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18. März 2010
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Von Kundenschutz keine Spur

Datenschleuder Bundesagentur

Die Datenschutzmängel bei der Bundesagentur für Arbeit sind nach Informationen der Frankfurter Rundschau gravierender als bislang bekannt. Die jetzt auch wegen Sicherheitslücken bei ihrem Jobportal in der Kritik stehende Arbeitsagentur hat weitaus massivere Datenschutzprobleme bei einem neuen Computersystem zur Betreuung von Arbeitslosen, das gerade bundesweit eingeführt wurde.

Im Innern der Arbeitsagentur und der Arbeitsgemeinschaften (Argen) gibt es seit Wochen scharfe Kritik an dem System. Der FR liegen zahlreiche Schreiben von Personalräten aus dem ganzen Bundesgebiet vor, die das System datenschutzrechtlich für hoch gefährlich halten.

Es bestünden "erhebliche Bedenken zum Sozialdatenschutz", heißt es in einem Schreiben aus Hamburg, da Daten von Erwerbslosen gespeichert werden sollen, die sich auf Suchtkrankheiten und Verschuldung, oder schwierige familiäre Verhältnisse beziehen.

Leck auch bei Libri.de
Das Blog netzpolitik.org hat ein Datenleck beim Online-Buchhändler Libri.de offen gelegt. Kunden bekamen demnach bei einer Bestellung einen Link auf ihre Rechnung zugeschickt. Diese Internetadresse endete mit einer sechsstelligen Zahl. Wer einfach nur eine andere Zahl eingab, bekam die Rechnung eines anderen Kunden zu sehen.

500.000 Rechnungen konnten auf diese Weise abgerufen werden. Sie enthielten neben dem Namen des Kunden auch dessen Anschrift, das Kaufdatum, die jeweils gekauften Produkte, deren Preis, die Rechnungs- und die Kundennummer, den Namen der Buchhandlung, von der sich der Kunde das Produkt ausliefern lassen möchte, sowie die Bezahlungsweise. Nicht enthalten waren Kontonummern.

Die Betreiber von netzpolitik.org rund um Markus Beckedahl informierten nach einem ausführlichen Test am Mittwoch zunächst den Hamburger Landesdatenschutzbeauftragten sowie die Firma Libri.de. Erst nachdem die Sicherheitslücke geschlossen war, ver-öffentlichten die Blogger den Vorfall.

Wenige Stunden später kündigte Beckedahl über Twitter einen weiteren Fall an: "Ich komme den ganzen Hinweisen auf Datenlecks kaum noch nach. Aber der Neueste toppt alles. Datenschutz und Betreiber sind informiert."

Pikant ist im Fall Libri.de, dass die Online-Plattform mit einem "S@fer-Shopping"-Zertifikat vom TÜV-Süd für die angebliche Sicherheit ihres Angebots wirbt. (pb)
Zudem sollen auf das Computersystem mit dem Namen 4-PM ("Vier-Phasen-Modell") bundesweit alle rund 100 000 Mitarbeiter der Jobcenter und der Arbeitsagenturen zugreifen können. Aus Flensburg könne sich jeder die Daten in München anschauen und umgekehrt, heißt es.

Rechtswidrige Konstruktion


Aus Sicht der Personalräte fast aller deutscher Großstädte ein Unding. Mehr noch: eine rechtswidrige Konstruktion. Der Berliner Hauptpersonalrat sieht "das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Bürger verletzt" und will seinen Beschäftigten sogar "abraten, das Profiling entsprechend vorzunehmen", weil "sämtliche intimen und geheimen Daten der Bürger" wie etwa Suchtkrankheiten "bundesweit einsehbar" seien.

Man wolle sich nicht "einer Verletzung des Sozialgeheimnisses schuldig machen", heißt es in dem Papier. Auch aus Bremen, Hannover und Frankfurt kommt Protest.

Zu welchen Formen des Missbrauchs dies führen kann, zeigen Insider-Berichte aus der Bundesagentur für Arbeit: So wussten die Mitarbeiter der Argen schnell mehr über zwei bestimmte Kandidaten der Fernsehshow von Dieter Bohlen.

Weit über 10.000 Zugriffe auf ihre Datensätze verzeichnete das Computersystem der Arbeitsagentur nach deren Auftritt, bei dem die Männer auch ihre zeitweilige Arbeitssuche erwähnten.

Auch eine junge Frau war schockiert, als ihr neuer Freund sie auf manches Geheimnis ansprach. Dieser hatte über sie in den Datenbeständen der Bundesagentur recherchiert und wusste bestens Bescheid über ihre Einkommens- und Familiensituation, Schul- und Berufsausbildung, mögliche Erkrankungen und Vorstrafen.

Die Arbeitsagentur teilt auf Anfrage mit, dass das umstrittene System bereits eingeführt sei und benutzt werde. "Es gibt Mängel und Bedenken des Bundesdatenschutzbeauftragten", sagt eine Sprecherin. Auch bei einem anderen System, dem so genannten A2LL habe es schon "Einwände" des Datenschützers gegeben.

Jetzt arbeite man an Verbesserungen - bei laufendem Betrieb und nicht gerade zur Zufriedenheit der Datenschützer.

Berufswelt in Bildern
"Man hat uns erst informiert als das System freigeschaltet werden sollte", sagte der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, der FR. Die späte Information sei nicht akzeptabel. "Ich habe gedrängt, das System wegen massiver datenschutzrechtlicher Bedenken nicht in Betrieb zu nehmen", so Schaar.

Doch die Arbeitsagentur startete das bundesweite Programm gegen das Drängen der Datenschützer - mit einigen Einschränkungen. "Alleine dadurch sind aber die Bedenken nicht ausgeräumt", so Schaar, "es werden weiter bundesweite Zugriffsmöglichkeiten gegeben, die zweifelhaft sind."

Dass beim Thema Daten "höchste Sensibilität angebracht" sei, "das haben einige Verantwortliche bei der Bundesagentur offensichtlich noch nicht begriffen". Härter formuliert es Schaars Kollege aus Schleswig-Holstein: "Die Bundesagentur ist beim Thema Datenschutz eine Katastrophe", sagt Thilo Weichert. "Die Agentur hat nicht ansatzweise Sensibilität für dieses Thema."
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Dokument erstellt am 29.10.2009 um 09:29:34 Uhr
Letzte Änderung am 30.10.2009 um 08:23:41 Uhr
Erscheinungsdatum 29.10.2009
Kommentare
1. Sklavenmark
So langsam aber sicher kann man sich vorstellen und nachfühlen, wie es auf einem Sklavenmark früher vor ging.
Ich fass es nicht.
Seit Jahren redet die Politkaste von Datenschutz, ohne zu wissen, was es überhaupt ist - oder es nicht wissen will. Was ich eher vermute, denn so blöd kann einfach niemand sein.
Ein Schlaraffendland für Schnüffler und Stasifritzen.:-)
Der gläserner Bürger ist schon längst zerbrochen.



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2. Nicht nur Verrat von Bewerberdaten
Vom Inhaber einer mittelgroßen Schlosserei erhielt ich die Info, dass die BA im Wetteraukreis arbeitslose ältere Fachkräfte (u.a. Schlosser) nur an bestimmte Firmen vermittelt. Dort würden die Facharbeiter zu einem Hungerlohn beschäftigen, um bestimmte Arbeitsspitzen abzufangen. Es ginge sogar so weit, dass diese Arbeiter z.T. gar keinen Lohn bekämen, weil man mit deren Arbeitsleistung unzufrieden war. Die Arbeitsspitze war ja abgearbeitet.

Die BA vermittele sogar Arbeitslose an sog. Logistikunternehmen.
Dort würden waren für Großmärkte zusammengestellt und ausgefahren.
Wenn die Arbeiter dort nach einem Monat nach ihrem Lohn nachfragten, bekämen sie die Antwort, es gibt nix. Wenige Tage später würden der nächste ältere Arbeitslose anfangen, wieder gemeldet von der BA !



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3. Wenn ich mich gegen die Jobbörse wehren KÖNNTE
Leider ist es einem "modernen" arbeitssuchenden Bürger gar nicht möglich, keine Daten in der Jobbörse zu hinterlegen. Bei der Agentur für Arbeit bekommt man klipp und klar gesagt: wenn keine Daten hinterlegt werden, gibt es Leistungskürzungen. (So ist es zumindest mir passiert). Also ist man der Bürokratie hilflos ausgeliefert, sofern man auf die vollen Bezüge angewiesen ist. Es wäre schön, wenn es auch mal eine Lobby für arbeitssuchende Bürger gäbe.



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4. Datenschleuder Bundesagentur 1 von Angelika
Die BA hat nicht nur gewaltige Datenschutzprobleme. Hinzu kommt: Sie fördert die Altersdiskriminierung. Interessiert habe ich die Erfahrungen eines Arbeitsuchenden gelesen, die ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann.

www.derrivate.de/tag/jobborse/

Die Vermittlungspraxis der BA bzw. Agentur für Arbeit / Jobbcenter lässt sehr zu wünschen übrig. Sie ist einfach, meiner Erfahrung nach schlecht, schadet mehr als das sie nützt. Im Hinblick auf die Altersdiskriminierung besonders den unter 25-Jährigen und älteren Arbeitsuchenden.

Angelika



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5. Datenschleuder Bundesagentur 2 Angelika
Im Übrigen bin ich die Sozialpädagogin, die die Süddeutsche Zeitung auf die Sicherheitslücke in der Jobbörse der BA aufmerksam gemacht hat. Ich habe umfangreiche Tests auf der Jobbörse der BA durchgeführt und das Datenleck und diverse andere Probleme erkannt. Der WDR brachte am 12.10.09 eine Sendung zu dieser Problematik. Hier der Link:

http://www.wdr.de/tv/markt/sendungsbeitraege/2009/1012/04_jobboerse.jsp

Die Verbesserung, an die die BA nun arbeitet (Betriebsnummernabgleich) ist ein Windei., reicht meiner Meinung nicht aus, um das Datenleck zu reparieren und die Datenschutzrechte Arbeitsloser und Arbeitsuchender zu schützen.

Den Äußerungen des Datenschützers Thilo Weichert kann ich voll und ganz zustimmen!!

Angelika



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