Beim Handball-Bundesligisten TBV Lemgo hängt der Haussegen gewaltig schief. Während des 22:38 (7:17) im Spitzenspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen machten die Fans ihrem Unmut am Dienstagabend schon zur Halbzeit mit einem gellenden Pfeifkonzert Luft und verschonten auch ihren Star und Nationalmannschaftskapitän Michael Kraus nicht.
"Das Schlimme ist, dass ich diese Niederlage nicht einmal richtig erklären kann", gab Trainer Volker Mudrow nach dem Debakel zu. Er benutzte sogar Worte wie "katastrophal" und "peinlich" und bedankte sich bei den Zuschauern, dass sie es überhaupt bis zum Ende des Spiels ausgehalten hatten. "Ich kann verstehen, wenn sie von Arbeitsverweigerung reden", sagte Mudrow. "Wir waren Fallobst."
Während der Coach bei den Verantwortlichen um Geschäftsführer Volker Zerbe und dem ebenso mächtigen wie anspruchsvollen Geldgeber im Hintergrund derzeit trotzdem unumstritten sein dürfte, hat sich Kraus mit einem Interview im Vorfeld des Spiels den Ärger des Klubs zugezogen. "Ich werde noch vor dem Wochenende das Gespräch mit ihm suchen. Ich will Klarheit schaffen, dass es so nicht geht", sagte Zerbe, der das Spiel mit eisiger Miene ungläubig verfolgt hatte. Kurzfristig seien zwar keine Konsequenzen möglich, gerade in Sachen Personal werde man sich aber Gedanken über die Zukunft machen.
Mittelmann Kraus hatte trotz eines Vertrages in Lemgo bis 2012 am Spieltag quasi offen über seinen Abschied gesprochen, sollte der Klub auch im kommenden Jahr nicht in der Champions League spielen. "Wenn es am Ende wieder nicht reicht, wird man sich sicher zusammensetzen und alle Möglichkeiten ausdiskutieren müssen. Mein Anspruch als Kapitän der Nationalmannschaft muss es sein, in der Champions League zu spielen. Das werde ich mir nicht nehmen lassen", sagte der 25-Jährige dem Mannheimer Morgen.
So war schon vor dem Spitzenspiel vom Dienstag Unruhe in den Verein gekommen, allerdings nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Das Rumoren hatte bereits mit dem ganz schwachen Auftritt der Lemgoer bei der Champions-League-Qualifikation begonnen. Statt Königsklasse spielt der TBV so in diesem Jahr lediglich im EHF-Pokal. Als Konsequenz musste der gerade bei den Fans beliebte Trainer und ehemalige Weltmeister Markus Baur noch vor dem ersten Bundesligaspiel gehen, mit ihm auch der Sportliche Leiter und Welthandballer von 1998, Daniel Stephan. Auch in diesem Fall war Kraus schon ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Den Vorwurf, er habe den Rauswurf seines einstigen Nationalmannschaftskollegen Baur mitbetrieben, weist er aber weit von sich.
Schon nach dem Aus im DHB-Pokal sprach Trainer Mudrow von einer Katastrophe
Nach einer Klatsche gegen den HSV Hamburg in der Bundesliga folgte für die ambitionierten Ostwestfalen dann auch noch das peinliche Aus im DHB-Pokal gegen den Zweitligisten VfL Bad Schwartau. Schon damals sprach Trainer Mudrow von einer "mittleren Katastrophe" und kündigte als Konsequenz unbequeme Entscheidungen an.
Gegen die Rhein-Neckar Löwen musste er nun zwar gleich vier Spieler um den verletzten Kapitän Sebastian Preiß ersetzen. Dennoch vermag dies nicht als alleiniger Erklärungsgrund für die indiskutable Leistung der verbliebenen Profis herzuhalten. Auch Michael Kraus stand neben sich; zuletzt hatte er schon beim Supercup-Gewinn mit der Nationalmannschaft Bundestrainer Heiner Brand nicht überzeugen können. (sid)


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