistens schon praktiziert, etwa die massive Förderung des Elektroautos. Mir fehlt das Gesamtkonzept. Wenn die Politik einzelne Felder massiv unterstützt, führt das fast immer zu Verzerrungen. Die Politik sollte einen Rahmen schaffen, in dem alle Unternehmen die Chance haben, sich weiterzuentwickeln.
Wie soll der Rahmen aussehen?
Konsequente Anwendung der Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft. Im Übrigen müssen wir uns darauf verlassen können, dass uns die Finanzindustrie nicht noch mal den Teppich unter den Füßen wegzieht. Auch brauchen wir ein erstklassig funktionierendes Bildungssystem. Warum soll ich investieren, wenn ich weiß, dass ich kaum qualifizierten Nachwuchs bekomme, der überhaupt erst in die Zukunft gerichtete Aktivitäten rechtfertigt? Herr Steinmeier war im Übrigen einer der wichtigsten Mitautoren der Agenda 2010. Die Weiterentwicklung dieses Konzeptes kann nicht durch einen industriepolitischen Katalog ersetzt werden.
Aber die von Ihnen geforderte Bildung und ausreichende Firmenkredite sind Themen in dem Papier.
Ja, die Ziele sind benannt. Ich kenne aber keine Partei, die zurzeit nicht darüber spricht.
Wäre es aus Ihrer Sicht wünschenswert, wenn es nach der Wahl wieder eine große Koalition gäbe?
Ich finde, die große Koalition hat in der Krise ordentliche, solide Arbeit gemacht. Eine schwarz-rote Regierung ist in Sondersituationen angebracht, in denen stabile politische Mehrheiten nötig sind. Ich glaube allerdings, dass es in den nächsten Jahren wichtig wird, dass Parteien regieren, die nicht nur eine deutliche arithmetische Mehrheit haben, sondern auch eine deutlich inhaltliche Übereinstimmung. Mehr Klarheit ist für unser Land jetzt besonders wichtig, weil in der neuen Weltwirtschaft nach der Krise entscheidende Weichenstellung auf uns zukommen. Firmen brauchen klare Rahmenbedingungen und keine wacklige Politik.
Sie plädieren also für eine CDU-FDP-Regierung.
Wir geben keine Wahlempfehlung. Es ist aber für jeden erkennbar, dass es zwischen Schwarz und Gelb mehr inhaltliche Übereinstimmungen gibt als zwischen Schwarz und Rot.
(Interview: Eva Roth)



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