In kleinen, unscheinbaren Büros in Wien und New York gerieten vergangenen Sommer eine Handvoll Fußballexperten regelmäßig ins Schwärmen. Keine Möchtegern-Prominenz, keine Alt-Internationalen - Fußballversteher vom Schlage des immer etwas verschroben wirkenden DFB-Chefscouts Urs Siegenthaler. Jedes Spiel der Europameisterschaft hat die in Österreich und in den USA beheimatete Firma FAS.research gefilmt und anschließend seziert; grafisch wurden alle Ball- und Passwege illustriert, wurde ein Fußballspiel in seiner ganzen Komplexität entschlüsselt.
Heraus kam eine Netzwerkanalyse, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Und was die Spielanalytiker nach jedem Spiel der russischen Nationalmannschaft fanden, setzte Maßstäbe für sie. "Elastisch-robuste Flügeldreiecke", "überragende Vertikaldynamik", "ein hervorstechendes Pentagon zwischen Semak, Schirkow, Arschawin und Pawljutschenko", lautete etwa deren fußballwissenschaftliche Erklärung für das Meisterstück der Sbornaja - das 3:1 im Viertelfinale gegen den Turnierfavoriten Niederlande.
"Holländischer als die Holländer", so hieß es, hätten die respektlose Russen agiert, unter der Handschrift des niederländischen Cheftaktikers Guus Hiddink. Erst im Halbfinale war bekanntlich gegen Spanien (0:3) Endstation - geschuldet eher der Überheblichkeit und Müdigkeit als dem Spielsystem oder der Veranlagung.
Das weiß auch Bundestrainer Joachim Löw, der die im Weltfußball in Windeseile aufgestiegenen Russen derzeit "auf eine Stufe mit Spanien" stellt, dem kontinentalen Titelträger. Löw: "Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die so schnell umschalten kann. Die Russen haben eine unglaubliche Stärke im Spiel nach vorn. Sie imponieren mir individuell und als Mannschaft." Und dieses Ensemble sei, ergänzt Manager Oliver Bierhoff, "in einem Auswärtsspiel noch gefährlicher als in Moskau". Mehr Respekt geht nicht.
Seit Wochen studiert deshalb der im DFB-Auftrag tätige Siegenthaler das Spiel des heutigen Gegners, versucht, den deutschen Kickern die Dechiffrierung des Codes verbal und visuell nahezubringen. Immerhin scheint die Detailarbeit des Schweizer Scouts zu fruchten, sonst hätte der Berliner Arne Friedrich am Donnerstag nicht von sich aus so ausführlich über die Stärken des russischen Linksverteidigers Juri Schirkow referiert, als kenne der deutsche Verteidiger den 25-jährigen Lockenkopf von ZSKA Moskau bereits aus dem Effeff.
In der Tat ist Schirkow neben dem hoch veranlagten Freigeist Andrej Arschawin (Zenit St. Petersburg) und Roman Pawljutschenko (Tottenham Hotspur) ein Schlüsselspieler der 4-3-3-Formation. Weil aber die zentrale Sturmspitze an einer Sprunggelenksverletzung leidet, rückt vermutlich Pawel Pogrebnjak (Petersburg) in diese Rolle, über rechts darf dann wohl der Ex-Nürnberger Ivan Saenko (Spartak Moskau) stürmen.
Angriff ist die beste Verteidigung - eingedenk des Fehlens von Innenverteidiger Denis Kolodin ist das die Marschroute von Hiddink: Er kündigt an, "vielleicht auf mehr als einen Punkt" aus zu sein. "Die Abwehr bleibt für uns ein Problem", sagt der 61-jährige Niederländer, der sich erst kürzlich mit dem russischen Verband auf eine Weiterbeschäftigung bis 2010 geeinigt hat. Geht es nach einigen einflussreichen Verbandsfunktionären, dann soll bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine - sofern das Championat denn dort stattfindet - der erste Titel herausspringen.
Aber noch ist nicht alles Gold, was glänzt: Nur Zenit St. Petersburg ist in der Champions League vertreten, Spartak und ZSKA Moskau müssen sich mit dem Uefa-Cup bescheiden. Und die Premjer-Liga ist zwar stärker geworden, weist aber noch ein großes Leistungsgefälle auf. Doch für die Nationalelf findet Hiddink längst beste Bedingungen vor. Finanziell wie personell. Und deshalb betont er: "Wir müssen dafür sorgen, dass wir sagen können: Die EM war der Start in eine neue Ära des russischen Fußballs. Wir fürchten niemanden mehr." In zwei Büros in Wien und New York sieht man es genauso.


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