Dass Wasser kochen kann, ist nicht neu. Dass Schwimmbadwasser kochend heiß sprudelt, schon. Michael Phelps gegen Milorad Cavic Kerle, die den WM-Pool in Rom am Samstagabend in einen Geysir verwandelten. Es war eines jener beliebten Dschungelspiele, in denen testosteronschwangere Männchen den Stärksten unter sich suchen. Phelps blieb das Alpha-Männchen, und er drückte es nach 49,82 Sekunden und Weltrekord über 100 Meter Schmetterling auch nach Art eines Gorillas aus. Der sonst so besonnene, kontrollierte Super-Schwimmer trommelte sich auf die Brust, machte eine Zerreißprobe mit dem Schulterteil seines Anzuges und tanzte zweimal sitzend auf der Leine herum. Den Serben, das B-Männchen, würdigte er keines Blickes. Angeblich, so die später nachgelieferte diplomatische Note, habe Phelps auf der Tribüne seine Mutter gesucht. Die bekam er wenig später zu fassen. Das Herzen wollte kaum ein Ende nehmen.
Der meist brave US-Boy, die Mom und der böse Serbe das war nur ein Akt im großen Open-Air-Gefühlskino von Rom. Bud Spencer, berühmt geworden durch das Halleluja, das er seinen Feinden in zahllosen Italo-Western in den Körper prügelte, durfte bei der Siegerehrung assistieren. Es waren ein paar Minuten, um den Atem anzuhalten, denn der fast 80-Jährige ist nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs. Als Carlo Pedersoli war er Italiens erster Schwimmer, der die 100 Meter Freistil unter einer Minute schwamm. Zweimal war der Haudrauf in den 50er-Jahren Olympiateilnehmer.
Die 15 000 im Stadion lechzten nach noch mehr Rührung. Ihr Herzensbube ist Cesar Cielo Filho. Der Brasilianer gewann über 50 Meter Freistil sein zweites Gold, und er war nach seinem Tränenausbruch bei der Siegerehrung für den Titel über 100 Meter gewillt, den zweiten Triumph mit einer gewissen Fröhlichkeit zu genießen. Doch die Italiener wollten wieder das Feuchte in den Augen des Brasilianers sehen. Das verhaltene Tremolo der Zuschauerhände trieb dem Doppel-Champion tatsächlich wieder die Tränen in die Augen. Glücklicher Sieger, noch glücklichere Zuschauer.
Beim Duell zwischen Cavic und Superstar Phelps liegt auch Blei in der Luft
Neben Schmalz lag in dieser gefühligen italienischen Nacht aber auch Blei in der Luft. Nach dem Halbfinale hatte Milorad Cavic mit dem Zeigefinger einen Pistolenschuss simuliert. Das war kein Ausdruck gefährlicher Aggression, der im kalifornischen Anaheim geborene Serbe war nur der irrigen Meinung, dass dem kleinen Knall im Finale ein großer Knaller folgen würde. Der Sportaktivist für den Auftritt bei der Europameisterschaft 2008 im T-Shirt mit dem Aufdruck "Kosovo ist Serbien" bezahlte er 10800 Dollar durfte sich der besonderen Zuneigung seines Erzrivalen Phelps sicher sein, nachdem er angebotenen hatte, ihm einen neuen Schwimmanzug zu kaufen. Phelps oder besser sein Trainer Bob Bowman, so die Botschaft des Beach-Boys von der anderen Seite der USA, sollte das Jammern über die High-Tech-Anzüge lassen.
Weil Cavic in Rom auch wieder die Geschichte aufwärmte, im olympischen Finale, das er um eine Hundertstelsekunde gegen den Wassergott verloren hatte, sei an der Uhr gedreht worden, war für Zündstoff gesorgt. Der entlud sich in einem Rennen, das der US-Amerikaner "als eines der aufregendsten seiner Karriere" bezeichnete, in einer Explosion an Schmetterlingsschlägen. Bis zur 80-Meter-Marke führte Cavic, dann flog Phelps an ihm vorbei.
Der Serbe war wenig später schon wieder (fast) ganz lieb geworden. Nachdem er den Medien erst zuflötete, "ihr seid ja alle hier, weil ihr gute Leute seid", fügte er sodann hinzu, dass bei der Interpretation seiner netten Grüße an Phelps halt etwas übertrieben worden sei. "Michael hat hier Großartiges geleistet", sagte Cavic in der Pressekonferenz. Es war ein wirklich wunderbarer Abend.


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