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Friedhelm Funkel

Dieses Jahr ist alles anders

VON INGO DURSTEWITZ

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr lachte die Sonne über dem schmucken Ria Park Hotel in Vale do Lobo. Kein Wölkchen am azurblauen Himmel der Algarve. Das prima Klima passte ganz hervorragend zur heimeligen Wohlfühlatmosphäre im Süden Portugals, und als die mitgereisten Reporter zur Mittagszeit in der Lobby zusammengetrommelt wurden, strahlten die Verantwortlichen der Frankfurter Eintracht um die Wette. Es galt, die Vertragsverlängerung von Trainer Friedhelm Funkel zu verkünden. Die war in handgestoppten 22 Sekunden unter Dach und Fach. Funkel durfte sich gar über eine maßvolle Gehaltserhöhung freuen. "Alle Leute, die gute Arbeit machen, kriegen ein bisschen mehr. Das ist bei uns nicht anders", jubilierte der eigens angereiste Aufsichtsratschef Herbert Becker.

Heute, zwölf Monate später, würde er das so nicht mehr formulieren. Ganz gewiss nicht.

Es war in der jungen Vergangenheit lieb gewonnene Eintracht-Tradition, des Trainers Arbeitsverhältnis zur winterlichen Jahreszeit unter Portugals Sonne um ein Jahr zu erweitern. Das galt stets als Formsache. Anno 2009 ist das erstmals anders. Die Personalie Funkel hat sich fast schon zu einem Politikum entwickelt. Hinter den Kulissen wüten heftige Diskussionen. Vorstandschef Heribert Bruchhagen würde gerne mit dem von ihm hoch geschätzten Trainer weiterarbeiten, er sieht den erfahrenen Übungsleiter gar als "unsere Lokomotive". Doch im Aufsichtsrat der Eintracht hat sich eine breite Front gegen den seit viereinhalb Jahren in Frankfurt wirkenden Chefcoach aufgebaut. Keine Weiterentwicklung, Mutlosigkeit, Defensivfußball, Kleinrednerei, keine Integration von Stareinkauf Caio: So lauten die Vorwürfe, von denen nicht alle, aber doch die meisten haltlos sind.

Die dienstältesten Bundesliga-Trainer
Dienstältester Trainer der Bundesliga ist aktuell Thomas Schaaf. Der 47- Jährige feiert am 10. Mai bei Werder Bremen zehnjähriges Dienstjubiläum. Am längsten danach ist Friedhelm Funkel im Amt - seit 1. Juli 2004.

Noch länger als Funkel bei Eintracht Frankfurt war bislang nur Erich Ribbeck (von 1968 bis 1973) tätig. Seit 1990 gab es 15 verschiedene Eintracht-Trainer, darunter Jörg Berger, Klaus Toppmöller, Jupp Heynckes, Horst Ehrmantraut oder Felix Magath.

Den ewigen Trainer-Rekord der Liga hält immer noch Volker Finke. Der Oberstudienrat, derzeit Trainer bei Urawa Red Diamonds in Japan, war 16 Jahre lang (1991 bis 2007) beim SC Freiburg in der Verantwortung. Der heute 60-Jährige überstand unter Präsident Achim Stocker sogar drei Abstiege in die zweite Liga.

Ihm folgt Otto Rehhagel, der 14 Jahre bei Werder Bremen das uneingeschränkte Sagen hatte - von 1981 bis 1995.


Eintracht Frankfurt, Blog-G: Ingo Durstewitz bloggt aus dem Trainingslager der Eintracht an der Algarve. Diskutieren Sie mit!
Fachkraft Funkel, das ist bei nüchterner Betrachtung unbenommen, holt im Großen und Ganzen das Beste aus der mittelmäßigen Mannschaft heraus. Gerade, als der Eintracht im zurückliegenden Herbst das Wasser in der Bundesliga bis zum Hals stand, riss der ausgebuffte Kapitän das Ruder herum und brachte den Kahn mit Ruhe und Besonnenheit wieder auf Kurs. Mit einem Kader übrigens, der durch eine unglaubliche Verletzungsmisere fast schon ausgeblutet war. Funkel versteht es wie kaum ein anderer, aus wenig viel zu machen. Mit dem 55-Jährigen, diese Meinung herrscht mittlerweile in Frankfurt vor, wird die Eintracht niemals absteigen. Aber wird sie mit ihm auch nach oben kommen? Das glauben nicht alle. Vor allem Aufsichtsratschef Becker gilt als erbitterter Gegner des Coaches.

Eine Vertragsverlängerung mit Funkel fällt zwar einzig und allein in das Hoheitsgebiet des Vorstands, doch selbst Bruchhagen räumt ein, dass er ein mehrheitsfähiges Votum für ideal hält. "Natürlich streben wir den Konsens an", sagt er. Den erzielte der mächtige Vorsitzende in den vergangenen fünf Jahren bei allen seinen Entscheidungen, das überwachende Gremium, befindet er, habe nie ins operative Geschäft eingegriffen. Nun aber droht das Kontrollorgan der Eintracht erstmals, einen eigentlich schon gefassten Beschluss zu torpedieren. Die Macht dazu hat es. Investitionen von mehr als 500 000 Euro muss nämlich der Hautpausschuss, bestehend aus den Räten Herbert Becker, Peter Fischer, Reinhard Gödel und Bernd Ehinger, absegnen.

Im Fall Funkel bestehen erhebliche Zweifel an der Zustimmung, drei der vier Herrschaften sollen sich gegen eine Weiterbeschäftigung ausgesprochen haben. Sollte der Ausschuss die Investition, die ein Volumen von etwa 800 000 Euro haben dürfte, ablehnen, "käme ein Vertrag nicht zustande", sagt Bruchhagen. Der 60-Jährige, dem zu Saisonbeginn auch erste Zweifel an Funkel kamen, könnte das als Affront auffassen und sein Schicksal an das von Funkel knüpfen. Frei nach dem Motto: Wer mir nicht folgt, muss mich halt entlassen. Das würde der Aufsichtsrat niemals wagen, schließlich gilt der in der Branche höchste Wertschätzung genießende Eintracht-Boss als Architekt des Frankfurter Aufschwungs.

Ob es Bruchhagen aber auf eine Konfrontation ankommen lässt? Oder sich doch lieber um Ausgleich bemüht und Überzeugungsarbeit leistet? Zurzeit sieht es so aus, als ob man die heikle Trainerfrage einfach vertagt. Zwar sollen in Portugal erste sondierende Gespräche geführt werden, aber ein Abschluss ist eher nicht zu erwarten. Womöglich wird die Eintracht erst abschließend im März über Funkel befinden. Die Frage ist indes auch, ob der in Frankfurt polarisierende Trainer bei den Ränkespielchen - und den öffentlichen Anfeindungen zu Saisonbeginn - noch große Lust verspürt, bei der Eintracht weiterzuarbeiten. Bruchhagen springt dem Trainer zur Seite, er sieht dessen Arbeit schlichtweg nicht genügend gewürdigt: "Die Frage ist nicht, ob wir mit ihm verlängern wollen. Die Frage müsste lauten: Will Funkel bei uns verlängern?"


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Dokument erstellt am 07.01.2009 um 21:52:02 Uhr
Letzte Änderung am 08.01.2009 um 07:54:24 Uhr
Erscheinungsdatum 08.01.2009 | Ausgabe: S
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