Jan Mendes* Hände sind zu geschwollen für seinen Ehering. Seine zehn Fingernägel sind weiß unterlaufen. Mende ist Krempler bei einem Autozulieferer im Ruhrgebiet. Wenn er hundertfach am Tag den Stoff über Autositze zieht, knicken seine Nägel oft um.
"Wir müssen die scheußlichste Arbeit machen", sagt der Endvierziger. Wir, das sind Mende und 50 weitere Leiharbeiter, die in diesem Werk Innenausstattung für Autos von Opel und Ford fabrizieren.
Aus Angst vor einer Entlassung wollen sie anonym bleiben. "Ich traue mich nicht einmal, eine Zigarette zu rauchen", erzählt Mende. Während die fest angestellten Mitarbeiter alle zwei Stunden mal auf eine Kippe rausgehen, harrt er am Fließband aus.
Seit zwei Monaten arbeitet er im Betrieb, er kann von heute auf morgen abgezogen werden. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung schätzt, dass aktuell 250.000 Leiharbeiter auf die Straße gesetzt werden könnten. Insgesamt gab es im vorigen Jahr über 700.000 Menschen, die nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz angestellt sind.
In Zeiten der Krise sind sie die ersten, die gehen müssen. Lautlos, ohne Streik und ohne öffentliche Aufregung, werden die geliehenen Malocher seit Monaten nach Hause geschickt.
Jeremy Miller* hat in diesem Jahr schon in drei Fabriken gearbeitet. War ein Auftrag für die Firma erledigt, ist auch sein Job beendet. Dann sitzt der groß gewachsene Mann mit Schnurrbart zu Hause neben dem Telefon und wartet darauf, dass seine Leiharbeitsfirma ihn anruft. "Morgen haben Sie Frühschicht in Hamm", heißt es dann etwa am Nachmittag vorher.
Früher hat Miller zwanzig Jahre bei einer kleinen Fahrradfirma Laufräder montiert. Als sie pleiteging wandte er sich an die Arbeitsagentur. Für Menschen wie ihn, gering qualifiziert und über 45 Jahre alt, hat das Amt keine Jobs.
Der dreifache Vater erhielt einen Vermittlungsgutschein über 2000 Euro für die Leiharbeitsfirmen, die in jeder Stadt wie Pilze aus dem Boden schießen. Für das Geld vermittelte ihn die Agentur an Firmen, die gerade "Produktionshilfen" benötigen. Miller füllte einen dreiseitigen Vertrag aus.
Es ist ein Knebelwerk. "Sie werden eventuell bundesweit eingesetzt", heißt es da. Der Mitarbeiter ist zur auswärtigen Arbeitsleistung verpflichtet, auf jeder ihm zugewiesenen Stelle. Er erhalte in der Entgeltgruppe E1 pro Stunde 6,53 Euro brutto. Macht für Miller 900 Euro netto, bei 38 Stunden pro Woche, Frühschicht und Samstagsarbeit inklusive.
Am ersten Tag in der Fabrik erhielt er einen blauen Overall und schwarze Stiefel, die vorgeschriebene Sicherheitskleidung. Dafür wurden ihm 150 Euro vom ersten Lohn abgezogen. "Da musste ich ein paar alte Möbel zum Pfandhaus bringen", sagt Miller müde.