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15. März 2010
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Weltbank

Das Heer der Armen ist größer als gedacht

VON ROLAND BUNZENTHAL

Es gibt mehr arme Menschen auf dieser Welt, als sich die Experten bislang ausgerechnet haben. Zu diesem Ergebnis gelangt jetzt die Weltbank nach einer gründlichen Überarbeitung des statistischen Materials. Danach müssen 1,4 Milliarden Frauen, Männer und Kinder gegenwärtig mit weniger als 1,25 Dollar Einkommen je Tag auskommen.

Bislang galt als aktuelle "Hausnummer" die Zahl von 879 Millionen absolut Armer für das Jahr 2005. Damit wären nur noch gut 16 Prozent der Menschheit unter diese Definition gefallen. Als Grenze galt jedoch bisher ein täglicher Betrag von genau einem Dollar.

Die Korrektur der empirischen Basis hat Konsequenzen für die Millenniumsziele der Vereinten Nationen. Diese sehen nämlich bis zum Jahr 2015 eine Halbierung des Anteils armer Menschen vor. Ausgangsbasis ist hier der Stand von 1990 mit 1,3 Milliarden Betroffenen, das entsprach damals 30 Prozent der Weltbevölkerung - demnach wäre das Ziel der Halbierung in greifbare Nähe gerückt.

Nun muss man bei der Revision der Daten natürlich auch die Vergangenheit korrigieren. Danach ist die Armut zwischen 1990 und 2005 (aus diesem Jahr stammen die "aktuellen" Zahlen) von 1,8 Milliarden auf 1,4 Milliarden ges schrumpft. Relativ gesehen ein Rückgang von 42 auf 26 Prozent. Damit bleibt noch eine längere Wegstrecke zum Ziel der UN.

Zwei Gründe nennt die Weltbank für die Korrektur der Daten: Die etwas höhere Schwelle, von der an Armut definiert ist. Der ungerade Wert von 1,25 Dollar pro Tag ergibt sich als Durchschnitt der entsprechenden nationalen Grenzwerte der ärmsten Staaten.

Wie sehr es auf die Höhe der Messlatte ankommt, zeigt eine weitere Berechnung: Legt man die Latte auf den Wert von zwei Dollar täglich als Minimum, schnellt die Zahl der darunter Liegenden weltweit auf 2,6 Milliarden oder 48 Prozent der Weltbevölkerung hoch. Weite Teile Osteuropas und Zentralasiens liegen in dieser Einkommenszone.

Weltbank sieht regionale Erfolge


Der zweite Grund für die Zunahme ist die erweiterte statistische Basis, auf der die neuen Daten berechnet wurden. Die Weltbank hat dazu 675 Haushaltsbefragungen in 116 Ländern verarbeitet und vergleichbar gemacht, bei denen insgesamt 1,2 Milliarden Menschen in ihren Geldbeutel blicken ließen. Das Erhebungsjahr 2005 bedeutet allerdings, dass die jüngsten Preisexplosionen bei Energie und Nahrungsmitteln mit ihren Folgen für die Verarmung noch nicht erfasst sind.

Dennoch sieht die Weltbank regional "große Fortschritte bei der Bekämpfung der Armut". Vor allem in Asien ist der Rückgang deutlich sichtbar: So sank die Armut in China seit 1981 von damals 835 Millionen auf "nur" noch 207 Millionen Menschen 2005. In der übrigen Dritten Welt ist zwar der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung im Untersuchungszeitraum gefallen. Absolut gesehen stagniert jedoch die Zahl der Armen in Entwicklungsländern außerhalb Chinas bei 1,2 Milliarden.

Am schlimmsten sieht es nach wie vor in Afrika südlich der Sahara aus: Dort kletterte die Armut von 200 Millionen auf 380 Millionen. Hier ist zu befürchten, dass durch das teure Öl und den Preisanstieg bei Nahrungsmitteln weitere Millionen Familien verelenden werden. Die Tatsache, dass das Armutsniveau sich zäher gegenüber Senkungsversuchen verhält als bislang angenommen, bedeutet für den Weltbank-Vizechef Justin Lin, "dass wir unsere Anstrengungen verdoppeln müssen, insbesondere in Afrika".

Die Erhöhung der Armutsgrenze von einem auf 1,25 Dollar ist auch dadurch gerechtfertigt, dass der Dollar gegenüber fast allen anderen Währungen an Wert verloren hat. Die Bank rechnet die Statistiks-Daten deshalb um in Kaufkraft-Paritäten. Zu den Millenniums-Zielen gehören auch Fortschritte bei Gesundheit und Bildung. Doch hängen diese eng mit der wirtschaftlichen und sozialen Situation der Menschen zusammen.

Als "erschütternd" bezeichnet Peter Wahl von der Entwicklungsorganisation Weed die Weltbank-Zahlen, angesichts jahrzehntelanger Armutsbekämpfungsprojekte. Zugleich sieht er darin ein Stück Selbstkritik der Bank. Es zeige aber auch, so Wahl, dass die herkömmliche Entwicklungshilfe nicht ausreiche - notwendig seien innovative Finanzierungsinstrumente wie die Tobin-Steuer.
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Dokument erstellt am 27.08.2008 um 16:40:30 Uhr
Letzte Änderung am 27.08.2008 um 20:33:28 Uhr
Erscheinungsdatum 28.08.2008
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