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Thesenanschlag an der Paulskirche

Mit Luther gegen Zinsen

Von Miriam Bunjes

Sie wollen Streit. Zwei Theologen und zwei Ökonomen – genannt: Initiativkreis 9,5 – schlagen am Freitag Thesen an die Tür der Frankfurter Paulskirche, um die Institution Kirche zum Umdenken zu bringen. Wie in Martin Luthers 95 Thesen vor 492 Jahren geht es in den 9,5 "Thesen gegen Wachstumszwang und für ein christliches Finanzsystem" um Geld.

"Ein christliches Finanzsystem hält das biblische Zinsverbot ein", sagt Gudula Frieling, Theologin an der TU Dortmund. Pünktlich zum Reformationstag am 31. Oktober soll die Diskussion in den Kirchen beginnen. "Es ist an der Zeit für Christen, aus dem heutigen Finanzsystem auszubrechen", sagt Frieling. Heißt: Christen sollen keine Zinsen mehr zahlen – und keine annehmen. Und die beiden großen Kirchen sollen damit anfangen.

Die Thesen leitet der Kreis aus der Bibel ab – und aus kritischen Geldtheorien. "In der Bibel steht klar ein Zinsverbot", sagt Frieling. Und zitiert aus dem Alten Testament:"Du sollst von deinem Bruder und deiner Schwester nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann" (Buch Deuteronomium 23,20).

Kirche und Geld
Weltspartag: Am 30. Oktober werben Sparkassen und Volksbanken dafür, dass ihre Kunden ordentlich was auf die hohe Kante legen. Der Aktionstag wurde 1924 vom Internationalen Sparkassenkongress ins Leben gerufen, um das Bewusstsein fürs Sparen und seine Bedeutung für die Vorsorge zu wecken.

Seitdem locken die Institut am Weltspartag vor allem die jungen Kunden mit Werbegeschenken. Im Sparen sind die Deutschen spitze. 2008 legten die Bundesbürger 11,2 Prozent ihres Einkommens auf die hohe Kante. Diese Sparquote wird auch für 2009 erwartet.

Reformationstag: Am 31. Oktober gedenken evangelische Christen der Reformation der Kirche durch Martin Luther. An diesem Tag im Jahr 1517 schlug der Theologe laut Überlieferung 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, um unter anderem eine Debatte über den Ablasshandel der katholischen Kirche anzustoßen. (tos)
Praktiziert wird das christliche Zinsverbot seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr. Die kirchlichen Banken investieren zwar in so genannte ethische Anlagen, kalkulieren aber mit dem üblichen Zinsgewinn. "Damit stehen auch sie unter dem Zwang, Gewinne zu machen", sagt Zirkel-Mitglied Ralf Becker, Analyst des Club of Rome. "Das schlägt im Zweifelsfall die Moral." Und um die geht es: "Zinsen lassen Reichtum und Armut unkontrollierbar wachsen", erklärt Becker. "Kirchen sollten daran nicht mitwirken."

"Zwang zum Wachstum ist dämonisch"


In den Thesen stehen daher Alternativen. Die drastischste: eine zinsfreie Kirchenwährung, gültig im Einflussbereich der Kirchen. Vorbild dafür ist das zinsfreie Regiogeld, das mancherorts als alternatives Zahlungsmittel akzeptiert wird. Andere Ideen: zinsfreier Geldverleih unter Christen, zinsfreie Geldanlagen christlicher Banken und ein Bewusstseinswandel, was Geld betrifft.

"Der Zwang zum Wachstum ist dämonisch", sagt Frieling. Auch Jürgen Kremer, Wirtschaftsmathematik-Professor am Remagener Rhein-Ahr-Campus, hält Zinsen für gefährlich. Damit steht er gegen den Mainstream der Volkswirtschaft, der im Geld ein wertfreies Tauschmittel sieht.

"Dogmatisch" findet das der Mathematiker. Er zeichnet den Kreislauf des Geldes so: Unternehmen verkaufen Produkte, die Kunden von dem Geld zahlen, das sie als Lohn erhalten. Firmen ohne Kreditschulden gibt es kaum. Die Firmen leihen Geld für die Produktion gegen Zinsen von den Sparern. Die Zinsen werden beim Produkt-Verkauf aufgeschlagen. Die Zinsen zahlen also die Käufer – auch die ohne Zinsen bringendes Vermögen.

Kremer schrieb ein Computerprogramm, das die ständige Wiederholung dieses Kreislaufes berechnet. Ergebnis: Das Geld verteilt sich von unten nach oben – mit steigender Geschwindigkeit. "Zinsen lassen Schulden und Vermögen bis ins Absurde wachsen", sagt Kremer. "Irgendwann sind die Schuldner so verschuldet und die Kaufkraft der Massen so gering, dass das System kollabiert."

Scharfe Antwort der Evangelischen Kirche


Die Kirchen halten bislang wenig vom Systemausstieg. Ihre Thesen verschickte Frieling vor Monaten an die christlichen Oberhäupter der Republik. Die Evangelische Kirche antwortete scharf. Die Anspielung auf Luther sei "lächerlich", das Thema verdecke wichtige andere Inhalte des Reformationstages. Die wenigen katholischen Bischöfe, die antworteten, fanden das Thema zwar interessant, aber finanziell schlecht umsetzbar.

Verlust muss ein zinsloses Bankensystem nicht zwangsläufig bedeuten. Am islamischen Bankensystem ging die Finanzkrise vorbei. Ob es wegen des religiösen Zinsverbotes moralischer arbeitet, bezweifelt der Marburger Finanzprofessor Bernhard Nietert. "Es hat nur andere Regeln. Ich halte es für sozialer, allen Zinsen zu zahlen, statt Sparer an Gewinn und Verlust zu beteiligen." Auch damit sollen sich Christen befassen – steht in These 7.


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Dokument erstellt am 29.10.2009 um 11:01:07 Uhr
Letzte Änderung am 29.10.2009 um 16:00:25 Uhr
Erscheinungsdatum 29.10.2009
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