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Leitartikel zur Finanzkrise

Die Lehman-Lügen

Von Robert von Heusinger

Vor genau einem Jahr passierte das Undenkbare: Die viertgrößte Investmentbank der Welt, Lehman Brothers, wurde von der US-Regierung fallengelassen. Und eindrücklicher als es jeder Roman oder jedes Lehrbuch beschreiben könnte, erlebte die Weltöffentlichkeit, was das Wörtchen systemisch bedeutet.

Überall auf der Welt mussten die Regierungen überstürzt Bankenrettungspakete schnüren, Garantien für die Spareinlagen der Bürger abgeben und Konjunkturprogramme auflegen. Das Weltwirtschaftssystem stand am Abgrund. Die unverantwortliche Pleite wirkte wie ein Brandbeschleuniger für die globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Womit wir bei der ersten Lehman-Lüge sind.

Nicht Lehman stand am Anfang der Krise, wie es gerne von Zentralbankern, Finanzministern und Bankaufsehern erklärt wird. Sie alle kaschieren mit dieser falschen Behauptung ihr krasses Versagen, die Krise und ihre wahren Gründe auch nur halbwegs verstanden zu haben. Lehman ist kaputt gegangen, weil Kapital und Kredit im September vergangenen Jahres bereits extrem knapp waren.

Begonnen hat das Desaster, wenn man´s genau nimmt, Mitte 2006, als die amerikanischen Häuserpreise zu fallen begannen. Damals wurde den obskuren Finanzprodukten der letzte reale Wert entzogen. Spätestens Ende Juli 2007, als die Geldmärkte kollabierten, auf denen sich die Banken untereinander Geld leihen, brach die Finanzkrise aus.

Schon damals trauten sich die Banken gegenseitig nicht mehr über den Weg, weil sie wussten, mit welchem Schrott sie gehandelt hatten. Und der Beginn der Wirtschaftskrise, die folgte, kann getrost auf den Januar 2008 datiert werden, als die USA, die bis dahin die überschüssige Weltproduktion aufkauften, in die Rezession schlitterten.

Doch in einer seltsamen Naivität taten die Verantwortlichen so, als sei nichts Dramatisches geschehen. Angestachelt von der Bundesbank erhöhte die Europäische Zentralbank noch im Juli 2008 die Zinsen, weil sie sich mitten in der Krise vor Inflation fürchtete.

Finanzministerium und Bankenaufsicht zeigten sich geschockt von den Verlusten bei der Hypo Real Estate und waren auf die Rettung nicht vorbereitet.

Wie das passieren konnte, bringt uns zur zweiten Lehman-Lüge. Gern wird die eigentliche Ursache der Finanzkrise auf zu niedrige Notenbankzinsen, vor allem in den USA, zurückgeführt. Die wahre Ursache dringt erst allmählich ins Bewusstsein der Verantwortlichen: Es war der neoliberale Glaube an die Vorteile unregulierter Finanzmärkte.

Je freier der Markt produziere, desto besser seien die Ergebnisse für die Gesellschaft. Ja, allein durch die effizienten Märkte würden die Banken ausreichend reguliert. Welch krasser Irrtum der Eliten in Staat und Wirtschaft!

Seit Jahren deuten Studien darauf hin, dass das Weltfinanzsystem mit jedem Deregulierungsschritt krisenanfälliger geworden ist. Und nur einmal in den vergangenen 110 Jahren gab es eine Epoche ohne Bankenkrisen - und zwar vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch des Festwechselkurssystems Bretton Woods: Die Wechselkurse lagen in der Hand von Beamten und durften sich nicht am Markt bilden, der Kapitalverkehr zwischen den Staaten war strikt reguliert, genauso wie der Wettbewerb unter den Banken.

Deshalb standen zwei Entscheidungen Pate bei der Krise: Die Freigabe der Wechselkurse 1971 sowie der Big Bang von Maggie Thatcher 1986. Über Nacht hatte die Britin im Londoner Finanzdistrikt die Regulierung aufgehoben.

Die These, Deutschland sei solide aufgestellt gewesen und deshalb unschuldig in die Krise geraten, ist die dritte Lehman-Lüge. Das wird beim Blick auf die Realwirtschaft klar. In den vergangenen zehn Jahren wuchs die Weltwirtschaft vor allem, weil Amerika mehr konsumieren konnte, als es selbst produzierte - finanziert durch fast wertlose Papiere, die Länder kauften, die mehr produzierten, als konsumierten, allen voran China, Deutschland und Japan.

Solange diese Länder nicht die globale Nachfragelücke durch stärkeren Konsum füllen, solange wird sich die Weltwirtschaft nicht nachhaltig erholen können. Permanente Exportüberschüsse, wie sie die deutsche Volkswirtschaft anstrebt, sind genauso für die Krise verantwortlich wie das Pendant, permanente Leistungsbilanzdefizite der angelsächsischen Länder. Diese Erkenntnis ist den Deutschen noch fremd.

Lehman Brothers ist Geschichte, die globale Krise dagegen noch nicht einmal im Ansatz gelöst.
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Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 14.09.2009 um 16:22:03 Uhr
Letzte Änderung am 13.01.2010 um 13:05:47 Uhr
Erscheinungsdatum 14.09.2009 | Ausgabe: d
Kommentare
1. Treffend geschildert!
Genau so ist es.

Bis auf die Vögel von der FDP haben das mittlerweile auch die meisten mitbekommen, glaube ich...



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2. Lehren aus der Krise?
Die Finanzkrise hat viele Ursachen. Keiner sollte überrascht sein, wenn die Verursacher und Verantwortlichen ihren Anteil an der Krise und ihren Folgen kleinreden oder gar andere dafür verantwortlich machen.
Es ist aber besonders ärgerlich, dass es so lange dauert, bis überhaupt die richtigen Schlussfolgerungen und Konsequenzen gezogen werden. Präsident Obamas heutige Grundsatzrede trifft zwar den richtigen Ton, es bleibt aber abzuwarten, ob eine Umsetzung der angekündigten Massnahmen überhaupt gelingt



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3. Wer noch mehr Krise will, kann CDU und FDP wählen
Eine sehr gute sachliche Zusammenfassung der Ereignisse und Ursachen.
In der deutschen Immobilienzeitung, die in den Investmentfonds intensiv wahrgenommen wird, wurde schon 2005 vor der Immobilienblase in den USA gewarnt.
Es ist unfassbar, wie die Politiker der ganz großen Jamaika-Koalition über Jahre weggeschaut haben oder noch Vorschub geleistet haben. Die Krise kam nicht überraschend. Und es ist immer noch nichts geschehen, um die Zockerei auf Kosten der kleinen Leute zu beenden.
Am Wahltag ist die Gelegenheit da, zu zeigen, dass man das nicht will.



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4. Die nächsten Blasen sind schon in Arbeit
Sehr treffende Darstellung der Zusammenhänge, nur leider haben das die CDU CSU SPD und vor allem die FDP noch nicht mitbekommen. Die Banker und Ihre Lobby natürlich erst recht nicht, mit mitleidigem Blick auf die Lippenbekenntnisse von Angela und Co zu Boni-Begrenzungen werden schon wieder munter Risiken gesucht um möglichst hohe Boni zu kassieren. Was nicht nur Deutschland, sondern die Welt braucht ist eine grundlegende Veränderung der Finanz-und Wirtschaftsarchitektur hin zu einem Gleichklang von Realwirtschaft und Finanzwirtschaft. Banken haben eigentlich nur die Aufgabe die Realwirtschaft mit Kapital zu vertretbaren Zinssätzen zu versorgen.
Wer oder was hindert unsere Regierungen eigentlich daran die Gesetzesänderungen zur Deregulierung der Finanzmärkte wieder zurück zu nehmen ??



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5. Aufgaben des Staates
Vielleicht wäre es gut, wenn auch Journalisten mal ein bischen recherchieren würden. Dann würden sie nämlich wissen, dass nach einer neuesten Studie (die natürlich, weil nicht ins Weltbild passend, in der FR ignoriert wird), staatliche deutsche Banken 2-3 mal so viel in der Krise verloren haben wie private Banken. Was könnte uns das lehren? Zu glauben, die bösen, neoliberalen Zockerbanken seien schuld, ist nämlich reichlich naiv. Nein, die Wahrheit ist einfach: Neid und Gier gehören zum Menschen, egal, ob es sich um Steuerbürger, Politiker oder Bankangestellte handelt. Und weil dies so ist, wird es immer wieder Exzesse geben - und dagegen helfen nur (als staatliche Aufgaben) klare Regeln, Kontrollen, Strafen, knappes Geld und Schuldenabbau, jedoch auch: Staatsferne Banken und Wettbewerb!



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