Und dann ist Hans-Jürgen Boysen doch tatsächlich gefragt worden, was er demjenigen entgegnen würde, der seine Mission beim FSV Frankfurt als aussichtslos bezeichnete. Der Fußball-Lehrer musste für eine paar Sekunden überlegen, dann antwortete er kurz und knackig: "Ich würde sagen: Der hat keine Ahnung." Die Lacher hatte Boysen da schon einmal auf seiner Seite.
Es war einiges los im Presseraum am Bornheimer Hang, für die Vorstellung eines neuen Trainers bei einem Zweitligisten sogar verdammt viel; sechs, sieben, acht Fotografen stürzten sich auf Boysen, als sich dieser um zwölf Uhr mittags den Weg durch die Menge bahnte, erst artig jedem Journalisten die Hand schüttelte, es dann aber dabei beließ, zur Begrüßung auf den Tisch zu klopfen.
Es waren einfach zu viele. Es lag sicher an seinem geräuschvollen Abgang aus Offenbach, diesem aufflammenden Nachbarschaftsstreit am Main, dass die Medienpräsenz üppig war. Boysen, 52, sah topfit aus, war aber hundemüde. Die vergangenen Tage, sie sind nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. "Der Schlaf war rar, ich muss früh ins Bett, mal ausschlafen", sagte er zur Begrüßung.
Seiner neuen Aufgabe aber blickt er mit Feuereifer entgegen. "Ich freue mich wahnsinnig", sagte er. Er wertet den Abgang aus Offenbach und den Einstieg in Frankfurt als "Aufstieg", vom vorletzten Tabellenplatz der Bornheimer und den teils desolaten Leistungen der Mannschaft lässt er sich nicht schrecken. "Die schwierigen Aufgaben sind die reizvollsten", sagt er knapp.
Boysen stürzt sich in die Arbeit, setzt täglich zwei Trainingseinheiten an und will seiner Mannschaft vor allen Dingen ein straffes Defensivkonzept anlegen. "Die Defensive ist das Fundament für eine erfolgreiche Weiterentwicklung", sagte er. Und: "Wir haben einfach zu viele Gegentore kassiert." Ob Manfred Binz, der bisherige Co-Trainer, den Weg mitgehen darf? Sicher ist das nicht, Binz wurde nach FR-Informationen bis Montag freigestellt. "Es wird keine Veränderungen im Trainerstab geben", sagte Boysen dennoch, schränkte aber ein: "Wir sind übereingekommen, dass ich im Falle der Unzufriedenheit reagieren kann."
Boysen hat den FSV in dieser Runde noch nicht live gesehen, will sich nun aber die DVDs der Spiele "einverleiben". Ob er danach seine Entscheidung bereut?
Sehr wahrscheinlich ist das nicht, denn in Offenbach sah er ohnehin keine Zukunft mehr. "Die Ära Kickers Offenbach ist für mich abgehakt", sagte er. Boysen war zermürbt von den Dissonanzen mit der OFC-Führung, er wusste von den Verhandlungen der Kickers-Verantwortlichen mit zwei anderen Trainern während seiner Amtszeit, und er hatte bereits vor einiger Zeit die Entscheidung getroffen, den OFC nach dem Ende dieser Spielzeit zu verlassen.
Nun ging alles viel schneller. Am Sonntagabend gegen 23 Uhr kontaktierte ihn FSV-Geschäftsführer Bernd Reisig erstmals telefonisch (nachdem sich Reisig bereits mit einem anderen Kandidaten persönlich getroffen hatte), am Montag informierte Boysen den OFC von der Absicht, seinen Vertrag zu kündigen, am Dienstag dann schloss er die Verhandlungen mit dem FSV ab. Die Kickers legten dem scheidenden Trainer, der wegen einer Vertragsklausel zum 30. November kündigen konnte, keine Steine in den Weg. "Der Ärger über seine Vorgehensweise ist schon da, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die vielen gemeinsamen Jahre zu erfolgreich waren. Das soll in der Erinnerung überwiegen", so Vizepräsident Thomas Kalt. Das hatte sich am Dienstag noch anders angehört, da wollte der OFC die Freigabe verweigern.
Auf FSV-Geschäftsführer Reisig sind die Kickers-Oberen aber immer noch stinksauer, weil dieser dem Nachbarn den Trainer abgeworben hat. Die Kickers wollen nun einen Beschwerdebrief an den DFB und die DFL schicken. Und Reisig ist zur Persona non grata erklärt worden: "Wir bitten Bernd Reisig, den Bieberer Berg nicht mehr zu besuchen. Das ist kein Verbot, das ist eine Bitte", sagte Kalt. Für den VIP-Raum gilt die Bitte nicht. "Da", sagte Kalt, "kommt er nicht mehr rein."



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