Brüssel. Beim Lohn- und Gehaltszuwachs sieht es für die Arbeiter und Angestellten in Deutschland eher mau aus: Verglichen mit ihren Kolleginnen und Kollegen in den anderen EU-Staaten lagen sie im vergangenen Jahr mit einem durchschnittlichen Reallohnzuwachs von 0,1 Prozent im unteren Drittel der 27 Mitgliedstaaten und deutlich unterhalb des EU-Mittels von 1,3 Prozent. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Studie der in Dublin beheimateten EU-Körperschaft für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofounds).
Allerdings sollten die deutschen Beschäftigten nicht gleich an der Durchsetzungsfähigkeit ihrer Gewerkschaften zweifeln und sich auch sonst vor voreiligen Schlüssen hüten. Denn genau betrachtet, sind die genannten Daten nicht besonders aussagefähig.
Erstens: Man muss den "Basiseffekt" beachten. Staaten wie Litauen, Lettland oder die Slowakei, die erst jüngst der Union beigetreten sind, haben bei der Produktivität und bei den Löhnen einen gewaltigen Nachholbedarf. Wenn dort die Einkommen, die oft kaum höher als ein Euro pro Stunde liegen, um mehr als acht oder neun Prozent steigen, sorgt das immer noch für ein Lohnniveau, das weit unter dem deutschen liegt. Die Studie vergleicht deshalb auch die Unterschiede zwischen den 15 "alten" EU-Staaten. Da lag der Zuwachs im vergangenen Jahr im Durchschnitt bei lediglich 0,5 Prozent.

Zudem berücksichtigen die nackten Zahlen keinerlei qualitative Aspekte der vereinbarten Einkommenssteigerungen. Wenn also in einzelnen Branchen Tarifparteien Qualifizierungskurse für die Belegschaften vereinbaren oder sich Beschäftigungsgarantien geben lassen und dafür auf größere Lohnsprünge verzichten, wird das in den Daten nicht deutlich.
Die Autoren der Studie machen denn auch auf die eingeschränkte Vergleichbarkeit ihrer Daten selbst aufmerksam. Das gilt auch für ein zweites Forschungsfeld: die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen für die gleiche Tätigkeit. Hier stehen deutsche Frauen extrem schlecht da: Zwischen Füssen und Flensburg betrugen geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede vor drei Jahren 23 Prozentpunkte. Das schiebt Deutschland auch hier ins untere Drittel des EU-Rankings. Wieder mangelt es an Differenzierung. So ist die in Deutschland und in den Niederlanden hohe Teilzeitarbeit von Frauen, bei entsprechend geringeren Einkommen, überhaupt nicht berücksichtigt.
Eurofound hat sich auch einzelne Wirtschaftssektoren angeschaut. Deutsche Banker etwa mussten sich nach einem Anstieg von 1,5 Prozent 2007 im vergangenen Jahr unter dem Strich mit einer Nullrunde abfinden. In Großbritannien, dessen Wirtschaft stark von Finanzdienstleistungen abhängt, sieht die Lage hingegen anders aus: Die britischen Banker konnten sich trotz der tobenden Finanzkrise in den vergangenen beiden Jahren über ein Plus von 3,5 Prozent freuen.


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