Im so genannten Manifest zu den deutschisraelischen Beziehungen (FR vom 15. 11. 2006) wird der Genozid an den europäischen Juden als zentrale Ursache für die israelische Staatsgründung und den israelisch-palästinensischen Konflikt herausgestellt und daraus auf eine besondere deutsche Verantwortung nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber den Palästinensern geschlossen. Diesen Zusammenhang möchte ich in einer vorläufigen Bilanz der Debatte differenzieren. Möglicherweise war die Zuwanderung in den dreißiger Jahren weniger relevant als die Dringlichkeit der Staatsgründung in den Augen der Zionisten und die Rolle der "Displaced Persons (DPs)", die nach dem Holocaust eingewandert sind.
Gewiss spielt der Holocaust auch in der weiteren Geschichte des Konflikts eine wichtige Rolle für das israelische Selbstverständnis. Ob es ohne den Holocaust kein Israel gegeben hätte, erscheint mir jedoch durchaus fraglich. Der Holocaust-Forscher Yehuda Bauer z. B. vertritt die Gegenthese: Israel gibt es trotz des Holocaust, schließlich haben die Nazis den größten Teil der potenziellen Staatsgründer ermordet. Hätte der Krieg nur ein Jahr länger gedauert, dann hätte es kaum noch Überlebende und damit DPs mehr gegeben. Gerade deren (illegale) Zuwanderung sei mit entscheidend dafür gewesen, dass Israel den Unabhängigkeitskrieg 1948/49 gewonnen hat.
Das Manifest
Das Manifest der 25 wurde am 15. November 2006 erstmals in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht. In ihm werben 25 Politologen, die "besonderen Beziehungen" zu Israel zu überdenken. Das Papier löste eine heftige Debatte aus.
22. November 2006: Die FR dokumentierte eine Auswahl der Pro- und Kontra-stimmen.
16. Januar 2007: Dov Ben-Meir, einstiger Vizepräsident des israelischen Parlaments, besteht darauf: "Deutschlands Beziehungen zu Israel bleiben besonders".
30. Januar 2007: Peter Vonnahme, ehemaliger Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, erweitert in dem Beitrag "Die janusköpfige Verpflichtung", die "besonderen Beziehungen" auf die Palästinenser.
19. Februar 2007: Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaft in Frankfurt, geißelt den "Verantwortungs-imperialismus" deutscher Intellektueller gegenüber Israel. ber/aud
22. November 2006: Die FR dokumentierte eine Auswahl der Pro- und Kontra-stimmen.
16. Januar 2007: Dov Ben-Meir, einstiger Vizepräsident des israelischen Parlaments, besteht darauf: "Deutschlands Beziehungen zu Israel bleiben besonders".
30. Januar 2007: Peter Vonnahme, ehemaliger Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, erweitert in dem Beitrag "Die janusköpfige Verpflichtung", die "besonderen Beziehungen" auf die Palästinenser.
19. Februar 2007: Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaft in Frankfurt, geißelt den "Verantwortungs-imperialismus" deutscher Intellektueller gegenüber Israel. ber/aud
Das Vereinigte Königreich hatte mit der Balfour-Erklärung 1917 ein Fundament für die spätere israelische Staatlichkeit gelegt; besondere Bedeutung kommt aber auch seiner Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 1936-39 zu. Aus strategischen Gründen nahm Großbritannien im Zweiten Weltkrieg jedoch mehr Rücksicht auf die Interessen der arabischen Seite und verfügte strikte Begrenzungen für die jüdische Einwanderung. Unter dem Druck der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen und terroristischer Aktivitäten der Zionisten gegen seine Herrschaft übergab es den Konflikt an die Vereinten Nationen und zog sich schließlich ganz aus Palästina zurück. Bei der entscheidenden Abstimmung in den UN enthielt es sich der Stimme.
Die Rolle der USA
Dass es zu einem israelischen Staat kam, ist nicht zwangsläufig, die Geschichte hätte trotz des Holocaust einen anderen Verlauf nehmen können. Was hätte es z. B. bedeutet, wenn die amerikanische Einwanderungspolitik in den dreißiger und vierziger Jahren weniger rigide gewesen wäre, so wie es arabische Organisationen in den USA vielfach gefordert haben - u. a. mit dem Argument, eine solche Einwanderung sei weit weniger konfliktträchtig als in Palästina? Wenn man aber mit historischen Ursachen argumentiert, dann müssen auch andere Voraussetzungen erwähnt werden; an erster Stelle der europäische Nationalismus und Antisemitismus, aber auch Kolonialismus und Imperialismus. Das Projekt einer systematischen jüdischen Besiedlung Palästinas mit dem Ziel einer "Heimstätte" und damit letztendlich eines eigenen Nationalstaats war nur mit finanzieller, organisatorischer und militärischer Unterstützung von außen und durch am Ende auch gewaltsame Majorisierung zu haben. Einen binationalen Staat wollten - von Minderheiten abgesehen - weder Juden noch Araber. Einen jüdisch dominierten Staat aber würden die Araber niemals freiwillig akzeptieren, was kein Geringerer als Zeev Jabotinsky, Präsident der "Revisionisten" (in etwa die Vorläufer des Likud), früh offen ausgesprochen hat; er setzte deshalb auf eine Politik der (militärischen) Stärke, die den Arabern keine Alternative lassen würde. Da sich auch die Option eines freiwilligen Transfers der eingesessenen arabischen Bevölkerung als unrealistisch erwies, würde der Konflikt um Herrschaft und Territorium in Palästina aller Voraussicht nach gewaltsam entschieden werden.
Im ersten israelisch-arabischen Krieg ging es um Fragen der politischen, partiell sogar der physischen Existenz, zumindest in dem Sinne, wer wo leben und bleiben durfte. Und so wurde Israel zu einem weit überwiegend jüdischen Staat nicht nur durch die Flucht palästinensischer Araber aus ihrer Heimat, sondern auch durch gezielte Vertreibungen, die es durch die Zerstörung hunderter arabischer Dörfer, die Übernahme arabischen Wohnraums in den Städten und das bis heute geltende Rückkehrverbot auf Dauer unumkehrbar machte.


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