Als der Ökonom Nikolai Kondratieff vor genau 70 Jahren am 17. September 1938 von Stalins Exekutionskommando erschossen wird, scheint auch seine umfassende Wirtschaftstheorie verloren. Jahrelang interessiert sich niemand dafür. Dabei liefert Kondratieff eine der originellsten Erklärungen von Wirtschaftszyklen und Finanzkrisen.
Was Ökonomen sonst diskutieren, um Wirtschaftspolitik zu gestalten - Preise, Löhne, Zinsen und Geldmenge - sind für Kondratieff nur die Folgen, nicht die Ursache für wirtschaftliche Entwicklung. Er sieht den Motor der Wirtschaft in den Verbesserungen des realen Lebens. Sie sparen Zeit und Kraft; so entstehen Arbeitsplätze und Wohlstand.
Innovation entwickelte sich immer dort, wo für Unternehmer gerade der größte Flaschenhals ist. Wenn ein Produktionsfaktor - etwa der Transport - im Verhältnis zu den anderen Produktionsmitteln zu knapp, zu aufwändig und daher zu teuer wird, stagniert die Wirtschaft. Unternehmer machen kaum noch Gewinne und haben keinen Grund, zu investieren und Menschen zu beschäftigen. Wenn aber dann eine grundlegende Erfindung - etwa die Eisenbahn - die Knappheit überwindet, fließt das Geld in diesen Sektor. Die freigesetzten Ressourcen werden in anderen Branchen ausgegeben, die Wirtschaft boomt.
Über die vergangenen zwei Jahrhunderte gab es fünf lange Zyklen, getragen von den Erfindungen Dampfmaschine, Eisenbahn, elektrischer Strom, Auto und zuletzt Computer. Zusammen mit dazu gehörenden technischen und sozialen Neuerungen hoben sie den Wohlstand auf ein neues Niveau und veränderten die Art, wie sich eine Gesellschaft organisiert. Bis sie alle Bereiche des Lebens durchdrungen haben. Dann treten die Unternehmen auf der Stelle, es lohnt sich nicht mehr zu investieren.
Das Geld wandert in die Spekulation: In Aktien, Rohstoffe und Immobilien, die völlig überbewertet werden - so wie 1873 nach dem Eisenbahnbau und 1929 nach der Elektrifizierung, oder jetzt nach der Ausbreitung des Computers mit Finanzkrise und Bankenkrach.
Wissen als knappes Gut
Was also ist die nächste Knappheit, vor der die Welt steht? Viele meinen: Energie und Rohstoffe. Doch wer diese verbrauchen darf, das entscheidet sich letztlich danach, wer sie am effizientesten verwendet. Und das hängt ab von der Qualität der Wissensarbeit. Das einzige, was knapp sein wird, sind gebildete Menschen und ihre Problemlösungs-Wertschöpfung. Weil Bildung zu einer teuren, Jahrzehntelangen Investition wird, muss sie sich auch länger amortisieren. Die Nachfrage nach Gesunderhaltung wird so stark, dass sie einen Aufschwung tragen kann. Was an Hardware zu dem nächsten Strukturzyklus beitragen wird - Gentechnik, Nanotechnologie in der Medizintechnik, andere materielle Gesundheitsinvestitionen - sind nur das Drumherum um die Knappheit an intelligenter, unstrukturierter, kooperativer Informationsarbeit und ihrer produktiven Lebensarbeitszeit. Gesundheitspolitik wird sich in Zukunft vor allem um die Gesunderhaltung der Gesunden drehen, mit kostenloser Prävention, aber mehr Eigenverantwortung für den eigenen Lebensstil - am 30. Geburtstag hat sich weitgehend entschieden, ob jemand bis 60 wird arbeiten können.
In der Wissensarbeit wird künftig jeder einzelne zu einem unverzichtbaren Spezialisten, dessen Kompetenzen mit denen der anderen zusammenfließen müssen. Doch die bisherigen hierarchischen Firmenstrukturen unterdrückten den Informationsfluss. In Zukunft wird es Gummihierarchien geben, in denen jeder den Stellenwert hat, den die tagesaktuellen Anforderungen ergeben.
Starker Anpassungsdruck
Mit flachen Strukturen und ständig wechselnden Partnern, Kunden und externen Mitarbeitern haben sich die Schnittstellen vervielfacht und damit auch die Gründe, sich mit anderen zu streiten.
Zum ersten Mal stehen wir vor einer immateriellen Knappheitsgrenze in einer zunehmend immateriellen Wirtschaft: Dass Informationsarbeit nicht ausreichend effizient ist, dafür sprechen viele Indikatoren wie innere Kündigung oder Kommunikationsprobleme - die Berufstätigen geraten vor allem mit ihrem Sozialverhalten unter den Druck, effizienter zusammenzuarbeiten, um Wissen besser zu nutzen. Am Ende werden wir es gelernt haben: Die ganz normale Krise nach dem Computer-Strukturzyklus wird uns dabei helfen.


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