Es ist offenbar ein Kampf gegen Windmühlen: 29.000 Fußballspiele im Jahr überwacht die Schweizer Firma Sportradar für den Europäischen Fußballverband Uefa in 53 Ländern. 200 festangestellte und 1500 freie Mitarbeiter checken mithilfe eines komplizierten Datenerfassungssystems bis zu 300 Millionen Datensätze von mehr als 300 legalen Wettanbietern. Alle zwei Minuten werden über 200 Varianten von Livewetten abgefragt, doch gegen die organisierte Kriminalität sind die Experten dennoch machtlos. "Ja, das schockiert mich", räumte Sportradar-Geschäftsführer Carsten Koerl am Montag ein.
Der 44-Jährige war zuvor vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei einer Pressekonferenz in Frankfurt als eine Art Kronzeuge präsentiert worden. Denn natürlich sind in der Öffentlichkeit in den vergangenen Tagen erhebliche Zweifel aufgekommen: Welchen Sinn macht eine derart umfangreiche Überwachung, die sich allein der DFB seit 2005 rund 200.000 Euro pro anno kosten lässt, überhaupt noch? Wie kann es angehen, dass international operierende Verbrecherbanden, wie von der Bochumer Staatsanwaltschaft recherchiert, im mutmaßlich größten europäischen Wettskandal dennoch bis zu 200 Fußballspiele in neun Ländern manipulierten, davon 32 allein in Deutschland?
Sportradar hat, das gab Geschäftsführer Koerl unumwunden zu, "keine Auffälligkeiten im diskutierten Zeitraum seit Januar 2009 zu den Spielen in Deutschland erfasst". Koerl erklärt das mit "illegalen Wettanbietern, also mit organisierter Kriminalität, die sich unserer Überwachung verschließt".
Die Fußballszene ist entsprechend aufgeschreckt. Die Gefahr durch Wettbetrug wird laut DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach inzwischen als "mindestens so groß wie die Gefahr durch Doping" eingeschätzt. Am Mittwoch wird sich Niersbach deshalb zur Krisensitzung zum Uefa-Hauptsitz nach Nyon aufmachen. Dort hatte er noch vor kaum vier Wochen in der "unseligen Thematik" nur Lob erfahren für das deutsche Überwachungssystem, für die nach den Untiefen um den längst wieder auf freiem Fuß befindlichen Skandalschiedsrichter Robert Hoyzer überarbeitete strenge DFB-Satzung und für die Ernsthaftigkeit, mit der sich deutsche Staatsanwälte dem Thema widmen. "Wir wurden als Musterverband dargestellt", sagte Niersbach am Montag nicht ohne eine gewisse Resignation in der Stimme.


Artikel kommentieren
Bookmark
Verlinken











