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13. März 2010
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Vergessene Gräber

Diener des Gedenkens

Es nieselt. Albert Verkouter schlägt den Kragen seines dunkelblauen Uniformmantels hoch und zieht die Schirmmütze tiefer ins Gesicht. Wie an jedem Abend in dieser Woche macht sich der 66-Jährige auf zum Menentor, den Lederbeutel, der sein Musikinstrument schützt, in der Hand. Der einstige Grabpfleger ist unterwegs zu seinem Einsatz. Vor dem gewaltigen Torbau im Osten der Altstadt von Ypern leitet die Polizei bereits den Verkehr um. Die Straße unter dem Bogen gehört jetzt den Touristen, wie an jedem Abend um diese Zeit. "So viele sind es immer", sagt Verkouter und deutet mit dem Kopf auf die rund 500 Menschen, die dicht an dicht warten.

Das Menentor ist normalerweise der letzte Punkt im Tagesprogramm der ausschließlich britischen Touristen, von denen viele am frühen Morgen aufgebrochen sind. Sie sind auf den Spuren des Ersten Weltkriegs, den die Briten The Great War nennen, den Großen Krieg. Er ist in ihrem Land bis heute so präsent, dass sich jeden Tag Hunderte von ihnen in Ypern und Umgebung damit auseinandersetzen. Wie Lehrer Adam Brazier aus dem südenglischen Brighton, der mit seiner Schulklasse bereits zwei Museen besucht hat und auf zwei Soldatenfriedhöfen an endlosen Grabreihen vorbeigelaufen ist, ehe er am Menentor auftaucht.

"Der Große Krieg markiert den Beginn des Endes vom britischen Empire und er ist der Anfang des Zweiten Weltkriegs", versucht der Brite das Interesse seiner Landsleute zu begründen. "Manche meiner Schüler haben versucht, die Ruhestätte von Verwandten zu finden", berichtet er. Vorfahren, die noch identifiziert und begraben werden konnten, nachdem sie im berüchtigten Ypern-Bogen gefallen, oder besser: im Schlamm und im Dreck verreckt waren.

Rund um das mittelalterliche Städtchen Ypern in Westflandern prallten zwischen 1914 und 1918 vier Jahre lang mehr Menschen und Material aufeinander als auf jedem anderen Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs. Hier tobte ein "totaler Krieg", lange bevor er so genannt wurde. Vier Jahre lang fraß sich der Feldzug, den der deutsche Generalstab nach zwei Wochen in Paris beenden wollte, in den Schützengräben am Flüsschen Yser fest. Tausende starben bei Offensiven für einige Kilometer Geländegewinn, genauso viele kamen ums Leben, wenn der Feind ein paar Tage später das verlorene Terrain zurückeroberte.

Eine halbe Million Menschen ließ hier ihr Leben, darunter mehr als 200 000 Deutsche. Im Ypern-Bogen setzten die Truppen des Kaisers als Erste das völkerrechtlich verbotene Giftgas ein, dessen Schwaden völlig unvorbereitete Gegner trafen. "Ich muss gestehen", notierte der (überlebende) Kommandierende General Bertold von Deimling später, "dass die Aufgabe, die Feinde vergiften zu sollen wie die Ratten, mir innerlich gegen den Strich ging. Aber durch das Giftgas konnte vielleicht Ypern zu Fall gebracht werden. Vor solch hohem Ziel mussten alle inneren Bedenken schweigen."

Dennoch sind Ypern und Westflandern aus dem kollektiven deutschen Gedächtnis fast verschwunden - wie der Erste Weltkrieg überhaupt. Als zu Jahresbeginn im rheinischen Pulheim der letzte deutsche Teilnehmer am Ersten Weltkrieg im Alter von 107 Jahren starb, nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz. Drei Monate später starb der letzte französische Veteran. Dessen Tod gab der Elysée-Palast bekannt, Staatspräsident Jacques Chirac hatte schon vorher ein Staatsbegräbnis angeordnet.

Es nieselt immer noch, aber das Menentor schützt die Touristen. Albert Verkouter hat sein Horn ausgepackt und sich zu seinen drei Kollegen an die Ostseite des Tores gestellt. Auch sie tragen die dunkelblaue Uniform und die Schirmmütze der Feuerwehr. Auch sie halten ihre Bugles genannten Blashörner in der Hand. "Feuerwehrleute waren die Einzigen, die das in der britischen Armee genutzte Instrument kannten, weil sie es als Signalhorn nutzten", sagt Verkouter. "Um mitspielen zu können, wurde ich extra Feuerwehrmann."

Dann ist es soweit: Um Punkt 20 Uhr bläst er mit seinen drei Kameraden "The Last Post", den Abschiedsgruß der britischen Armee für ihre gefallenen Soldaten. Die Klänge ertönen seit 1928 allabendlich unter dem Menentor. Unterbrochen wurde die Tradition der fünfminütigen Zeremonien nur während der vierjährigen deutschen Besetzung Belgiens im Zweiten Weltkrieg. "Am ersten Tag, als die Besatzer das Land verlassen hatten, nahmen Feuerwehrleute die Zeremonie wieder auf", sagt Verkouter stolz. Er bläst seit 45 Jahren mit.

Nach dem Gruß an diesem Abend gibt die Polizei die Straße wieder frei, der Verkehr rauscht durch das überdimensionierte Stadttor, das die Briten in den 20er Jahren "den Bürgern von Ypern" gebaut haben. In die Wände sind knapp 55000 Namen von vermissten Soldaten aus allen Teilen des Empire eingemeißelt.

Tote, die bestattet werden konnten, liegen auf den Soldatenfriedhöfen rund um die Provinzstadt. Im Ersten Weltkrieg wurden erstmals Gefallene begraben und ihre Gräber mit Kreuzen markiert, auf denen der Name des Toten stand. Dabei machten die Soldaten, die sich um die Leichen kümmern mussten, keinen Unterschied zwischen eigenen und gegnerischen Toten. "Im Leben Feind, im Tode Freund", schrieben sie über einen der Friedhöfe.


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Dokument erstellt am 09.11.2008 um 16:32:02 Uhr
Letzte Änderung am 09.11.2008 um 18:57:23 Uhr
Erscheinungsdatum 10.11.2008
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