Vor genau einem Jahr passierte das Undenkbare: Die viertgrößte Investmentbank der Welt, Lehman Brothers, wurde von der US-Regierung fallengelassen. Und eindrücklicher als es jeder Roman oder jedes Lehrbuch beschreiben könnte, erlebte die Weltöffentlichkeit, was das Wörtchen systemisch bedeutet.
Überall auf der Welt mussten die Regierungen überstürzt Bankenrettungspakete schnüren, Garantien für die Spareinlagen der Bürger abgeben und Konjunkturprogramme auflegen. Das Weltwirtschaftssystem stand am Abgrund. Die unverantwortliche Pleite wirkte wie ein Brandbeschleuniger für die globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Womit wir bei der ersten Lehman-Lüge sind.
Nicht Lehman stand am Anfang der Krise, wie es gerne von Zentralbankern, Finanzministern und Bankaufsehern erklärt wird. Sie alle kaschieren mit dieser falschen Behauptung ihr krasses Versagen, die Krise und ihre wahren Gründe auch nur halbwegs verstanden zu haben. Lehman ist kaputt gegangen, weil Kapital und Kredit im September vergangenen Jahres bereits extrem knapp waren.
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Fotostrecke: Plaßmann karikiert die Banker und ManagerSchon damals trauten sich die Banken gegenseitig nicht mehr über den Weg, weil sie wussten, mit welchem Schrott sie gehandelt hatten. Und der Beginn der Wirtschaftskrise, die folgte, kann getrost auf den Januar 2008 datiert werden, als die USA, die bis dahin die überschüssige Weltproduktion aufkauften, in die Rezession schlitterten.
Doch in einer seltsamen Naivität taten die Verantwortlichen so, als sei nichts Dramatisches geschehen. Angestachelt von der Bundesbank erhöhte die Europäische Zentralbank noch im Juli 2008 die Zinsen, weil sie sich mitten in der Krise vor Inflation fürchtete.
Finanzministerium und Bankenaufsicht zeigten sich geschockt von den Verlusten bei der Hypo Real Estate und waren auf die Rettung nicht vorbereitet.
Wie das passieren konnte, bringt uns zur zweiten Lehman-Lüge. Gern wird die eigentliche Ursache der Finanzkrise auf zu niedrige Notenbankzinsen, vor allem in den USA, zurückgeführt. Die wahre Ursache dringt erst allmählich ins Bewusstsein der Verantwortlichen: Es war der neoliberale Glaube an die Vorteile unregulierter Finanzmärkte.
Je freier der Markt produziere, desto besser seien die Ergebnisse für die Gesellschaft. Ja, allein durch die effizienten Märkte würden die Banken ausreichend reguliert. Welch krasser Irrtum der Eliten in Staat und Wirtschaft!
Seit Jahren deuten Studien darauf hin, dass das Weltfinanzsystem mit jedem Deregulierungsschritt krisenanfälliger geworden ist. Und nur einmal in den vergangenen 110 Jahren gab es eine Epoche ohne Bankenkrisen - und zwar vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch des Festwechselkurssystems Bretton Woods: Die Wechselkurse lagen in der Hand von Beamten und durften sich nicht am Markt bilden, der Kapitalverkehr zwischen den Staaten war strikt reguliert, genauso wie der Wettbewerb unter den Banken.
Deshalb standen zwei Entscheidungen Pate bei der Krise: Die Freigabe der Wechselkurse 1971 sowie der Big Bang von Maggie Thatcher 1986. Über Nacht hatte die Britin im Londoner Finanzdistrikt die Regulierung aufgehoben.
Die These, Deutschland sei solide aufgestellt gewesen und deshalb unschuldig in die Krise geraten, ist die dritte Lehman-Lüge. Das wird beim Blick auf die Realwirtschaft klar. In den vergangenen zehn Jahren wuchs die Weltwirtschaft vor allem, weil Amerika mehr konsumieren konnte, als es selbst produzierte - finanziert durch fast wertlose Papiere, die Länder kauften, die mehr produzierten, als konsumierten, allen voran China, Deutschland und Japan.
Solange diese Länder nicht die globale Nachfragelücke durch stärkeren Konsum füllen, solange wird sich die Weltwirtschaft nicht nachhaltig erholen können. Permanente Exportüberschüsse, wie sie die deutsche Volkswirtschaft anstrebt, sind genauso für die Krise verantwortlich wie das Pendant, permanente Leistungsbilanzdefizite der angelsächsischen Länder. Diese Erkenntnis ist den Deutschen noch fremd.
Lehman Brothers ist Geschichte, die globale Krise dagegen noch nicht einmal im Ansatz gelöst.


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