Von den Zahlen geht etwas Magisches aus: 8:0.
Sie stecken rechts und links in den beiden durchsichtigen Fenstern, die das Anzeigetürmchen im Eck des Stadions des 1. FC Union in die Zange nehmen. Man findet es auf dem Gelände einer ehemaligen Försterei in Berlin-Köpenick, am südöstlichen Rande der Stadt. Die Tribünen, die Podeste und die Treppen, alles haben sie frisch betoniert. Trotzdem sieht das Stadion immer noch aus wie ein Blumentopf.
Es sind die Fans, die seit Monaten auf dieser Baustelle schuften. Unentgeltlich, das ist für sie Ehrensache. Für den Gossi und den Engelhard, den Gerd und den Kibi und wie sie sonst noch alle heißen. Jetzt eilen sie treppab zur Mittagspause, Männer mit sonnengebräunten Oberkörpern, die jeden Neuankömmling mit Handschlag begrüßen, bevor sie zum Essen im VIP-Zelt verschwinden.
Es gibt Putengeschnetzeltes mit Reis, Anna Klawe, 68, eine burschikose Brünette, ist morgens in ihrem knallroten Mazda aus dem 30 Kilometer entfernten Ludwigsfelde angebraust, um mit anderen Fußballer-Mamas zu kochen. Dabei hat sich die pensionierte Ökonomin nie für Fußball interessiert, bis ihr Sohn Oliver sie vor sechs Jahren zu einem Heimspiel des 1. FC Union mitschleppte. "Seither hat Anna kaum ein Spiel verpasst", verrät ihre Vereinsfreundin Rita – und erzählt kichernd von den Weihnachtsbaumkugeln mit Union-Logo, mit denen Anna Klawe seither ihre Tanne schmückt.
Das muss wohl Liebe sein. Klawes Tochter Roxana hat im Stadion ihren Mann kennen gelernt. Inzwischen ist der Verein auch für sie so etwas wie eine Familie geworden. Das würden die Fans anderer Vereine wohl auch über ihren Favoriten sagen, aber die Liebe der Unioner wurzelt tiefer. Anna Klawe würde es so nicht formulieren, aber im Blumentopf findet sie etwas, was irgendwie verlorengegangen ist in den Wirren der Wende: Nestwärme.
Die Männer sind mit ihrer Arbeit noch nicht fertig. Oben auf den Rängen stehen zwar schon eiserne Träger, das Dach darauf ist aber noch nicht ganz fertig. Es wird das I-Tüpfelchen auf einer Arena, wie es sie in dieser Form hierzulande kaum noch gibt. Mit 19.000 Stehplätzen, die bis an die Rasenkante heranreichen. Und mit einer Ergebnisanzeige, deren Zahlen noch mit der Hand ausgewechselt werden. 8:0. So hoch hat der kleine Fußballklub aus dem Osten fast nie gewonnen. Meistens war es umgekehrt. Dafür ist er berühmt geworden: Er hatte nie eine Chance, aber er hat sie genutzt. Dafür haben ihn seine Fans immer bewundert. Für seinen Kampfgeist. Und für seine Chuzpe im Kampf gegen die Obrigkeit.
"Feindlich-negativ, rowdyhaft"
Zu DDR-Zeiten stufte der Staatssicherheitsdienst (Stasi) die Union-Anhänger als "feindlich-negativ, rowdyhaft" ein. Gerd, 60, schwarzer Breitcord, fleckiger Pulli, schaufelförmige Hände, sagt, er hätte die Spitzel noch im Dunkeln erkannt. "Die waren irgendwie so verhalten." Gerd, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, hat damals in einer Chemie-Fabrik gearbeitet. Als das Werk nach der Wende schloss, wechselte er auf den Bau. Jetzt kniet er auf dem Boden und schippt Kies in die Bohrlöcher für die Gitter am Gästeeingang. Die Knie schmerzen. "Arthrose", sagt er kurz, "mit 58 wurde ich ausgemustert." Auch seine Frau war irgendwann weg. Was blieb, war der Verein.
Die Spiele strukturieren seither seine Woche, Sonntag ist, wenn die Fans ins Stadion strömen. Gerd betrachtet es mit dem Stolz eines Häuslebauers. Er hat die Fundamente ausgeschachtet und die Eisenkörbe für die Betonpoller geflochten. Er schaut einen fast ein wenig empört an, wenn man ihn fragt, warum er das macht. "Das ist mein Verein." Gerd hat seit 1965 kaum ein Spiel verpasst. Wichtig war nicht nur aufm Platz, sondern auch daneben. Er sagt, es habe Spaß gemacht, die Stasi zu ärgern.
Wenn die Spieler einer gegnerischen Mannschaft bei einem Freistoß vor dem Tor eine Mauer bildeten, rief der Union-Block: "Die Mauer muss weg." Es entbehrte nicht der Ironie, dass die halbe Mannschaft "rübermachte", als die Mauer dann tatsächlich fiel. Der 1. FC Union hat sich auch von dieser Niederlage erholt. Wenn er ein Mensch wäre, müsste man sich ihn als einen Stehaufmann vorstellen, als einen eisernen. Das Schicksal semmelt ihm einen Ball nach dem anderen ins Tor. Doch nie käme er auf die Idee zu jammern. Davor bewahren ihn seine Fans.
Eisern Union, so rufen sie ihren Klub und charakterisieren sich damit auch ein wenig selbst. Einer dieser Fans ist Gossi, 46, bürgerlich Andreas Goslinowski, wettergegerbtes Gesicht unter einer Schirmmütze, sonore Stimme, Ring im Ohr. Gossi leitet das Team Erdarbeiten, aber das ist ein Zufall, einer wie er hätte überall im Stadion mitanfassen können. Er sagt: "Die Leute aus meiner Generation sind flexibel." Notgedrungen.



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