Hannover. Nur auf den ersten Blick ist alles wie sonst. Die Fans von Hannover 96 streben auf der Waterloostraße in großer Zahl dem Stadion des Fußball-Bundesligisten entgegen. Viele tragen die Vereinsfarben. Doch der Ton ist gedämpft, die Mienen sind ernst. Es ist kein Tag wie jeder andere.
Es ist der Tag, an dem fast 40.000 bei einer Trauerfeier Abschied nehmen von Robert Enke. Dem Torhüter, dem "eine heimtückische Krankheit das Herz gebrochen hat", wie der Präsident des Klubs, Martin Kind, sagen wird.
Vor den Toren der Arena versucht ein Straßenhändler, aus der Trauer der Menschen Geld zu schlagen. Auf T-Shirts und Schals wird die Erinnerung an den Nationaltorhüter beschworen, Doch derlei Äußerlichkeiten braucht es nicht. Sie tragen die Erinnerung an Enke in ihren Herzen. Aus der Kneipe Nordkurve, gleich vor der Arena, wehen Fetzen der gefühligen Ballade "Time to say goodbye" heran. Sie erklingt sonst gern, wenn ein Sportler einen Schlussstrich unter seine Karriere zieht, aber nicht gleichzeitig einen unter sein Leben. "In unseren Herzen", sagt Kind später im Stadion in einer letzten Verneigung vor dem Weggefährten, dem Freund, den er verloren hat, "in unseren Herzen wirst du immer weiterleben."
Es ist eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Zeremonie, diese Trauerfeier an dem Ort, an dem Enke noch eine Woche zuvor im Tor der 96er gestanden hatte. Nun, an diesem fast frühlingshaften Sonntagvormittag, steht der Sarg mit seinen sterblichen Überresten im von Kränzen und Blumengebinden übersäten Mittelkreis, die tief stehende Novembersonne taucht die Szenerie in ein weiches Licht. Auf den Rängen ist es still wie in der Kirche. Es ist, als stehe die Zeit still für diese innigen Momente des Abschieds von einem, der, wie Kind sagt, nie wieder an diesen Ort kommen wird, "wo er unsere Herzen erobert hat".


Robert Enke hat nach Schilderungen seines Vaters Dirk Enke schon als Jugendlicher unter Versagensängsten gelitten. Nachdem der Torwart im Jugendalter oft in höhere Altersklassen eingestuft worden war, sei es schon dabei "immer wieder zu Krisen" gekommen. Das sagte der promovierte Psychotherapeut aus Jena dem Spiegel. "Weil er Angst hatte, nicht mit den Älteren mithalten zu können. Er war in den eigenen Ansprüchen gefangen."
Wenn die Depressionen besonders stark waren, war der Torwart kaum in der Lage, seinem Beruf nachzukommen. "In kritischen Phasen hatte Robert Angst, dass ein Ball auf sein Tor geschossen würde." Robert sei so verzweifelt gewesen, dass er ihn einmal gefragt habe: "Sag mal, Papa, nimmst du mir das übel, wenn ich mit dem Fußball aufhöre?" Ich sagte: Robert, das ist doch nicht das Wichtigste, um Gottes Willen."
Joachim Löw bekommt vielleicht noch einen Anruf. Dirk Enke hatte nach der Telefonnummer gefragt, "weil er, der Vater, ihn, den Bundestrainer, von möglichen Schuldgefühlen befreien möchte." Die jüngste Auswahl-Nichtnominierung habe bei Enkes Selbstmord keine Rolle gespielt: "Ein wichtiges
Anliegen ist mir, Herrn Löw von der Frage zu entlasten: Was wäre, wenn ich ihn nominiert hätte? Ich glaube, dass Robert das in Ordnung fand."
Der Tod der herzkranken Tochter Lara belastete Robert Enke noch mehr als
gedacht. Dirk Enke: "Nach der Gehör-Operation kam Robert vom Spiel, fuhr in die Klinik, schläft abends neben der Kleinen alleine ein. Am Morgen wird er von dem Gerüttel und Geschüttel der Krankenschwestern wach, die die Kleine wiederbeleben wollen. Er lag daneben".
Ihm sei als erstes durch den Kopf gegangen: "Ich habe das nicht mitgekriegt, ich bin daran schuld." (dpa)
"Nummer eins im echten Sinn des Wortes"
Dass der Mann, der seinem Leben ein Ende gesetzt hat, weil er keinen anderen Ausweg mehr sah, nicht einfach ein Profi unter vielen war, machen alle deutlich, die unten auf dem Rasen das Wort ergreifen. "Du warst die Nummer eins im echten Sinn des Wortes", sagt der 96-Präsident, "der Beweis, dass es auch im Fußball Echtes, Warmes und Herzliches gibt." Aber was im Verlauf der Feier zum Ausdruck gebracht wird, geht über die Würdigung des Menschen Robert Enke hinaus. Der Selbstmord des Fußballstars hat dafür gesorgt, dass drängende Fragen nicht länger ignoriert werden. "Fußball ist nicht alles, Fußball darf nicht alles sein", zitiert DFB-Präsident Theo Zwanziger die evangelische Bischöfin Margot Käßmann und erntet lang anhaltenden Applaus. Der Verbandspräsident findet auch sonst die richtigen Worte. Zwanzigers stets leicht pastoraler Ton, hier ist er angebracht.
"Denkt nicht nur an den Schein", mahnt er, "denkt auch an das, was in den Menschen ist – an ihre Zweifel, ihre Schwächen." Ein wenig mehr an die Würde des Menschen zu denken, das empfinde er als "den Auftrag dieses eigentlich sinnlosen Sterbens", sagt Zwanziger. Er fordert dazu auf, Maß zu halten auch in der Hingabe an den Sport und in der Bewunderung für dessen Protagonisten, das Fairplay zu achten. "Werte sind gefragt", fährt Zwanziger fort und bezieht die Fans in der Frage, welche Lehren aus Enkes Tod zu ziehen sind, ausdrücklich mit ein: "Ihr könnt unheimlich viel tun." Es gelte, "das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger zu brechen".
Da, das spüren die Menschen im Stadion, meint es einer ernst, will einer angesichts des Dramas eines Hochbegabten, der glaubte, seine Schwäche verstecken zu müssen, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. "Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage" fordert der DFB-Präsident. "Das", so glaubt er, "wird Robert Enke gerecht." Die Menschen im weiten Oval erheben sich, der Beifall für Zwanziger will nicht enden. Er hat ausgedrückt, was wohl viele von ihnen empfinden.
Das gelingt auch dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff. "Wie groß mag der Druck gewesen sein, der auf ihm lastete?", fragt Wulff und plädiert für eine Korrektur im Selbstverständnis des Profifußballs: "In Zukunft sollte auch ein Nationalspieler eine psychische oder sonstige Beeinträchtigung einräumen können und eine Auszeit gewährt bekommen."
Appell an die Fans
Den Fans redet der Ministerpräsident ins Gewissen, ihre Wahrnehmung des Fußballs, des Sports allgemein zu überdenken. Er nimmt sich dabei ausdrücklich nicht aus: "Ich muss etwas ändern und darf den Sportler nicht entweder als Übermenschen oder als Versager sehen." Wulff richtet den Blick nicht nur auf den Sport, gibt zu bedenken, dass der Leistungsdruck in vielen gesellschaftlichen Bereichen dafür sorgt, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. "Wir brauchen keine Roboter", sagt Wulff, "wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten." Robert Enke hat bis zuletzt versucht, allen Ansprüchen, die an ihn gestellt wurden, gerecht zu werden.
"Er war eine herausragende Persönlichkeit des Sports", sagt Martin Kind, will damit aber nicht so sehr auf die sportlichen Leistungen Enkes abheben. "Es war der Mensch Robert Enke, sein Charakter, seine Persönlichkeit."
Ein letzter Sonnenstrahl ergießt sich über das Spielfeld, als Profis von Hannover 96 den Sarg schultern und unter donnerndem Beifall aus der Arena tragen. Es sei die Ohnmacht, glaubt Kind, "die mich, die alle so unglücklich macht". Und Christian Wulff spendet jenen Trost, die noch immer nicht begreifen können, was geschehen ist: "Man muss nicht immer alles gleich erklären können." Man wünschte sich, Politiker sprächen und empfänden öfter so.
Viele in der Arena schämen sich ihrer Tränen nicht, als sie gemeinsam das Vaterunser sprechen und als schließlich die Hymne aus Liverpool angestimmt wird, die uns beständig daran erinnern soll, dass der Fußball keine Insel der Seligen ist. Doch sie kündet auch von der Hoffnung. "You"ll never walk alone" – du wirst nie alleine gehen. Es ist wohl das, was die 40.000 an diesem Sonntag im Stadion von Hannover vor allem zum Ausdruck bringen wollen.
Die ersten machen sich still auf dem Weg, während ihre Nummer eins auf der Videowand noch einmal lebendig wird. Draußen vor dem Stadion, wo ein Meer von Blumen, Fotos, handgeschriebenen Notizen und Teelichtern die Anteilnahme ausdrückt, halten viele noch einmal inne. Sie werden ohne Robert Enke weitergehen müssen. Aber noch nicht jetzt. Jetzt noch nicht.