Zum Nachlesen: Die Jahresbilanzen der Dokumentation.
"Ich bereue nichts"
Von Madjid Kawussifar wird berichtet, dass er zusammen mit seinem Neffen Hossein den Richter Hassan Moghadass erschossen haben soll, einen der gefürchtetsten Juristen der Islamischen Republik Iran, der neben anderen Intellektuellen und Journalisten den Dissidenten Akbar Gandschi zu sechs Jahren Haft verurteilt hatte. Auf einem Motorrad warteten sie vor dem Irschad-Gericht in der Ahmad-Qoseyr-Straße, der Bukarest-Straße des alten Teheran. Einer der beiden jungen Männer feuerte zwei Kugeln auf den Kopf des Richters, von denen die erste tödlich gewesen sein soll, so heißt es in der Meldung der BBC vom 2. August 2005 unter Berufung auf den Polizeichef von Teheran, Morteza Tala'i. Woher der Polizeichef wusste, welches die erste der beiden Kugeln war? Er irrte sich doch sogar in der Anzahl der Täter. In der Meldung der BBC war nur von einem Täter die Rede, der zugleich Schütze und Fahrer gewesen sein soll. Am 2. August 2007 wurden zwei Männer öffentlich hingerichtet, am Tatort.
Hassan Kawussifar ist nur ein paar Jahre jünger gewesen als sein Onkel. Auf den Bildern und Videos von der Hinrichtung, die im Internet verstreut sind - nur ein Blogger namens Spartakus und ein Autor der Internet-Zeitung Rooz, Hossein Bastani, scheinen sich für die beiden weiter interessiert zu haben -, ist er seltener zu sehen.
Navid Kermani, Jg. 1967, ist promovierter Islamwissenschaftler, lebt als freier Schriftsteller und Publizist in Köln. Den Text haben wir der Website des Autors entnommen (
www.navidkermani.de ). Er hat die Seitenzahlen 429 bis 431.
Indem er seine Gefühle beherrscht, bewahrt er die Würde, die einer nur irgend bewahren kann, der zum Galgen geführt wird. Madjid hat mehr getan, Wundersames. Madjids Bilder haben sich auf den ersten Blick eingebrannt, genau gesagt das Bild oben, das ich Samstag auf der Ladentheke von Herrn Bahrampour auf der Titelseite der Londoner Exilzeitung Keyhan entdeckte, das ist mir so viel näher gegangen als die Bekannten, die man so trifft, oder die großen Künstler, die eben so sterben, dass ich ihn aufnehmen muss in mein Totenbuch, obwohl ich ihn gar nicht kenne und im Internet fast nichts herausgefunden habe. "Die Gleichgültigkeit und das Grinsen der Angeklagten bis zum Augenblick der Exekution machten den Richter Mortazawi wütend", heißt es in der Bildzeile.
Nur Madjid hat gegrinst, während Hassan eingeschüchtert wirkte, verloren, und es war auch kein Grinsen, keine Gleichgültigkeit; es war ein Lachen, ein richtiges Lachen, auf diesem wie auf den anderen Bildern, manchmal ein zärtliches Lächeln wie auf dem Weg durch eine Menge von vermummten Polizisten zum Galgen, manchmal ein fröhliches Hallo wie in der Szene, als er jemandem mit den hinten gefesselten Armen zuwinkt, also die Hände zur Seite führt und zu einem oben offenen Dreieck öffnet. Erst später las ich, dass es sich um einen Gruß handelte und wem er galt, einem Freund oder Verwandten, der im Publikum stand.
Das Publikum: zwei-, dreihundert vielleicht. Aus einem Fenster schauen zwei im weißen Kittel herunter, Ärzte wohl. Ein paar lächeln, die meisten gaffen nur, so auch die Polizisten, die die Stätte absperren. Niemand schreitet ein, niemand empört sich. Die Mutter soll geschrien haben, "Gott, gib mir meinen Sohn zurück", die Mutter von Madjid oder von Hassan. Sogar Kinder sind im Publikum, ein Mädchen jedenfalls, keine fünf Jahre alt.
Welche Barbarei, denke ich, nicht nur die Hinrichtung als solche, die ganze Situation, eine moderne Großstadt, eine breite Straße, Asphalt und Bäume, Hochhäuser, zwei Lastwagen mit Hebearm wie bei der Feuerwehr, allein der Haken fast so groß wie ein Kopf, daran ein blauer Strick geknotet, Plastik, wie in der Nahaufnahme zu erkennen ist, die Heerschar iranischer Fotografen, die so weltlich-westlich aussehen wie Fotografen vor dem Bundeskanzleramt, Baseballkappen, modische Kinnbärte, genauso im Publikum, was für ein barbarisches Land.
Vor der Hinrichtung wird der Koran vorgetragen, mit Verstärker, vielleicht auch nur von Kassette, schön die Rezitation eigentlich, iranischer Stil, traurig, zum Kotzen. Als der Barhocker unter Majids Füßen weggestoßen wird, sind Allaho-akbar-Rufe zu hören, wenigstens nicht viele.
Gewiss, die meisten Zuschauer werden Madjid und Hassan Kawussifar für gewöhnliche Mörder gehalten haben. Richter Mortazawi zählte vor der Hinrichtung die Morde, Entführungen, Einbrüche und Banküberfälle auf, die ihnen zur Last gelegt werden. Hossein Bastani zählte später die absurden Widersprüche auf, in die sich die iranische Justiz in dem Bemühen verwickelt hat, eine Konspiration des amerikanischen Geheimdienstes zu behaupten und die beiden gleichwohl als Kriminelle abzutun. Aber selbst wenn, selbst wenn Madjid Kawussifar und sein Neffe Hassan nichts anderes gewesen wären als Verbrecher - wo anders als in einer Barbarei hängt man Menschen am helllichten Tag mitten in der Stadt an einem Kranwagen auf, mit der Geschäftigkeit einer Straßeneinweihung oder einer Feuerwehrübung? Wir glaubten, wenigstens diese Auswüchse seien beendet, wir glaubten, die Islamische Republik würde sich ab jetzt wenigstens genieren, sagen wir seit den Intellektuellenmorden von 1999, als es darüber zum Aufstand kam im ganzen Land.
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Dokument erstellt am 05.09.2007 um 16:48:02 Uhr
Letzte Änderung am 05.09.2007 um 21:56:41 Uhr
Erscheinungsdatum 06.09.2007