Berlin. Pünktlich um zehn regnet es plötzlich Pamphlete ins Audimax. Eine Handvoll junger Männer hat sich oben auf die Balustrade geschlichen, ein Plakat mit dem "Massenmörder" Lenin entrollt und ruft nun "Scheiß-Sozialisten" in den Saal. "Hoch die internationale Solidarität" schreien die Geschmähten zurück, es kommt zu einem Gerangel, und 20 Sekunden später stehen die Störenfriede, die sich "Konservativ-subversive Aktion" nennen, draußen vor der Tür. Verkehrte Welt: Rechte als Hochschul-Guerilla, die ordentlich aufgereihten Linken die Tagesordnung verhageln - andere Zeiten, andere Sitten.
Schlacht? Schon wieder?
"40 Jahre 1968" heißt dieser Kongress, der bis Sonntag in der Berliner Humboldt-Universität abgehalten wird. Es ist, nach Bekunden der Veranstalter, nicht nur das einzige Studenten-Sit-In, sondern "eines der größten linken Ereignisse" überhaupt zu dem Thema. Rund 1500 Frauen und Männer aus dem ganzen Bundesgebiet sollen sich angemeldet haben. Etwa ein Drittel von ihnen hockte am Freitagmorgen im Auftaktplenum und johlte, als der Untertitel des Ganzen in die Höhe gehievt wurde: "Die letzte Schlacht gewinnen wir."
Schlacht? Ist es schon wieder so weit? Immerhin: Das Vokabular von damals haben sie auch heute noch drauf. In diversen Themenblöcken werden sich die Studenten drei Tage lang mit "Befreiung", "Revolte" und "Imperialismus" befassen. Theoretisch wird es um "Bambule machen" und "Die Frage nach der revolutionären Existenz" gehen. Praktisch steht sogar ein "Aktionstraining ziviler Ungehorsam" auf dem Programm. Auch einen SDS gibt es endlich wieder - er hat diesen Kongress organisiert. Nur steht die Abkürzung im Jahr 2008 für "Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband". Das ist gewollte Verwechslungsgefahr, die nicht nur der Alt-68er Wolfgang Nitsch "ein bisschen problematisch" findet.
Nitsch, heute Professor in Oldenburg, war damals dabei, als der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) seine bemerkenswerte Denkschrift "Hochschule in der Demokratie" verfasste. Am Freitag nun betonte er auf dem Podium mehrfach, wie wichtig dem SDS seinerzeit seine Unabhängigkeit auch und gerade von Parteien gewesen sei. Das Adjektiv "außerparlamentarisch" habe man durchaus ernst genommen. Und heute? Heute ist der SDS ein studentisches Anhängsel der Partei Die Linke, weswegen dieser Kongress auch von etlichen ihrer Bundestagsabgeordneten dominiert wird. "40 Jahre 1968" - am Ende nichts als Wahlwerbung?
Die Themen sind geblieben
Unsinn, findet Nele Hirsch, die Hochschulpolitikerin der Linken, die zum Auftakt neben Nitsch saß. Die Themen seien doch noch immer die selben: Selbstbestimmtes klassenloses Studieren werde immer schwieriger an den inzwischen "managementartig" geführten Universitäten. Kritische Wissenschaft habe kaum noch Platz im Lehrplan. Und draußen - dort, wohin die damaligen Studenten drängten - setze man noch immer auf Krieg als Mittel der Politik, sei man von einer "neuen Gesellschaftsordnung" meilenweit entfernt. Es klingt wie ein Weckruf, den Hirsch da durchs Audimax schickt, während sich oben auf der Ballustrade einige Veranstalter mühen, damit ihnen der selbstgemalte Marx nicht entgleitet.
Nein, nach Schlacht sieht dieser Kongress von Linken für Linke anfänglich nicht aus. Aber da liegen ja noch Dutzende Workshops und Diskussionen vor den Anhängern des Neu-SDS. Vor allzu überbordenden Erwartungen hatte zuvor bereits Gisela Notz gewarnt. Aufbegehren, so die 68-Chronistin, sei immer gut - aber eins stimme eben auch: "Es sind immer zu wenige Menschen auf der Straße."






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