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09. Februar 2010
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Organisierte Kriminalität

Lame Duck namens Taskforce

Von Jan Christian Müller

Es ist offenbar ein Kampf gegen Windmühlen: 29.000 Fußballspiele im Jahr überwacht die Schweizer Firma Sportradar für den Europäischen Fußballverband Uefa in 53 Ländern. 200 festangestellte und 1500 freie Mitarbeiter checken mithilfe eines komplizierten Datenerfassungssystems bis zu 300 Millionen Datensätze von mehr als 300 legalen Wettanbietern. Alle zwei Minuten werden über 200 Varianten von Livewetten abgefragt, doch gegen die organisierte Kriminalität sind die Experten dennoch machtlos. "Ja, das schockiert mich", räumte Sportradar-Geschäftsführer Carsten Koerl am Montag ein.

Der 44-Jährige war zuvor vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei einer Pressekonferenz in Frankfurt als eine Art Kronzeuge präsentiert worden. Denn natürlich sind in der Öffentlichkeit in den vergangenen Tagen erhebliche Zweifel aufgekommen: Welchen Sinn macht eine derart umfangreiche Überwachung, die sich allein der DFB seit 2005 rund 200.000 Euro pro anno kosten lässt, überhaupt noch? Wie kann es angehen, dass international operierende Verbrecherbanden, wie von der Bochumer Staatsanwaltschaft recherchiert, im mutmaßlich größten europäischen Wettskandal dennoch bis zu 200 Fußballspiele in neun Ländern manipulierten, davon 32 allein in Deutschland?

Sportradar hat, das gab Geschäftsführer Koerl unumwunden zu, "keine Auffälligkeiten im diskutierten Zeitraum seit Januar 2009 zu den Spielen in Deutschland erfasst". Koerl erklärt das mit "illegalen Wettanbietern, also mit organisierter Kriminalität, die sich unserer Überwachung verschließt".

Die Fußballszene ist entsprechend aufgeschreckt. Die Gefahr durch Wettbetrug wird laut DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach inzwischen als "mindestens so groß wie die Gefahr durch Doping" eingeschätzt. Am Mittwoch wird sich Niersbach deshalb zur Krisensitzung zum Uefa-Hauptsitz nach Nyon aufmachen. Dort hatte er noch vor kaum vier Wochen in der "unseligen Thematik" nur Lob erfahren für das deutsche Überwachungssystem, für die nach den Untiefen um den längst wieder auf freiem Fuß befindlichen Skandalschiedsrichter Robert Hoyzer überarbeitete strenge DFB-Satzung und für die Ernsthaftigkeit, mit der sich deutsche Staatsanwälte dem Thema widmen. "Wir wurden als Musterverband dargestellt", sagte Niersbach am Montag nicht ohne eine gewisse Resignation in der Stimme.

Zwanziger dankt Staatsanwaltschaft


Zwar haben DFB und Ligaverband eine Taskforce gegründet, aber die ist angesichts des ungeheuren Umfangs der Manipulation nur eine lame duck, eine lahme Ente. "Ein Verband ist da absolut überfordert", räumte DFB-Präsident Theo Zwanziger ein und dankte der Bochumer Staatsanwaltschaft ausdrücklich.

DFB und Deutsche Fußball Liga (DFL) haben derweil schriftlich um Akteneinsicht gebeten. "Wir nehmen die Angelegenheit sehr ernst", so Zwanziger, denn, sekundierte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, "wir haben auch im Sinne der Sponsoren und vor allem der Fans großes Interesse daran, für Aufklärung zu sorgen". Schließlich sei der "ehrliche sportliche Wettbewerb Grundlage unseres Erfolgs".

Diese Grundlage droht nun entzogen zu werden. Änderungen in den Verbandsbestimmungen, wonach beispielsweise für Spieler und Schiedsrichter in den Klassen, in denen sie tätig sind, ein generelles Wettverbot gilt, erweisen sich als gut gemeinte, aber letztlich nicht zu kontrollierende Vorgaben. Zwanziger erläuterte auf Nachfrage, Trainer Mario Basler sei vor den DFB-Pokalspielen seiner Eintracht aus Trier ausdrücklich schriftlich darauf hingewiesen worden, er möge keine Wetten auf die Begegnungen seiner Mannschaft platzieren. Nur: Welcher Überprüfung hält eine solche laut Zwanziger "Vorsorgemaßnahme, um zu verhindern, dass es zu einem nicht-statutengemäßen Wettverhalten kommt" stand?

Sportradar-Chef Koerl weist auf eine Studie hin, nach der der hiesige Schwarzmarkt aufgrund der Regulierung des deutschen Wettmarktes um 45 Prozent gestiegen sei. Nach übereinstimmenden Schätzungen ist der Umsatz des staatlichen Wettanbieters Oddset von rund 350 Millionen Euro nur ein Bruchteil der von Deutschland aus platzierten Fußballwetten im Internet oder bar bei Buchmachern. Die Politik ist also eine lame duck wie der DFB.
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Dokument erstellt am 23.11.2009 um 17:28:08 Uhr
Letzte Änderung am 24.11.2009 um 11:20:18 Uhr
Erscheinungsdatum 23.11.2009 | Ausgabe: d
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